Zwischen Gestern und Heute

Fahrt durch die Maramuresch und Siebenbürgen  

von Rainer Roth

Wenn man die gepflegten ungarischen Dörfer verlassen hat und nach Passieren der Grenze die ersten rumänischen durchfährt, kommt man in eine andere Welt, es ist wie ein Zeitsprung in vormoderne Zeiten. Immer noch. Die Häuser sind baufällig und heruntergekommen, die Höfe schmutzig, alles wirkt primitiv und rückständig, auf eine Art archaisch. Die erste Stadt, seelenlose Betonblöcke aus sozialistischen Zeiten, auch hier die alten Gebäude weitgehend unrenoviert, bröckelnd, kaum Neubauten. Ähnliche Bilder im ganzen Land, aber das ist nur die eine Seite, die neue Zeit hält auch in Rumänien unaufhaltsam Einzug.

Die Maramuresch ist eine wunderschöne Berglandschaft mit bewaldeten Höhen und grünen Wiesen, sie erinnert oft an Schwarzwaldlandschaften. Die Provinz an der Grenze zur Ukraine ist eine der ursprünglichsten, aber auch ärmsten Gegenden Rumäniens mit abgelegenen, weltvergessenen Dörfern. Ich biege in Harnicesti von der Hauptstraße nach Sighetu Marmatiei ab, fahre über Nebenstrecken nach Barsana, dann weiter über Rozavlea und Bogdan Voda nach Viseu de Sus/Wischau. Das Leben in den Dörfern wirkt wie Bauernleben, genauer Kleinbauernleben, vor 50, vor 80 Jahren, jedenfalls wie jenes über Jahrhunderte vor dem flächendeckenden Einsatz von Maschinen kaum veränderte. Die Bauern arbeiten mit einfachen Werkzeugen, Sensen und Holzrechen für die Wiesen, von Pferden oder Ochsen gezogene Pflüge für die Äcker, gemolken wird mit der Hand. Pferdefuhrwerke sind nach wie vor das gängige Transportmittel, in den Höfen laufen Hühner und anderes Federvieh frei herum, im Holzkoben grunzen einige Schweine, weiter gibt es meist ein oder zwei Kühe, auch Ziegen oder Schafe und natürlich mindestens ein Pferd. Alles wirkt schmutzig. Der Misthaufen liegt direkt neben dem Stall, Wasser kommt aus dem Brunnen, ein Bad gibt es in der Regel nicht und die Toilette ist das Plumpsklo außerhalb des Hauses. Die meist großen Grundstücke um die Häuser sind bepflanzt mit Obstbäumen, Gemüse wird angebaut. Die Bauern sind fast Selbstversorger, außer Brot müssen sie an Lebensnotwendigem nicht viel zu kaufen. Was sie allerdings auch nicht könnten, denn Geld haben die meisten kaum.

Ein Markt an der Straße nach Stramtura: Männer und Frauen in traditioneller Bauernkleidung, meist die älteren, ein Bauer hat zwei Schweine auf seinem Holzwagen zum Verkauf ausgestellt, ein anderer führt zwei Schafe am Strick. Dann eine unerwartete Begegnung in Rozavlea. Ein junger Typ erwartet mich an meinem Auto und spricht mich an. Ich bin zuerst abwehrend, weil ich ihn nicht verstehe und außerdem denke, er will nur Geld. Er fragt, ob ich französisch könne, ich antworte un peu. Da zieht er ein zerknittertes Schriftstück aus der Hosentasche, es stellt sich als deutscher Strafbefehl heraus, er möchte, dass ich ihm das Ganze erläutere. Es geht um 2400 Euro, 80 Tagessätze a  30 €, verhängt wegen Urkundenfälschung, genauer dem Herstellen einer unechten grünen Versicherungskarte. Er arbeitet in Frankreich und vor kurzem haben sie ihn an der deutschen Grenze erwischt. Ich verstehe nicht genau, was er wissen will. Glücklicherweise kommt eine Bekannte von ihm vorbei, die recht gut deutsch spricht. Er will wissen, wie viel Strafe er zahlen soll, da er bereits 200 Euro gezahlt hat und dachte, damit sei die Angelegenheit erledigt. Das war aber nur die Kaution, die immerhin angerechnet wird. Ob er den Rest zahlen müsse und wann? Zumindest den zweiten Teil der Frage kann ich ihm beantworten, der Strafbefehl ist bereits rechtskräftig.

Von Wischau aus führt ein unbefestigter Weg hoch ins Weintal (valea vinilui), wo sich die Pension befindet, die mir empfohlen wurde. Ein Hinweisschild gibt es nicht, aber dank der ausgedruckten Skizze finde ich sie. Björn Steiger, ein Deutscher aus Berlin, betreibt hier mit seiner rumänischen Frau Florentina einen sympathischen Beherbergungsbetrieb mit mittlerweile 14 Schlafplätzen. Björn, gelernter Bühnenbauer, widmet sich heute neben seinen anderen Tätigkeiten hauptsächlich eigenen Filmen über die beeindruckende Landschaft und ihre bisweilen skurrilen und eigenbrötlerischen Bewohner. Bleibt noch die Frage, warum das Weintal so heißt, obwohl hier gar kein Wein angebaut wird? Das Wasser schmecke hier wie Wein, lautet die Erklärung; es schmeckt zumindest sehr mineralisch.

 

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Von der Maramuresch fahre ich wieder über kleine Straßen gemütlich ins Siebenbürgische. Abermals die Szenen traditionellen Landlebens: Heute am Sonntag sitzen viele Leute auf der Bank vor ihrem Hof und schauen, wer so vorbeifährt. Manchmal ganze Familien, manchmal stehen Gruppen von Nachbarn zusammen, manchmal einzelne Alte. Auf dem Land herrscht noch ein gemächliches Tempo, nichts von der Hektik, der ständigen Unruhe moderner Gesellschaften. Als Zeitmaß gilt noch die Geschwindigkeit des Pferdefuhrwerks und des menschlichen Schritts. Wenn die Arbeit getan ist, sitzt man auf der Bank vor dem Haus, schaut was draußen passiert und Zeit für ein Schwätzchen mit Nachbarn ist immer. Aber Landleben in Rumänien ist natürlich keine bukolische Idylle. Es bedeutet vor allem ständige körperliche Arbeit, bei der im Ergebnis wenig rumkommt. Es reicht zum Leben, es reicht auch für selbst gebrannten Obstschnaps, der meist hervorragend schmeckt, aber es reicht schon kaum für das Bier in der Kneipe. Und es herrschen hygienische Bedingungen, die für uns kaum erträglich sind. Die Jungen wandern deshalb häufig aus, arbeiten im Ausland, Frankreich, Italien, Spanien und Deutschland. Mit dem Geld bauen sie sich ein modernes Steinhaus neben das alte Holzhaus der Eltern. Damit geht auch da eine Tradition verloren. Denn die ursprünglichen Bauernhäuser sind ganz aus Holz gebaut, die Dächer mit Holzschindeln gedeckt und die Wände innen mit Lehm verputzt. Das ist so genial wie einfach und man nutzt die Materialien, die natürlicherweise reichlich vorhanden sind. Und traditionell sind auch die aufwändig geschnitzten Holztore, die ein Zeichen für Wohlstand darstellten.

Siebenbürgen ist ein weites, hügeliges Land, in den Tälern sehr fruchtbar. Dort werden Mais, Gemüse, Kartoffeln angebaut, weiter oben ist Grasland. Die alten Sachsendörfer sehen ganz anders aus als die nördlichen, die Höfe liegen dicht an dicht an der Straße, Stein statt Holz als Baumaterial. Die niedrigen, massiven Häuser sind ungepflegt, teilweise verfallen, selten eines mit frischer Farbe versehen oder gar renoviert. Es leben kaum noch Deutsche darin, die meisten sind in den 70er und 80er Jahren, als die Situation im Land immer unerträglicher wurde, gegangen und kaum einer ist in den Zeiten danach zurückgekehrt. In den Höfen leben heute meist Zigeunerfamilien, sie haben die verlassenen Anwesen übernommen. Die alte siebenbürgisch – deutsche Kultur, die diese Gegend Jahrhunderte lang geprägt hat, ist untergegangen, man darf wohl konstatieren endgültig. Nur die Kulisse ihrer Bauwerke ist geblieben, als Nachklang, als Erinnerung an ihre Kultur, die sorgfältig angelegten Dörfer und die trutzigen Kirchenburgen.

 

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Sighisoara/Schäßburg ist im Kern eine mittelalterliche Stadt, die Gebäude erhalten, bisher nur wenige restauriert. Die Oberstadt auf dem Burgberg beginnt langsam ihr Gesicht zu verändern. In die alten Gemäuer ziehen moderne Cafes und rustikal gestylte Restaurants, Läden für Kunsthandwerk, eine kleine Art Gallery und für die Internationale der jungen Traveller gibt es ein Hostel mit Internet – Cafe. Es beginnt auch hier die in jeder renovierten alten Stadt von Spanien über Italien bis Kroatien zu findende gleiche Infrastruktur zu entstehen. Vermutlich wird Schäßburg, mindestens die Oberstadt, in einigen Jahren auch eine dieser aufwendig sanierten und herausgeputzten alten Städte sein und Scharen von Touristen werden sich mit anerkennenden Blicken durch die engen Gassen wälzen. Nur eine echte Stadt zum Leben existiert dann nicht mehr, sondern künstliche Kulisse, Freilichtmuseum mit hübschen Läden, schicken Restaurants, kleinen Cafes und überteuerten Pensionen und Hotels. Das entspricht offensichtlich dem Geschmack des europäischen Wohlstandstouristen. Das Ergebnis einer derartigen Entwicklung kann man bereits jetzt in Sibiu/Hermannstadt beobachten. Doch bisher spielt sich Tourismus in Schäßburg im erträglichen Rahmen ab und es finden sich noch manche skurrilen Relikte aus vergangenen Tagen. Eines ist das Hotel Steau direkt an der Hauptstraße 1.Dec.1918. Äußerlich ein altes Bürgerhaus wurde es innen gänzlich unter völliger Missachtung der vorhandenen Proportionen im sozialistischen Stil umgebaut. Ein überdimensioniertes, dunkles Treppenhaus aus Beton, belegt mit einem mittlerweile arg verschlissenen  roten Läufer, führt in die oberen Etagen. Von langen Gängen gehen die Zimmertüren ab, diese ebenfalls ausgelegt mit abgetretenem Teppichboden. Auf den Betten liegen uralte, durchgelegene Matratzen, dazu grün – weiß gestreifte Kunstfaserwolldecken. Die sanitären Anlagen befinden sich in stark erneuerungsbedürftigem Zustand, eingeschränkt funktionsfähig, schmuddelig, rostig die Metallteile. Die Farbe blättert von den Fenstern und den giftgrün gestrichenen Wände täte ein neuer Anstrich ebenfalls gut. Im Raum riecht es leicht muffig, jeder der vielen Hundert Vorgänger hat etwas von seinem spezifischen Körpergeruch zurück gelassen und über die Jahre haben sich alle zu einem allgemeinen ein Duft nach Mensch vereint. Aber in all seiner Scheußlichkeit und Heruntergekommenheit strahlt das Hotel doch einen Charme aus, den moderne Hotels niemals haben können. In seiner Verfallenheit zeigt sich etwas sehr Irdisches, eine brutale, ungeschminkte Vergänglichkeit.

In den Restaurants unterhalb des Burgberges lässt sich sehr gut Pizza essen, frisch aus dem Holzofen und mit Preisen zwischen 3 und 4 Euro auch noch sehr günstig. Freilich nur gemessen an westeuropäischen Verhältnissen, bei durchschnittlichen Löhnen um 300 Euro für normal verdienende Rumänen allerdings kaum erschwinglich.

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Die Fernverkehrsstraße 1 zwischen Sibiu und Brasov  ist eine große Baustelle, Scharen von Arbeitern sind hier dabei, die Straße mit EU – Geldern für den modernen Verkehr auszubauen. Wie in allen Ländern, wo Arbeitskraft wenig kostet, überwiegt auch hier mit vielen Menschen und vergleichsweise wenig Maschinen gearbeitet. In Brasov/Kronstadt herrscht hektischer Berufsverkehr und die Hauptstraßen sind mit Autos verstopft. Die Fahrzeugdichte ist in Rumänien zwar insgesamt noch weit von westeuropäischen Verhältnissen entfernt, aber in den größeren Städten langt es mittlerweile für regelmäßige Staus. Die alten Städte sind nicht für den motorisierten Massenverkehr gebaut. In Westeuropa ging man das Problem in den 60er und 70er Jahren dadurch an, dass man sich am Leitbild der autogerechten Stadt orientierte, Häuser abriß zur Verbreiterung von Straßen, Flussufer mit Asphalt überzog und durch die Großstädte mehrspurige Autobahnen schlug. Wenn Rumänien solche Irrwege vermeiden will, bleibt als Lösung nur eine frühzeitig eingeleitete Strategie der Verkehrsvermeidung mit dem Ziel einer weitgehenden Verbannung des automobilen Individualverkehrs aus den Innenstädten. Doch das sind Wege, denen man sich auch in westeuropäischen Städten nur ganz langsam annähert. Dort Resultat eines in Jahrzehnten gewachsenen Unmutes über immer mehr Lärm und Abgase und der Erkenntnis, dass beides krank macht. Soweit sind Länder wie Rumänien aber noch nicht. Nach Jahren der automobilen Enthaltsamkeit überwiegt hier eine unreflektierte Begeisterung für das eigene Gefährt und diese Freude will man sich nicht gleich wieder einschränken lassen. Und das Fahrrad gilt nicht als angemessenes Verkehrsmittel, es ist nur ein Gefährt für arme Leute.

In Brasov sind bereits relativ viele Häuser der Altstadt saniert, je weiter man sich allerdings vom Zentrum entfernt, desto weniger werden es. Die Fußgängerzone besteht hauptsächlich aus auf Touristen ausgerichteten Läden und Restaurants, was schlechte Qualität zum hohen Preis bedeutet, und bei den Hotels finden sich extreme Preisunterschiede. So will das Aro Palace, ein Betonkasten aus sozialistischen Tagen, mittlerweile 150 Euro die Nacht, das eine Querstraße weiter gelegene Aro Sport verlangt dagegen nur 50 Lei (ca. 15 Euro), inbegriffen allerdings weitgehender Komfortverzicht.

Von Brasov aus lassen sich herrliche Ausflüge in die nahen Karpaten unternehmen. Auf gut markierten Wanderwegen kann man zu bewirtschafteten Hütten aufsteigen, dort auch übernachten. Die Karpaten sind hier felsig wie die Alpen, nur deutlich wilder, unberührter von menschlichen Eingriffen.

Cluj-Napoca/Klausenburg ist ein sehr lebendiger Ort, viele junge Leute, Studenten, bestimmen das Straßenbild, eine hübsche Altstadt lockt zum Spaziergang. Hier sind bisher nur wenige Gebäude renoviert und Neubauten finden sich kaum, eines der wenigen ist natürlich eine Bank, die Zentrale der Banca Transilvania. Viele neue Cafes und Clubs existieren, vom Styling kein Unterschied zu westlichen, der Zeitgeschmack ist universal, genauso wie die Kleidung der jungen Leute. Ein Kuriosum am Rande: Viele Straßenbahn – und Bushaltestellen sind mit Lautsprechern bestückt, aus denen Musik dudelt. Das kann, muss aber nicht unbedingt die Wartezeit versüßen. Früher quäkte wahrscheinlich Propaganda aus den Boxen, denn auch sie sind ein Relikt aus sozialistischen Tagen.

 

 

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Rumänien befindet sich im Übergang, im Umbruch. Die Verheißungen des westlichen Wohlstands locken die Leute auch hier und EU – Gelder werden einen drastischen Modernisierungsschub bewirken. In den Städten schneller, auf dem Land wird vieles über Jahre noch so bleiben. Bei Tankstellen und bei Supermärkten, die allerdings noch nicht so zahlreich vorhanden sind wie beispielsweise in Polen oder Ungarn, ist die Modernisierung bereits vollzogen, sie unterscheiden sich nicht von westeuropäischen. Und als weiterer Fortschritt ist die Plastikverpackung eingezogen. Mineralwasser beispielsweise gibt es ausschließlich in Plastikflaschen zu kaufen, aber natürlich existiert kein Pfand – oder zumindest ein Sammelsystem. Deshalb findet man diese Rückstände moderner Zivilisation mittlerweile in allen Flüssen und Bächen, auf Picknickplätzen verstreut oder am Rand von Wanderwegen. Auch das Leben auf dem Land wird sich tiefgreifend verändern. Die traditionelle Lebensweise wollen die Jungen nicht mehr mitmachen und Leute, die im Ausland gearbeitet haben, schon gar nicht. Das ist kein echter Anlass für Sentimentalitäten, denn ein Leben unter solchen Bedingungen ist nicht ernsthaft  bewahrenswert. Aber untergehen werden voraussichtlich auch die Traditionen, die des Bewahrens wert wären, die Holzhäuser zum Beispiel oder die Volkskunst. Ein Trost bleibt: in den Filmen von Björn Steiger wird die Erinnerung an sie überleben!             

 

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   eingestellt am 14. Oktober 2007