Shared Space oder eine Idee von der Zivilisierung des Autoverkehrs

Seit einigen Jahren beflügelt ein neuer Begriff die Diskussionen über innerstädtische Verkehrsplanung: shared space, zu deutsch etwa gemeinsam genutzter Raum. Dahinter steht ein Konzept zum Umbau innerstädtischer Verkehrsräume, das die heute übliche Trennung der Straßen in Fußgängerwege und Fahrbahnen für den Fahrzeugverkehr aufhebt und diese allen Verkehrsteilnehmern zur gemeinsamen, gleichberechtigten Nutzung zur Verfügung stellt. Das bedeutet in der Praxis die weitgehende Abschaffung von Verkehrsschildern und Ampeln, die Aufpflasterung und Verengung der Fahrbahnen sowie die Abschaffung getrennter Fuß - und Fahrwege. Dadurch werden alle Verkehrsteilnehmer zu erhöhter Aufmerksamkeit und insbesondere die Autofahrer zu stärkerer Rücksichtnahme auf Fußgänger und Radfahrer gezwungen. Verständigung untereinander, über Handzeichen, Blickkontakte, etc. ist erforderlich, denn als einzige bleibt nur die Grundregel rechts vor links für den Fahrzeugverkehr bestehen.

Das Konzept wurde von dem niederländischen Wissenschafter Hans Monderman entwickelt und ist inzwischen zu einem von der Europäischen Union geförderten Projekt in sieben Mitgliedsländern gereift. Entsprechende Verkehrskonzepte sind bereits in einigen niederländischen Gemeinden umgesetzt, kürzlich fand die deutsche Premiere im niedersächsischen Ort Bohmte statt.

Der Gedanke von shared space ist letztlich die Idee einer Zivilisierung des motorisierten, insbesondere des Autoverkehrs. Dieser Verkehr ist zum Massenphänomen geworden und damit eben auch zum Fluch, der scheinbar unersättlich immer mehr Räume, natürliche und städtische, für sich beansprucht. In das gewachsene Gefüge von Städten und größeren Ortschaften haben sich längst Hauptverkehrs-, Durchfahrts- und Ausfallstraßen gefressen, es unzählige Male zerschnitten und den dort lebenden Menschen Abgase und Lärm gebracht. Dem Gott des Kraftfahrzeugs haben wir viel geopfert und tun es weiter. Doch der Massenverkehr ist nicht Schicksal, sondern ein von Menschen geschaffenes Phänomen, das allerdings zunehmend außer Kontrolle geraten zu sein scheint. Eine der schlimmsten Verirrungen der Verkehrsplanung war dabei sicher das Konzept der autogerechten Stadt, das nach dem Krieg entwickelt und in vielen Städten zumindest teilweise auch umgesetzt wurde. Es  rückte einseitig den Mobilitätswunsch in den Vordergrund und stellte die übrigen menschlichen Bedürfnisse gänzlich hintan. Inzwischen hat glücklicherweise ein Umdenken statt gefunden, Fußgängerzonen, verkehrsberuhigte Straßen, Spiel – und Fahrradstraßen sind mittlerweile in den Städten entstanden. Aber sie werden nach wie vor vom motorisierten Verkehr dominiert, besonders gilt das für Hauptverkehrsstraßen, alle anderen Verkehrsteilnehmer fristen dort nur ein Schattendasein. Shared space könnte eine Möglichkeit sein, hier den Kraftfahrzeugverkehr wieder in das Gefüge der anderen Verkehrsformen einzupassen. Seine Sonderstellung ist bei genauer Betrachtung auch gar nicht gerechtfertigt, da innerstädtischer Verkehr sich vielfach in anderer Form abspielt. Viele Wege werden zu Fuß, mit dem Fahrrad oder in Städten mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt. Notwendig ist weiter, die Städte wieder menschengemäßer und damit lebenswerter zu gestalten. Es gibt kaum etwas lebensfeindlicheres als eine Hauptverkehrsstraße, auf der ein ständiger Strom lärmender und stinkender Kraftfahrzeuge dahinbraust. Nun ist das Konzept shared space sicher kein Wundermittel und kann kurzfristig sowieso wenig bewirken, da es zunächst nur in wenigen Orten (3 in Brandenburg) erprobt werden soll. Doch es könnte langfristig ein Ansatz sein, Städte positiv zu verändern und den Menschen innerstädtische Räume wieder zu schenken.

Wie bei allem neuen sind der Kritiker auch hier viele. Gerade der Deutsche, der auch als Autofahrer gern seinen Drang zum Recht haben auslebt, sei für ein Konzept gegenseitiger Verständigung ziemlich ungeeignet. Oder man denke an jugendliche Schnellfahrer in ihren tiefer gelegten und Motor getunten Karossen, für die Rücksichtnahme ein Fremdwort ist. Man kann darauf nur erwidern, dass man es ausprobieren muss, weil es eine gute Sache sein könnte. Wie in allem muss auch hier das Prinzip Hoffnung gelten. (Rainer Roth) 

 


   eingestellt am 27. August 2008