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Die alltägliche Zerstörung
Was tun gegen den zunehmenden
Vandalismus?
von Rainer Roth
Zerkratzte Scheiben, aufgeschlitzte
Sitzpolster, verbogene Haltestangen und ausgeleerte Feuerlöscher in öffentlichen
Verkehrsmitteln, besprühte Bahnwaggons, zertrümmerte Scheiben an Haltestellen
und Telefonhäuschen, aufgebrochene und anschließend verwüstete Schulräume,
herausgerissene Pflanzen, umgestoßene Blumenkübel und Statuen sowie kaputt
geschlagene Bänke in Parkanlagen, abgebrochene Spiegel, zerkratzter Lack und
zerstochene Reifen bei abgestellten Fahrzeugen, beschmierte Denkmäler und
Hauswände, angezündete Altpapiertonnen - massive und unterschiedlichste
Zerstörungen im öffentlichen Raum sind zur alltäglichen, deprimierenden Routine
gewordenen. Letztlich scheint es nichts zu geben vor dem dieser Vandalismus Halt
macht. Allein die finanziellen Schäden dürften deutschlandweit jährlich einige
Hundert Millionen Euro betragen, genaue Zahlen fehlen. Die Berliner
Verkehrsbetriebe (BVG) hatten für 2005 die Schäden allein in ihrem Bereich mit
13,5 Millionen Euro beziffert.
Die subjektiven Ursachen solcher
reinen Zerstörungshandlungen, die meist von Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen
begangen werden, können hier nur kurz angerissen werden. Frustrationsgefühle,
die auf diese Art kompensiert werden, ein Stück Verwahrlosung bei manchen, ein
Mangel an Erziehung. Beim Sprühen von Graffiti liegen die Dinge meist etwas
differenzierter, es geht selten um die reine Zerstörung, vielmehr soll mit dem
gesprühten Werk irgendetwas gesagt, eine Art von Botschaft transportiert werden.
Dabei nehmen die Sprayer aber selbstverständlich die Zerstörung oder mindestens
Beschädigung der betreffenden Sache in Kauf, ganz abgesehen davon, dass man sich
auch nicht um die übrigen Rechte des Betroffenen schert.
Äußerlich begünstigt wird der
massive und massenhaft auftretende Vandalismus durch unzureichende Präsens von
Polizei oder anderen Ordnungskräften und dem heute fast völligen Fehlen von
Sozialkontrolle. Allenfalls in kleinen Dörfern funktioniert letztere noch
halbwegs, ansonsten schaut man weg, kümmert sich höchstens noch um sein engstes
Umfeld, seinen persönlichen Kreis, also bspw. das Haus, in dem man seine Wohnung
hat. Für den Bereich der Graffiti kommt über lange Jahre eine gewisse Nachsicht
von maßgeblichen Teilen der Gesellschaft dazu, eine überzogene Toleranz, wenn
ernsthaft diskutiert wird, ob es sich bei den Produkten des illegalen Sprühens
vielleicht doch um besondere Formen künstlerischen Ausdrucks handelt, die damit
natürlich anders als sonstige Zerstörungshandlungen zu betrachten sind. Auch
eine bis zur Änderung im letzten Jahr unklare Rechtslage bezüglich des
Tatbestandes der Sachbeschädigung hat zu dieser tendenziellen Verharmlosung des
Sprühens geführt.
Wie soll man mit diesen massiv und
massenhaft auftretenden Zerstörungshandlungen umgehen? Man könnte versuchen, das
Phänomen einfach zu ignorieren oder zumindest klein zu reden. Dazu bedürfte es
jedoch eines Zustandes hochgradiger Abgestumpftheit, ansonsten kann eine solche
Haltung nicht befriedigen. Die angerichteten Schäden sind dabei nicht nur ein
finanzielles Problem, für deren Beseitigung meistens die Allgemeinheit aufkommen
muss, Zerstörungen und Farbschmierereien bedeuten vor allem eine gravierende
Verwahrlosung des öffentlichen Raumes und damit eine deutliche Einschränkung der
Lebensqualität aller. Die Städte, dort tritt dies Phänomen in erster Linie auf,
werden auch dadurch ein Stück unwirtlicher, unwohnlicher.
Man kann sich weiter auf den
Standpunkt stellen, dass man gerade wegen ihrer Häufigkeit und angesichts
begrenzter finanzieller Mittel nicht allzu viel gegen das Phänomen ausrichten
kann, allenfalls das Schlimmste verhindern. Doch eine solche Haltung heißt
Resignation, ist nichts als ein Zeugnis hilfloser Verzagtheit und bedeutet im
Ergebnis die Kapitulation der Gesellschaft vor den kriminellen Handlungen
weniger. Auch eine freie Gesellschaft darf sich nicht von einer Minderheit ihre
Lebensräume kaputt machen lassen, auch sie muss kriminellem Tun energisch und
entschieden entgegen treten. Sonst gibt sie sich ein gutes Stück weit selbst
auf, weil sie nicht mehr auf die Einhaltung der von ihr gesetzten Grenzen
achtet.
Wenn man also nach dem Verwerfen der
anderen Positionen dazu kommt zu sagen, dass man der tagtäglichen, massenhaften
Zerstörung aus den genannten Gründen entschiedener als bisher entgegentreten
muss, dann erscheint als notwendiger Weg neben erzieherischen Maßnahmen die
deutliche Verstärkung der Überwachung des öffentlichen Raums durch Polizei und
spezielle technische Einrichtungen unvermeidlich. Es geht vor allem um die
verstärkte Präsens an gefährdeten Orten, um möglichst bereits die Begehung
entsprechender Taten zu verhindern, aber im weiteren auch um die konsequente
Verfolgung dieser Handlungen. Vandalismus stellt eines der typischen Delikte
dar, die im Schutze der Anonymität und des geringen Risikos einer Entdeckung
begangen werden. Deshalb liegt hier neben verstärkten Polizeistreifen auch ein
sinnvolles Einsatzgebiet für Kameraüberwachung, um an besonders gefährdeten
Orten eine möglichst umfassende Kontrolle zu gewährleisten. Denn dadurch wird
der verführerische Mantel des Unerkannt Bleibens weggerissen, die eigene Tat
wird reproduzierbar aufgezeichnet. Solche Maßnahmen werden höhere finanzielle
Mittel durch den Einsatz zusätzlichen Personals und mehr technischer
Einrichtungen erfordern. Diese Verwendung ist aber sinnvoll, denn die
Kriminalitätsbekämpfung gehört zu den Kernaufgaben des Staates. Und nicht
zuletzt dürften damit erhebliche Mittel an anderer Stelle, nämlich für die
Beseitigung von Schäden, eingespart werden.
Mancher mag vielleicht jetzt
angesichts der skizzierten Vorschläge ein Unbehagen verspüren, eine Furcht vor
einer umfassenden Überwachung des Bürgers durch staatliche Kräfte, einen
weiteren Schritt hin zu einem umfassenden Kontrollstaat Orwellscher Prägung.
Richtig dabei ist, dass eine freie Gesellschaft in einem gewissen Rahmen ein
höheres Maß an kriminellen Verhaltensweisen hinnehmen muss als eine totalitäre
Staatsform, weil die Freiheit des Handelns, was auch die Freiheit vor
umfassender staatlicher Überwachung einschließt, ein sehr hohes Gut ist. Dieses
zu duldende Mehr stellt quasi den Preis der Freiheit dar. Es wird jedoch
überschritten, wenn bestimmte Handlungen zu bedeutenden Einschränkungen der
Sicherheit und Lebensqualität der gesetzestreuen Bürger führen. Im Bereich des
Vandalismus liegt inzwischen eine derartige Situation vor. Im Gegensatz zu
totalitären Staaten muss eine freie Gesellschaft aber auch bei allen Maßnahmen
der Kriminalitätsbekämpfung strikt die Rechte ihrer Bürger wahren und unbedingt
darauf achten, dass solches Handeln im Rahmen des Verhältnismäßigen bleibt. Auch
in Demokratien neigen staatliche Stellen bisweilen zur Überschreitung ihrer
gesetzlichen Kompetenzen und manchem Polizeichef oder eingefleischtem
Ordnungspolitiker mag durchaus die Vision des umfassend kontrollierten Bürgers
im Kopf herumspuken. Kein gutes Beispiel ist in dieser Hinsicht Großbritannien.
Dort sind mittlerweile in 85% der größeren Städte im Innenbereich und an
sozialen Brennpunkten mehrere hunderttausend Kameras installiert, die eine fast
flächendeckende Überwachung des öffentlichen Raums gewährleisten. Trotz einem
teilweise deutlichen Rückgang bestimmter Kriminalitätsformen in den überwachten
Bereichen kann dies in einem freiheitlichen Staat kein erstrebenswertes Ziel
sein, da es tatsächlich die Bürger einer zu weitgehenden staatlichen Kontrolle
unterwirft und damit die persönliche Handlungsfreiheit zu stark einschränkt.
Allerdings darf die Gefahr derartiger Auswüchse nicht dazu führen, auf eine
entschiedene und effiziente Kriminalitätsbekämpfung gleich ganz zu verzichten.
Vielmehr gilt es auch beim Umfang der Überwachungsmaßnahmen das rechte Maß
zwischen zuviel und zu wenig zu finden.
eingestellt am 16. August 2007
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