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Weites Land am Fluss -
Auf dem Elberadweg von Hamburg
nach Wittenberge
von Rainer Roth
Radwege existieren mittlerweile
allerorten, der Elberadweg, inzwischen von Prag bis zur Mündung bei Cuxhaven
ausgewiesen, dürfte zu einem der beliebtesten zählen. Für unsere viertägige Tour
hatten wir das Teilstück von Hamburg nach Wittenberge ausgesucht, insgesamt gute
200 Kilometer.
In Hamburg führt der Weg durch
Industriegelände am Hafen, vorbei an neuen Verwaltungsbauten und durch
gesichtslose 50er-Jahre-Wohnviertel erst allmählich aus der Stadt hinaus. Dann
geht es am Deich entlang weiter, später von der Elbe weg durch Vierlande, die
Großstadt wird hier sehr dörflich. Geesthacht heißt unser erstes Tagesziel, eine
eher uninteressante Stadt, aber für einen halben Tag langten uns die gut 40
Kilometer.
Am nächsten Morgen bleiben wir
zunächst auf der rechten Elbseite, der Radweg verläuft zuerst an der
Bundesstraße, vorbei am Kernkraftwerk Krümmel, das als mächtiger Klotz am Ufer
liegt. Eine Informationstafel teilt uns zwar beeindruckende technische Daten
mit, aber nichts über die darüber hinausgehende Problematik in Bezug auf die
Nutzung der Kernenergie. Ab Tesperhude wird es erstmalig richtig naturhaft, der
Radweg biegt von der Straße in ein hügeliges Waldstück ein. Schöner Laubwald
steht in frischem Grün, saubere Luft macht das Atmen leicht und immer wieder
locken Ausblicke auf den Fluss und das sandige Ufer. Lauenburg erreichen wir zur
Mittagszeit. Eine Stadt mit einer Vielzahl alter Fachwerkhäuser, alle hübsch
restauriert, ein bisschen Puppenstube zwar, deshalb auch viele Bustouristen,
aber nett anzusehen. Hinter Lauenburg wechseln wir über die Brücke auf die
andere Elbseite, unsere Radkarte weist sie als die schönere aus. Ein gut
ausgebauter, weitgehend asphaltierter Radweg verläuft hinterm Deich. Dadurch
fehlt zwar die Sicht auf die Elbe, aber auch unsere Seite bietet genügend
Sehenswertes. Immer wieder den weiten Blick ins flache Land, endlose grüne
Wiesen, unterbrochen nur von kleinen Baumgruppen, weidende Rinder und Schafe.
Kleine Ansiedlungen, behäbig breite Bauernhöfe mit weit heruntergezogenen
Dachseiten, Fachwerk und roter Ziegelstein. Die mächtigen Balken an der
Stirnseite sind meistens mit einer Inschrift versehen, Hinweis auf das Datum der
Errichtung und die Erbauer, dazu eine Lobpreisung Gottes. Von der glatten
Asphaltpiste zweigt kurz vor Bleckede ein unbefestigter Feldweg ins Deichvorland
ab. Das weitgehend naturbelassene Land mit vielen kleinen Wasserflächen ist ein
Paradies für alle möglichen Vogelarten, Störche, Reiher, Gänse, Schwäne, Enten.
Der Weg führt zu einem allein stehenden Bauernhaus nah am Elbufer, umgeben von
einem Erdwall. Einladend stehen Tische und Stühle in der nachmittäglichen Sonne,
aber niemand sitzt daran. Mit der sympathischen Hausherrin kommen wir ins
Gespräch. Sie erzählt uns, dass sie hier ein Wochenendcafe betreiben, zahlreiche
Leute kämen dann zu diesem Fast-Geheimtipp. Pech für uns, dass erst Freitag ist!
Ein kleiner Weg führt weiter nach Bleckede, unserem heutigen Etappenziel.
Ebenfalls ein hübscher Ort mit vielen Fachwerkhäusern, dazu noch einem Schloß
mit Turm, von dem man einen herrlichen Blick ins Land hat und das heute ein
Museum beherbergt und als Künstlerstätte dient. Nur eine moderne Konstruktion
aus Glas und Stahl, die eine außen liegende Treppe einfasst, verunstaltet das alte
Bauwerk.
Tags darauf geht es zunächst
mit der Fähre wieder an das rechte Ufer. Der Radweg verläuft hier direkt auf dem
Deich, so dass man einen freien Blick nach beiden Seiten hat. Es ist der alte
Grenzweg, aber überwiegend mit neuer Betondecke überzogen. Der Elbstrom schiebt
sich breit durchs grüne Land, auf den saftigen Wiesen weiden wieder Rinder und
Schafe, parkartig wirkt die Landschaft, ganz weit mit sehr viel Natur. Hinterm
Deich liegen kleine Dörfer mit alten Bauernhäusern, die Struktur ist weitgehend
original und nicht durch angeklebte Neubaugebiete zerstört. Ein schönes Beispiel
für die traditionelle Siedlungsstruktur eines sog. Marschhufendorfes ist Konau.
Die alten Bauernhäuser sind oder werden mit Fördermitteln restauriert, ein
kleines Museum in einer ehemaligen Remise informiert mittels Fotos, Schautafeln,
Exponaten und Interviews mit Zeitzeugen über das Leben der Menschen im
Grenzgebiet zu DDR-Zeiten. In einem frisch renovierten Bauernhaus betreiben
Leute aus Berlin ein Cafe, der selbstgebackene Rhabarberkuchen war ein
wirklicher Genuss. Nach Hitzacker, wieder auf der linken Elbseite, setzen wir
nochmals per Fähre über. Auch hier ein hübsch geputztes Städtchen mit
entsprechend vielen Ausflüglern. In die Balken vieler Fachwerkhäuser sind auch
hier Inschriften geschnitzt. In schönstem Plattdeutsch geben sie manche Auskunft
zur Baugeschichte oder enthalten bisweilen auch kuriose Spruchweisheiten:
„ Eens hett de Harderkaat hier staan un is in Rook un
Füür vergaan.1548 Dit Huus wurr buut mit Bürgerfliet in Gottvertruun to jedeen
Tied.“ oder „ Wenn eener kümmt und to mi segt: Ick moog det alle Lüde recht,
dann seg ick leeve Fründ mit Gunst: Lehr mi uck düsse sware Kunst.“
Aber in die
Fachwerkromantik sind auch hier die modernen Zeiten eingebrochen: an vielen
Häusern findet sich ein großes X, der Buchstabe steht für den Widerstand der
Region gegen das nahe Lager für Atommüll im Salzstock von Gorleben. Nach
Hitzacker führt der Weg wieder durch eine fast bukolische Idylle mit alten
Gehöften umgeben von blühenden Bauerngärten, freilaufenden Hühnern und grasenden
Schafen. Dömitz unser heutiges Ziel erreichen wir über die neue Elbbrücke.
Ebenfalls ein ansehnliches Städtchen mit vielen Fachwerkhäusern und einer gut
erhaltenen Festung aus dem 16.Jahrhundert, aber im Gegensatz zu Hitzacker oder
Lauenburg stehen hier zahlreiche Häuser unsaniert leer und bröckeln vor sich
hin. Das Dilemma Ostdeutschlands manifestiert sich in seinen Städten und
Dörfern: hohe Arbeitslosigkeit, Abwanderung, keine Perspektive. Beim Abendessen
fällt ein weiterer Ost-West-Unterschied auf: die Preise in der Gastronomie sind
deutlich niedriger. Lag das Schnitzel mit Bratkartoffeln und Salat bisher um die
10 Euro, ist es hier schon für 6.50 zu bekommen.
Am nächsten Tag bleiben wir auf
der rechten Elbseite. Zuerst geht es ein Stück auf der Bundesstraße lang, zum
Glück wenig befahren. Rechts das Skelett der alten Eisenbahnbrücke, die 1945
gesprengt wurde und heute nicht mehr gebraucht wird. Danach verläuft der Weg
wieder auf dem Deich, teilweise ist er jetzt aber in schlechtem Zustand, auf
unebenen Betonplatten lässt sich einfach nicht gut Fahrrad fahren. Das Land
wirkt immer menschenleerer, vereinzelte Siedlungen liegen weit im Hinterland.
Doch auch hier keine natürliche Landschaft, die menschlichen Eingriffe zur
Regulierung des Flusses sind unverkennbar und die vormaligen Auenwälder längst
abgeholzt. Doch es gibt ein Projekt zur teilweisen Wiederaufforstung, wie eine
Schautafel im Museum in der Burg von Lenzen informiert.
Auf den letzten 25 Kilometern
von Lenzen nach Wittenberge erwischen uns doch noch mehrfach Regenschauern, aber
so kann sich die mitgeführte Regenkleidung wenigstens bewähren! Von Wittenberge
geht es mit dem Regionalexpress zurück nach Berlin. Proppevoll wie immer
Sonntags, viele Leute mit viel Gepäck, das zumeist auf freien Sitzplätzen
deponiert wird – die Planer der Bahn gingen offensichtlich von der Annahme aus,
Fahrgäste im Regionalexpress führten höchstens ein Handtäschchen mit - aber
irgendwie findet sich dann doch immer noch ein Platz für Fahrrad und Mensch.
Informationen und
Übernachtungsmöglichkeiten:
Im Internet unter
www.elberadweg.de.
Tourismusverband Sächsische
Schweiz, Tel. 035022/4950 zum südlichen Teil, Landesmarketing Sachsen- Anhalt,
Tel.0391/5677080 (Infotel. 0180/5372000) zum Mittelabschnitt und Elbschloß
Bleckede, Tel. 05852/951495 zum nördlichen Teil.
Karte und Beschreibung:
Elbe-Radweg, Teil 1 Prag – Magdeburg und Teil 2 Magdeburg – Cuxhaven, Verlag
Esterbauer, jeweils 11,90 Euro.
eingestellt am 2. Juli 2007
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