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Finanzkrisensystem
Das Stück, das derzeit auf allen Bühnen der
westlichen Welt gespielt wird, nennt sich Finanzkrise und jeder muss mitspielen,
ob er will oder nicht. Es ist ein böses Stück, weil im Ergebnis alle verlieren.
Es ist eine Parabel über menschliche Gier in Verbindung mit ungebremstem
Kapitalismus. Das dies irgendwann in den Abgrund führt, wissen wir spätestens
seit den Börsen – und Wirtschaftskrisen des letzten und vorletzten Jahrhunderts.
Doch offensichtlich muss jede Generation diese Lektion neu lernen. Und das Stück
ist auch eine Parabel darüber, wer die Sache am Ende ausbaden muss. Es ist wie
immer der kleine Mann resp. die kleine Frau, mit deren Steuergroschen zu
Milliardenpaketen geschnürt das System nun gerettet werden muss, das andere
vorher bedenkenlos ausgesaugt haben. Und wie immer können die kleinen Leute
nichts beeinflussen, denn sie spielen zwar mit, aber haben nichts zu sagen. So
bleibt ihnen letztlich nur die Zuschauerrolle, betroffen zwar, aber ohnmächtig.
Und hoffen müssen sie, dass das Drama am Ende doch noch gut ausgeht. (rr)
Als Nachschlag noch ein Gedicht, dessen
Urheberschaft leider unklar ist, das aber die Malaise ziemlich treffend
beschreibt:
Wenn die Börsenkurse fallen,
regt sich Kummer fast bei allen,
aber manche blühen auf:
Ihr Rezept heißt Leerverkauf.
Keck verhökern diese Knaben
Dinge, die sie gar nicht haben,
treten selbst den Absturz los,
den sie brauchen - echt famos!
Leichter noch bei solchen Taten
tun sie sich mit Derivaten:
Wenn Papier den Wert frisiert,
wird die Wirkung potenziert.
Wenn in Folge Banken krachen,
haben Sparer nichts zu lachen,
und die Hypothek aufs Haus
heißt, Bewohner müssen raus.
Trifft´s hingegen große Banken,
kommt die ganze Welt ins Wanken -
auch die Spekulantenbrut
zittert jetzt um Hab und Gut!
Soll man das System gefährden?
Da muss eingeschritten werden:
Der Gewinn, der bleibt privat,
die Verluste kauft der Staat.
Dazu braucht der Staat Kredite,
und das bringt erneut Profite,
hat man doch in jenem Land
die Regierung in der Hand.
Für die Zechen dieser Frechen
hat der Kleine Mann zu blechen
und - das ist das Feine ja -
nicht nur in Amerika!
Und wenn Kurse wieder steigen,
fängt von vorne an der Reigen -
ist halt Umverteilung pur,
stets in eine Richtung nur.
Aber sollten sich die Massen
das mal nimmer bieten lassen,
ist der Ausweg längst bedacht:
Dann wird bisschen Krieg gemacht.
Hinweis des Säzzers:
Nachdem wir das Gedicht
zunächst
auf unserer Willkommens-Seite als angeblich von Tucholsky stammend
veröffentlicht hatten,
erhielten wir folgenden Hinweis eines freundlichen Lesers (vielen Dank dafür!):
"Hallo liebe
Redaktion,
mir ist es schlicht schleierhaft, wie Sie auf die Idee kommen, dass von Ihnen
veröffentlichte Gedicht sei von Kurt Tucholsky (Die Weltbühne aus 1930) Das ist
so nicht ganz richtig.
Zum Einen, dass Tucholsky 1930 schon von Leerverkäufen und Derivaten schrieb
sollte eigentlich stutzig machen. Die Angabe von Tucholsky als Urheber
ist wohl sicher ein Lesefehler, der auf folgender Seite gut nachvollzogen werden
kann und auch von ihr stammen müsste:
http://weltrandbewohner.blog.v…..die-krise/
Ein gewisser Waltomir (bzw. eben eine Freundin von ihm, s.u.) hat nicht genau
gelesen und mit dem Fehler am 15.10. die seriöse und von Bibliothekaren gern
frequentierte Zeit-Kommentar-Seite infiziert:
http://kommentare.zeit.de/user…..e-freundin
Womit das bisher namenlose Poem dann auch einen recht hübschen Titel hätte,
jedenfalls besser als die nicht sehr phantasievolle erste Zeile.
Der eigentliche Autor des Gedichtes scheint ein gewisser Richard G. Kerschhofer
zu sein, der den Text unter dem Pseudonym Pannonicus und dem Titel “Höhere
Finanzmathematik” wohl zuerst
hier
veröffentlicht hat.
Die Verbreitung des Gedichtes unter der
Urheberschaft Tucholskys wird sicher munter weiter gehen. Es sei denn, alle
Zeitungen klären ebenso brav wie die
Frankfurter Rundschau
ihre Leser über den wahren Sachverhalt auf.
Setzen Sie doch bitte den richtigen Autoren
darunter.
Lieben Gruß
Uwe Hörner"
eingestellt am 31. Oktober 2008
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