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Potsdam probt die Bürgerbeteiligung
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Diskussion des Leitfadens zur
Bürgerkommune steht noch aus
von Rainer Roth
Die Stadt
Potsdam hat sich ein hehres Ziel gesetzt, sie will ihre Bürger stärker als
bisher an Entscheidungsprozessen beteiligen. Auslöser ist ein Beschluss der
Stadtverordnetenversammlung (SVV) vom 5. Mai 2004, mit dem der Oberbürgermeister
aufgefordert wird, ein Konzept „Bürgerkommune Potsdam“ vorzulegen. Die
vorhandenen Partizipationselemente sollen zu einem sinnvollen Konzept
zusammengefügt und durch Elemente des Bürgerhaushaltes ergänzt werden, heißt es
da. Darüber hinaus sollen Möglichkeiten der direkten Beteiligung der Bürger
aufgezeigt werden, zu wichtigen Fragen der Stadt abzustimmen.
Die Verwaltung
hat daraufhin ein Rahmenkonzept erstellt und einen Leitfaden entworfen, der die
Ziele der Bürgerkommune beschreibt und mögliche Handlungsfelder aufzeigt (www.potsdam.de
unter dem Stichwort „Bürgerbeteiligung“). Viele zukunftsweisende Sätze finden
sich dort: die Transparenz von Entscheidungsprozessen soll erhöht, eine aktive
und frühzeitige Information stattfinden und weitere Beteiligungsmöglichkeiten
geschaffen werden. Dadurch sollen den Bürgern eine aktivere Teilnahme an der
Gestaltung ermöglicht und damit die Zufriedenheit sowie die Identifizierung mit
ihrer Stadt gesteigert werden. Es geht also darum, dass Engagement einer
Vielzahl von Bürgern für ihre Stadt zu fördern, dem mündigen Bürger größere
Beteiligungsmöglichkeiten über die in der Gemeindeordnung aufgelisteten
direktdemokratischen Elemente wie Bürgerbegehren, Bürgerentscheid oder
Einwohnerantrag hinaus zuzubilligen. Dahinter steht aber auch die Idee eines
geänderten Leitbildes von Politik und Verwaltung: weg von häufig immer noch
obrigkeitsstaatlich, bevormundenden Institutionen hin zum mündigen,
selbstbestimmten Bürger.
Die SVV hat
diesen Entwurf bereits mit Beschluss vom 2.November 2005 zustimmend zur Kenntnis
genommen und die Verwaltung gleichzeitig aufgefordert, die dort genannten Ziele,
Handlungsfelder und möglichen Instrumente der Bürgerkommune mit den Bürgern in
geeigneter Form zu diskutieren. Danach soll der Leitfaden unter
Berücksichtigung der Ideen und Anregungen der Bürger der SVV erneut zur
Beschlussfassung vorgelegt werden. Der Zeitplan scheint der Verwaltung dabei
allerdings etwas verrutscht zu sein, denn eigentlich sollte diese
Beschlussfassung noch im 2. Quartal 2006 erfolgen.
Ein wichtiges
Aktionsfeld ist der Bürgerhaushalt. Nach dem Vorbild anderer Kommunen,
beispielsweise Berlin-Lichtenberg, sollen auch die Potsdamer Bürger
finanzwirksame Vorschläge für Maßnahmen und Projekte machen können, die ihnen am
Herzen liegen. Der erste Versuch für den Haushalt 2006 misslang allerdings
gründlich. Das Verfahren war unausgegoren, die meisten Fachausschüsse sahen sich
nicht in der Lage, zu der von der Verwaltung zusammen gestellten Liste der
Bürgervorschläge ein Votum abzugeben, sondern nahmen diese nur zur Kenntnis. Im
Ergebnis flossen deshalb keine Bürgervorschläge in den Haushalt 2006 ein.
Nachdem man
2007 ausgelassen hat, will man es jetzt beim Haushalt 2008 besser machen. In
einem mehrstufigen Verfahren, von den Stadtverordneten am 31.1.2007 beschlossen,
sollen Bürgervorschläge zunächst gesammelt und anschließend von einem
Redaktionsteam, bestehend aus Mitarbeitern der Verwaltung und ausgelosten
Bürgervertretern, vorsortiert und in einer Liste zusammengefasst werden. Diese
Vorschläge sollen danach von allen interessierten Bürgern mit Punkten bewertet
und die so gewichtete Liste dann von der Verwaltung an die
Stadtverordnetenversammlung übergeben werden. Diese muss dann letztlich
entscheiden, welche Vorschläge tatsächlich umgesetzt werden. Ob dieses eher
aufwändig und schwerfällig anmutende Verfahren funktioniert, muss die Praxis
erweisen.
Bei der
Auftaktveranstaltung im Januar mit ca. 50 interessierten Bürgern und den
maßgeblichen Vertretern der Verwaltung wurden allerdings entscheidende Mängel
auch des neuen Konzeptes deutlich. So sollen neben den sowieso einer
Bürgerbeteiligung verschlossenen Bereichen, Personal oder Pflichtaufgaben, auch
sämtliche mit Investitionen verbundenen Vorschläge davon ausgeschlossen werden.
Letztlich beträfe das alles, was Geld kostet und keine reine
Instandhaltungsmaßnahme darstellt. Diese Vorgabe wurde im Januar zu Recht heftig
kritisiert, denn dann bliebe im Ergebnis kaum Raum für Bürgervorschläge bzw.
diese reduzierten sich hauptsächlich auf Einsparvorschläge. Die
Verwaltungsspitze versprach, über diesen Punkt noch einmal nachzudenken. Man
darf gespannt sein.
Bürgerkommune
bedeutet, den Bürgern mehr in die Gestaltung seiner Stadt einzubeziehen,
letztlich seinen Vorstellungen auch eine wesentlich größere Bedeutung als bisher
beizumessen. Es bedeutet, ihn weniger als Objekt kommunalen Handelns, sondern
hauptsächlich als mitgestaltendes Subjekt zu begreifen. Allerdings bleibt zu
hoffen, dass Verwaltung und Stadtverordnete unter dem Leitbild Bürgerkommune
künftig nicht mehr solch fragwürdige Aktionen wie die Abstimmung zur Bebauung
des alten Marktes Anfang des Jahres verstehen. Ohne echte Alternativen musste
hier die Bürgerschaft als Lückenbüßer herhalten, weil sich die Stadtverordneten
in zwei Abstimmungen nicht auf einen Bebauungsplan einigen konnten. Prompt gab
es danach Streit um die Wertung des Ergebnisses, mit Millionengeschenken wurde
letztlich die Zustimmung der PDS erkauft.
Wenn man
Bürgerbeteiligung ernsthaft will, muss man Bürger zunächst umfassend und zeitnah
informieren. Nicht über jede Kleinigkeit, aber über alle wichtigen Projekte. Und
da gibt es seitens der Verwaltung in Potsdam noch einiges zu verbessern. Als
Beispiele mögen hier das geplante neue Spaßbad am Brauhausberg und das
Integrierte Stadtentwicklungskonzept (INSEK) dienen.
Im Juni 2005
stellten der Geschäftführer der Stadtwerke und der Oberbürgermeister einer
überraschten Öffentlichkeit den fertigen Plan eines neuen Bades an Stelle der
alten Schwimmhalle am Brauhausberg vor, entworfen vom brasilianischen Altmeister
Oskar Niemeyer, ohne Ausschreibung, ohne Architektenwettbewerb. Das gewählte
Vorgehen nahm auch einer interessierten Bürgerschaft jegliche Möglichkeit, ihre
Vorstellungen in den Planungsprozess einzubringen. Dass dieses Bad nach viel
Streit um die Höhe der öffentlichen Förderung nun überhaupt nicht realisiert
werden kann, stellt den unrühmlichen Höhepunkt einer insgesamt fragwürdigen
Aktion dar.
Bei INSEK
handelt es sich, wie der Slogan „In Bewegung: Potsdam 2020“ verrät, um ein
übergeordnetes Entwicklungskonzept für die nächsten Jahre. Zunächst nur in
Fachkreisen diskutiert, wurde das Konzept erst auf Anregung von Bürgern einer
breiten Öffentlichkeit auf einem Fach – und Bürgerforum am 6. März diesen Jahres
vorgestellt. Rund 150 Teilnehmer, viele allerdings aus Politik, Verwaltung und
Fachkreisen, und angeregte Diskussionen in vier Arbeitskreisen sowie zahlreiche
Anregungen und Vorschläge zeugten von starkem Interesse. Und es gibt tatsächlich
einigen Ergänzungsbedarf. So stellte sich in der Diskussion heraus, dass zwar
verschiedene Verkehrsträger ausführlich beschrieben werden, Ausführungen zu
einem für den Stadtverkehr beinahe idealen Verkehrsmittel, dem Fahrrad, aber
komplett fehlen. Ob es schlicht vergessen wurde, selbst die Beigeordnete Elona
Müller zeigte sich verwundert oder Absicht war, konnte an diesem Abend nicht
geklärt werden. Leider fand die Veranstaltung zu einem so späten Zeitpunkt
statt, dass Vorschläge seitens der Bürger kaum mehr in das aktuelle Konzept
einfließen können, immerhin sind sie unter
www.potsdam.de/wachstumskern
vermerkt.
Von der guten
Idee bis zu ihrer Umsetzung ist es bekanntlich ein langer Weg, diese Erkenntnis
bestätigt sich einmal mehr in Sachen Bürgerkommune. Bisher besteht das Projekt
hauptsächlich aus Absichtserklärungen, bunten Flyern und langatmigen Konzepten.
Für das Gelingen des Projektes scheinen dabei zwei Voraussetzungen wichtig:
Die Verwaltung
muss sich hin zu einer tatsächlich bürgerorientierten Verwaltung entwickeln und
Transparenz sowie den Dialog mit dem Bürger ernst nehmen. Das bedeutet als
allererstes, die Öffentlichkeit über grundlegende Planungen,
Entwicklungskonzepte oder herausragende Einzelprojekte frühzeitig und umfassend
zu informieren. Als folgendes heißt das, sich mit Bürgervorschlägen ernsthaft
auseinander zu setzen. Nicht jeder Vorschlag aus der Bürgerschaft ist sinnvoll
oder kann umgesetzt werden, das ist klar, aber es liegt dort viel Potential, das
man nutzen sollte.
Bei den
Stadtverordneten muss die Bereitschaft bestehen, Bürgervoten und -vorschläge als
ebenbürtige Willensäußerungen der Bürgerschaft zu akzeptieren. Im Ergebnis wird
dies durchaus bedeuten, ein Stück weit auf das Entscheidungsmonopol zu Gunsten
direktdemokratischer Elemente zu verzichten.
eingestellt am 2. Juli 2007
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