Potsdamer Toleranzen

Würde ein Preis für theoretische Toleranz verliehen, gebührte er zweifellos der Stadt Potsdam. Mit großem Aufwand und entsprechender medialen Begleitung wurde in diesem Jahr das Projekt einer Neuschreibung des Potsdamer Toleranzediktes unter Leitung des Politologen Prof. Dr. Kleger gestemmt und das Ergebnis in eine 100 Seiten starke Broschüre gepackt. Viele kluge Einsichten stehen dort drin, unter dem Obersatz „Toleranz bedeutet Offenheit“ heißt es beispielsweise, dass diese aktiv wird, wenn „ Menschen aufeinander zugehen und miteinander ins Gespräch kommen“ (Seite 7). Gerade letzteres scheint in dieser Stadt jedoch Viele zu überfordern. Da verschaffen sich vermummte Jugendliche in der Stadtverordnetenversammlung gewaltsam ein Rederecht, um ihr Anliegen vorzubringen. Dies veranlasst einen Oberbürgermeister zum Vergleich dieser Aktion mit Methoden der Nazis, die er zwar nicht selbst erlebt, aber genau beurteilen kann. Nach einer Demonstration in Sachen Jugendkultur besetzen Jugendliche eine leer stehende Halle und feiern dort eine Party, die für ziemlich viel Ruhestörung sorgt und am frühen Morgen von der Polizei mit ziemlich viel Gewalt beendet wird. Die Stadt erstattet Anzeige wegen Hausfriedensbruch. Im Frühjahr hindern linke Studenten die Politikerin und Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen Erika Steinbach gewaltsam daran, eine Vorlesung über mittelalterliche Ostsiedlung und -kolonisation an der hiesigen Universität zu halten. Die Beispiele zeigen, dass es leider wenig hilft, kluge Gedanken in Broschüren zu packen und symbolhafte Selbstverpflichtungen abzugeben. Das einzige, das wirklich zählt, ist die Toleranz im Umgang miteinander, der Respekt vor der anderen Meinung und die Rücksichtnahme auf  die Interessen der Anderen. Da hat Potsdam offensichtlich noch einen langen Weg vor sich. (Rainer Roth)

 

 

 

 

 

 


   eingestellt am 1. Dezember 2008