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Ukrainische Impressionen
von Rainer Roth
Wenn man ein unbekanntes Land, genauer einen Teil davon,
zwei Wochen lang bereist, kann man keine differenzierten Erkenntnisse gewinnen.
Vielmehr saugt man eine Fülle von Eindrücken, von Bildern auf, doch vieles
versteht man nicht. Richtig fremd ist einem die Ukraine nicht, mindestens dann,
wenn man andere osteuropäische Länder kennt. Das Land ist so europäisch wie
Polen, die Slowakei oder Rumänien und die Menschen sind es ebenso, jedenfalls im
westlichen Teil. Es sind die harten Kontraste, die immer wieder ins Auge
springen. Die protzigen Villen der Neureichen, kitschig und geschmacklos, die
völlig verwahrlosten Plattenbauten aus sozialistischen Tagen, die Überflutung
mit Werbeplakaten und Leuchtreklame in den Städten, die verfallenden alten
Häuser, das chaotische Verkehrsgeschehen, vor allem in den Großstädten, die
Ursprünglichkeit und Einfachheit des Landlebens, die großen Flohmärkte am
Sonntag mit Bergen gebrauchter Klamotten und Schuhen, die Freundlichkeit und
Hilfsbereitschaft vieler Menschen, wenn man mit ihnen ins Gespräch gekommen ist.

Lemberg, Altstadt
Lemberg erreicht man als erste große Stadt, wenn man von
Polen kommt und die langwierigen Grenzkontrollen erfolgreich durchgestanden hat.
Ein höchst lebendiger, aus vielen Gründen reizvoller Ort mit einem anarchischen
Verkehrsgeschehen. Die Stadt befindet sich, was Häuser und Straßen betrifft, in
weiten Teilen im Vorkriegsstadium. Das bedeutet, dass sie über eine fast
vollständig erhaltene Altstadt mit kaum neuen Gebäuden verfügt. Allerdings ist
der bauliche Zustand der meisten Bauwerke ebenfalls auf dem Stand Ende der 30er
Jahre, weil offensichtlich 70 Jahre lang praktisch nichts in Erhaltung und
Modernisierung investiert wurde. Entsprechend ramponiert sehen die alten Häuser
aus, verstaubte und bröckelnde Fassaden, verrostete Balkongitter, abgebrochene
Stuckelemente, Kohleheizung. Lemberg wirkt wie eine alte Dame aus k.und k.
Zeiten, deren Glanz und Pracht nur ferne Erinnerung sind. Die Stadt ist voller
Menschen bis in die späten Abendstunden, der Prospekt Svobody ist Treffpunkt von
Jung und Alt, auch der Rynok mit seiner Ansammlung von Biergärten.

Lemberg, Hauseingang
Doch der
wirkliche Herrscher ist das Automobil, ihm haben sich alle anderen
Verkehrsteilnehmer unterzuordnen. Automassen schieben sich den ganzen Tag durch
enge Straßen, quälen sich über völlig zerfahrenes Pflaster, nur stoßweise geht
es vorwärts. Der öffentliche Nahverkehr wird überwiegend mittels Minibussen
abgewickelt, meist ältere Modelle. Es existiert zwar auch eine Straßenbahn,
deren alte Waggons im Schritttempo über die ausgeleierten Gleise rumpeln, doch
spielt sie keine große Rolle. Dazu kommen urtümliche, grobschlächtige Lastwagen,
die an Nachkriegsmodelle erinnern und die bei jeder Beschleunigung unglaublich
dicke Wolken schwarzen Qualms ausstoßen. Der Autoverkehr ist ein Alptraum.

Lemberg,
Straßenbauarbeiten
Am Vormittag kann man in den Straßen und Parks ein Heer von
Frauen beim täglichen sauber machen beobachten. Mit einfachen Reisigbesen und
Kehrblechen rücken sie dem angefallenen Abfall und dem Staub zu Leibe und
bekommen die Stadt doch niemals sauber. Es gibt ein paar Orte in Lemberg, die
man unbedingt aufsuchen sollte. Neben der inneren und bereits teilweise gut
sanierten Altstadt und gilt dies für das Cafe Veronika mit seinem herausragenden
Kuchenangebot und die Lemberger Gemäldegalerie mit ihrer durchaus
beeindruckenden Bildersammlung. Und das Hotel George ist ein recht guter Ort zum
Übernachten.

Lemberg, Bauernmarkt
Czernowitz ist die weitere Perle aus alter Zeit, Geburtsort
von Dichtern wie Paul Celan, und früher berühmt als eine multiethnische Stadt
mit einem reichen Kulturleben. Davon ist heute trotz einer großen Universität
wenig zu spüren und abends wirkt die Stadt im Vergleich zum umtriebigen Lemberg
ziemlich ausgestorben. Der Straßenverkehr ist weniger hektisch als in Lemberg,
doch auch hier quält sich eine tagsüber nicht abreißende Fahrzeugschlange über
die Hauptstraße. Ein wenig versucht man hier an bessere Zeiten anzuknüpfen. So
existieren wieder ein polnisches und ein deutsches Haus und die Stadt wird für
die diesjährige 600 – Jahr – Feier im Innenbereich mächtig aufgehübscht. Auf dem
weitläufigen jüdischen Friedhof sind inzwischen auch Frau Zuckermann und Herr
Zwilling begraben.

Czernowitz,
jüdischer Friedhof

Czernowitz,
Fassadenrenovierung
Kolomija ist eine angenehme Kleinstadt, die am Rand der
Karpaten liegt und sich als Ausgangspunkt für erste Schnuppertouren in die Berge
ganz gut eignet. Vor allem gibt es hier eine äußerst sympathische
Übernachtungsmöglichkeit, das familiengeführte Hostel „On the Corner“ (onthecorner.karpaty.info).
Hier findet man in Witali und seinem Cousin Slavik freundliche und kompetente
Ansprechpartner, die sowohl englisch als auch deutsch sprechen. Das
überschwängliche Lob im Lonely Planet Reiseführer kann vollauf bestätigt werden.
Und vielleicht trifft man auf einem Bummel durch die Innenstadt auch auf
Alexander, einen sympathischen Typ, der einem gern ein paar versteckte Orte
zeigt. Ein billiges und gutes Restaurant beispielsweise oder die ehemaligen
deutschen Stadtteile Barginsberg und Roseneck

Kolomija, Lokal
Kamjanez-Podilski besteht aus einer in sozialistischer Zeit
gestalteten Neustadt und einer, malerisch auf einem Felsen gelegenen,
geschichtsträchtigen Altstadt, die fast völlig von den Wassern des Smotritsch
umschlossen wird. Hängebrücken führen in die alte Stadt. Es wird kräftig wieder
aufgebaut, denn auch viele Gebäude in der Altstadt wurden im 2. Weltkrieg
zerstört.
Jaremtsche liegt hoch in den Karpaten und gilt als großes
Touristen- und Kurzentrum. Es zieht sich kilometerlang an der Durchgangsstraße
entlang und gerade dort wirkt es ziemlich trist. Einige Gebäudekomplexe stehen
leer, andere werden gerade errichtet. Die Häuser abseits wirken freundlicher, es
gibt einige nette neue Pensionen. Als Ausgangspunkt für Bergwanderungen ist es
ein guter Standort, allerdings darf man dabei nicht auf markierte Wanderwege
hoffen. Doch die Orientierung ist nicht zu schwierig, von den Höhen führen immer
Wege ins Tal und dort trifft man irgendwann wieder auf die Hauptstraße, wo
regelmäßig Minibusse verkehren.
Und zuletzt Uschgorod, kein schlechter Ort, um sich von der
Ukraine zu verabschieden. Eine hübsche kleine Stadt, hart an der Grenze zur
Slowakei an den Ufern des Flusses Usch gelegen, dank einer großen Fußgängerzone
in der Innenstadt angenehm entspannt, mit vielen alten Bauten und einer langen
Promenade am Wasser, wo es sich unter breiten Linden gut sitzen lässt. Freilich
kaum eine ukrainische Stadt, sie wirkt eher ungarisch oder slowakisch, nach dem
1. Weltkrieg gehörte sie auch zu der neu entstandenen Tschechoslowakei, erst
nach dem 2. wurde sie zur Sowjetunion geschlagen. Viele neue Restaurants,
Kneipen und Cafes, die auch in jede westeuropäische Stadt passen würden, zeugen
vom Trend der neuen Zeit, die auch in der Ukraine unaufhaltsam Einzug hält.

Uschgorod, Rathausplatz
Die Ukraine ist ein Paradies für Raucher und Trinker.
Ausländische Zigaretten kosten umgerechnet etwa 70 Cent die Packung,
einheimische Sorten sind noch billiger. Entsprechend raucht fast jeder und
Rauchverbote in öffentlichen Gebäuden oder gar in Restaurants sind ein absurder
Gedanke. Das gilt allerdings auch für osteuropäische EU-Länder wie Polen oder
die Slowakei. Der halbe Liter Wodka ist für umgerechnet etwa 2 Euro zu haben,
Bier ist ebenfalls ziemlich billig, so dass sich beides praktisch jeder leisten
kann. Alkohol und Zigaretten sind hier echte Volksdrogen und beide werden
reichlich konsumiert.
Wenn auch viele alte Gebäude noch munter vor sich hin
bröckeln, gilt dies nicht für Kirchenbauten. Hier sind oder werden die alten
sorgfältig renoviert und neue entstehen aller Orten. Religion nimmt in der
Ukraine wieder einen wichtigen Platz ein, auch bei jungen Leuten. Gut ausgebaut
und auf modernem Stand ist im Gegensatz zu vielen Straßen auch das
Tankstellennetz. Das erinnert stark an Rumänien. Kirchen und Tankstellen sind in
beiden Ländern das erste, was erneuert wurde. Und reichlich gesegnet ist die
Ukraine auch mit Banken. Noch in der verschlafendsten Kleinstadt finden sich ein
halbes Dutzend Filialen der verschiedenen Institute, freilich Namen, die man
hierzulande noch nie gehört hat: Universal-Bank, Privat-Bank, Expres-Bank, usw.
Dass fast alle über einen Bankomaten verfügen, kommt dem ausländischen Reisenden
natürlich sehr entgegen.
In jeder mittleren Stadt finden sich neben den
traditionellen Märkten für Lebensmittel große Märkte, auf denen die Stände mit
Schuhen, Kleidung, Geschirr und Werkzeug vollgestopft sind. Das Land ist
überschwemmt von westlichen und asiatischen Billigprodukten. Dagegen fehlt in
den Städten völlig das Fundament von Fachgeschäften mit einem soliden Angebot
von Qualitätswaren. Hier haben 50 Jahre Staatswirtschaft eine gründliche
Zerstörungsarbeit geleistet. In den größeren Städten entstehen jetzt neue ,
zeitgeistige Markengeschäfte, Boutiquen, Sportläden, die den Geschmack der neuen
Reichen bedienen.
Die Ukraine ist nicht unbedingt ein billiges Reiseland,
denn die Preise für Hotels und Restaurants sind extrem unterschiedlich. Man
findet in Kleinstädten Hotels, in denen das Einzelzimmer rund 8 Euro kostet,
aber deren sanitäre Anlagen dafür auch kaum benutzbar sind. Man findet überall
neue, saubere mit westlichem Standard, aber dann auch mit ähnlichen Preisen. Für
Restaurants gilt diese Verbindung zwischen Preis und Qualität nicht unbedingt.
Hier existieren echte Neppfallen in Touristenorten wie Jaremtsche neben
einfachen, aber mit guter Küche aufwartenden Restaurants wie dem Perenkuta in
Czernowitz.
Ein Kuriosum stellt die Weihnachtsbeleuchtung dar, mit der
sich inzwischen auch jede ukrainische Stadt schmückt. Nicht nur, dass sie das
ganze Jahr über hängen bleibt, sie wird mancherorts auch außerhalb der
Weihnachtszeit betrieben. So erfreute uns Jaremtsche mitten im September mit
weihnachtlich bunten Lichterketten über der Hauptstraße.
Der Umgang mit der Natur ist häufig schwer
nachzuvollziehen. Es gibt zwar (noch) ziemlich viel unberührte Natur, einfach
dadurch, dass die Ukraine ein relativ dünn besiedeltes Land ist. Doch wo sie der
Mensch nutzt, sei es für industrielle Bauten oder zur Freizeitgestaltung,
geschieht dies wenig sorgsam, es herrscht eine ziemliche Achtlosigkeit. Das
bedeutet beispielsweise, dass man nach einem Picknick im Wald oder am Fluss
seinen Müll meistens an Ort und Stelle zurücklässt, so dass schöne Plätze mit
aller Art von Plastikmüll, Glasflaschen, leeren Zigarettenschachteln und
ähnlichem verdreckt sind. Freilich stehen die Ukrainer mit diesem Verhalten
nicht allein da, auch mancher Strand in Italien oder Spanien ähnelt einer
Müllhalde. Dagegen werden innerstädtische Straßen und Parks in täglich
wiederkehrender Arbeit sorgfältig vom angefallenen Müll befreit, freilich nicht
durch diejenigen, die ihn verursachen.
Die neuen Säulenheiligen der Ukraine scheinen die Dichter
Taras Schewtschenko und Ivan Franko zu sein. Allerorten sieht man frisch
geschaffene Denkmäler von ihnen, meist als stehende Figuren gestaltet, weise und
mild auf den Betrachter herabschauend. Die alten Denkmäler aus Sowjetzeiten,
jede Stadt besitzt noch ihr Kriegsmonument, oft mit zusätzlich angelegten
Ehrenhain, sind dagegen ungepflegt, wirken oft ein bisschen verwahrlost, wie
alles aus dieser Epoche. Jeder Staat benötigt bestimmte identitätsstiftende
Figuren, Gemeinsamkeit schaffende historische Gestalten. Gestalten, in denen
sich alle Bürger wiederfinden können, die von allen akzeptiert werden. Gerade in
einem so jungen Staat, dem eine nationalstaatliche Tradition fehlt und der
innerlich gespalten ist, ist das eine schwierige Sache. Möge es der Ukraine
gelingen, ihren eigenständigen Platz in Europa zu finden, einen Platz, der
vielleicht als neutraler Staat zwischen dem Westen und Russland liegt.

Haus im Dorf


Iwano-Frankivsk, Plattenbau

Kamjanez-Podilski, Altstadtkulisse

Snjatin, Restaurant Pokutja

eingestellt am 30. September 2008
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