Afghanistan oder warum dem Spaziergänger da nur eine und noch dazu schlechte Lösung einfällt.

 

Am 7. Oktober 2001 - das Datum läßt sich gut merken, es hätte, wenn das Volk mitgemacht hätte, der 52. Geburtstag der DDR werden können - begann der Afghanistan- Krieg, der offiziell immer noch kein solcher ist, als die ersten Soldaten der USA an den Hindukusch geschickt wurden. Drei Monate später waren die Taliban vertrieben, wenn auch nicht endgültig, wie sich bald herausstellte.

Am 7. Oktober 2008 beschloß das Bundeskabinett und wenige Tage später der Bundestag, das deutsche Kontingent auf 4500 Mann aufzustocken. Wenn man heute eine Zwischenbilanz ziehen würde - niemand in entscheidender Position ist dazu bereit - wäre diese ernüchternd.

Das Vertrauen der afghanischen Zivilbevölkerung in die ausländischen Truppen ist nicht gewachsen. Diese werden zunehmend als noch dazu ungläubige Besatzer empfunden, eine korrupte Justiz und eine ebenso korrupte wie unfähige Verwaltung verhindern den Erfolg der gut gemeinten und kostspieligen Aufbauhilfe, das Geld versickert irgendwo im Sande, wenn es nicht in den Kriegskassen der Terroristen landet. Von einem Rechtsstaat in unserem Sinne ist das Land weit entfernt. Statt vorher 80 % der Weltopiumproduktion kommen jetzt 90 % aus Afghanistan ( 50 % des Bruttosozialproduktes ). Die Ausbildung der einheimischen Polizei, Schwerpunkt der deutschen Aufbauhilfe, kommt nicht der Regierung zugute, die Terrorismusbekämpfung hat nur bescheidene Erfolge erzielt ( zum al Terroristen inzwischen nicht mehr aus Afghanistan, sondern aus dem Sauerland komm~n ).

Eine Abzugsstrategie für das deutsche Kontingent gibt es nach wie vor nicht, obwohl eine solche inzwischen nicht nur von den Linken gefordert wird, sondern auch aus Kreisen der Koalition, die bisher nicht als Tauben verdächtig waren.

Der Spaziergänger kann sich noch einigermaßen genau erinnern, wie das deutsche Engagement in Afghanistan begann. Es sollte eine zeitlich begrenzte, sozusagen militärische Polizeiaktion sein  (das haben Kriege so an sich, dass sie dem Volk anfangs als kurzfristige Feldzüge verkauft werden, an Weihnachten wären alle wieder zu hause), um Bin Laden fest zu nehmen. Dass er damals entkommen konnte, läßt sich nur mit seiner Unterstützung durch den angeblichen amerikanischen Bundesgenossen· Pakistan erklären. Die USA und ihre militärischen und politischen Bundesgenossen, das ist ein ganz trübes Kapitel, nicht erst seit Afghanistan.

 

Das Zitat des damaligen deutschen Verteidigungsministers Struck, Deutschland würde am Hindukusch verteidigt, war witzig und einprägsam wie kaum ein anderes Zitat, hat aber schon damals nicht gestimmt. Kaum jemand in Deutschland rechnete damals trotz der Erfahrungen vom Balkaneinsatz mit einem derart langfristigen Engagement, umgekehrt würde heute fast niemand darauf eine Wette wagen, dass der Afghanistaneinsatz nach weiteren sieben Jahren beendet sein würde.

 

Ein britischer Brigadegeneral äußerte kürzlich und er verriet damit kein militärisches Geheimnis, dass der Krieg" militärisch nicht zu gewinnen sei"- wenn nicht militärisch, wie sonst ist ein Krieg zu gewinnen -, allenfalls könne ein Aufstand der Taliban eingedämmt werden. Der Spaziergänger glaubt nicht einmal das. Er hat sich seit seinem Dienst als Zeitsoldat bei der Bundeswehr für militärische Fragen interessiert, insbesondere für Fragen der infanteristischen Ausbildung. ( Heute wird die Infanterie, von Spezialtruppen abgesehen, nur noch durch Gebirgs- und Fallschirmjäger repräsentiert, eine infanteristische Grundausbildung erhalten aber die Soldaten aller Waffengattungen ).

 

Der Spaziergänger glaubt, damals selbst eine gute und gründliche Ausbildung erhalten zu haben, das wurde ihm auch bei späteren Beurteilungen regelmäßig bestätigt. Er hält eine . intensive Ausbildung und Vorbereitung für eine unabdingbare Voraussetzung für einen Auslandseinsatz, alles andere wäre unverantwortlich, sieht aber darin keine Garantie für militärische Erfolge. Genau genommen und ehrlich konstatiert gilt heute fast nichts mehr, was noch vor fünfzig Jahren allgemeingültig war. Man ging damals trotz teilweise gegenteiliger Erfahrungen im 2. Weltkrieg noch davon aus, dass sich in einem Krieg regelmäßig reguläre Truppen, also Kombattanten, gegenüberstehen würden und ein Krieg, soweit das überhaupt möglich ist, in geordneten Bahnen verlaufen würde ( d. h. Kriegserklärung, Beachtung des Kriegs- und Völkerrechts, feindliche Truppen durch Uniform als solche erkennbar u.s.w. )

 

Dafür konnte und mußte man die Soldaten ausbilden. Die heute in der Truppe zu beobachtende und absolut nachvollziehbare Verunsicherung hat ihren Grund darin, dass Freund und Feind als solche kaum noch mit Sicherheit zu unterscheiden sind, klare Fronten ebenso wenig erkennbar sind wie zuverlässige Verbündete. Dazu ein fanatisierter Gegner, der ohne Hemmungen Frauen und Kinder für seine Ziele einsetzt und bedenkenlos opfert. Worauf sich deutsche Soldaten verlassen können : dass, falls ihnen beim Einsatz eine Fehleinschätzung unterläuft und dabei Zivilisten verletzt oder getötet werden, sich in der Heimat eine Staatsanwaltschaft und ein Gericht mit ihrem möglichen Fehlverhalten befassen, welche auf gut deutsch keine Ahnung haben von der Situation vor Ort und von den Befindlichkeiten von Soldaten in einem Land, dessen Traditionen, Strukturen und Sprache ihnen fremd bleiben müssen. In einem Land mit einer Bevölkerung, deren Lebensgrundlage neben der zivilen Hilfe aus dem Ausland der Mohnanbau ist, den es aber auftragsgemäß zu unterbinden gilt. In einem Land mit mafiösen Milizen, deren Bewaffnung und Kampfkraft die der regulären einheimischen Truppen übertrifft. In einem Land, das beherrscht wird von so genannten Warlords, die Krieg auf eigene Rechnung führen und, von außen unterstützt, mit krimineller Energie Riesenvermögen anhäufen. In einem Land schließlich, wo es keine Etappe gibt.

 

Der Spaziergänger interessiert sich nicht nur für militärische Ausbildung, sondern auch für Geschichte und Kriegsgeschichte. Wenn jemand wie er an historische Gesetzmäßigkeiten und Wiederholungen glaubt, kann er feststellen, dass seit 1747, als dort aus einer Reihe kleiner und kleinster Reiche ein unabhängiges afghanisches Emirat entstand, das Land nie von außen dauerhaft erobert und endgültig besiegt werden konnte. Weder die Briten ( 1878 ) noch die damalige Sowjetunion ( 1979 ) haben das geschafft, obwohl letztere ihren Krieg sehr intensiv und bei der Behandlung von Kriegsgefangenen wenig zimperlich geführt hatte.

 

Weltweit wurden seit 1945 etwa 50 Kriege geführt - es gibt auch noch etwas höhere Zahlen, es kommt auf die Zählweise an - , gewonnen oder zumindest ordnungsgemäß beendet wurde keiner. Die USA haben zwar zwei Jahre vor Kriegsende Vietnam verlassen ( unter Hinterlassung von ca. 3,5 Mio. Blindgängern und Tretminen, denen seither über 30.000 Menschen zum Opfer fielen ), aber auch diesen Krieg kann man nicht zu den gewonnenen, falls es so etwa überhaupt gibt, zählen. Die amerikanische Gesellschaft wird noch lange an den Folgen leiden.

 

Nur wenige Politiker und pensionierte Militärs in Deutschland möchten sich eingestehen, dass man sich in Afghanistan ebenso verrannt hat wie die Bundesgenossen, dass' mit 50.000 Mann ( derzeitige Gesamtstärke ) ein Land von dieser Größe - fast doppelt so groß wie Deutschland - und mit dieser Geographie - überwiegend Gebirge, sechs Nachbarstaaten nicht zu beherrschen ist, dass Afghanistan alle Voraussetzungen für einen richtigen Staat nach unseren Vorstellungen, also insbesondere mit einer Staatsgewalt als drittem Kriterium fehlen.

Die einzige traditionelle Staatsform war die Anarchie, die einzige Autorität waren und sind die Stammesältesten und seit einigen Jahren die Warlords. Die Befürchtung, dass Afghanistan wieder in Anarchie und Stammeskriege verfällt, sobald die Koalitionstruppen abgezogen sind, ist berechtigt. Es gibt aber keine andere Alternative als einen ehrlichen Kassensturz, der nur zu dem Ergebnis führen kann: dieser Krieg ist auch langfristig nicht zu gewinnen, also geordneter Rückzug, solange dies noch möglich ist. Aber dazu gehört Mut, mehr Mut als Deutschland am Hindukusch zu verteidigen.

 

Das am schwersten wiegende Argument dagegen ist das der Bündnistreue, darum müßte versucht werden, die in Afghanistan engagierten Bündnispartner zu einer gemeinsamen Rückzugsstrategie zu bewegen. Deutschland könnte diese Rolle als einziges Land ohne Gesichtsverlust übernehmen. Da die US- Amerikaner und Briten, die bisher den Hauptteil der Last getragen haben, zunehmend kriegsmüde sind, wäre eine solche von Deutschland ausgehende Initiative schwierig, aber nicht völlig aussichtslos.

 

Im Übrigen: Deutschland hat sich trotz massivem Drängen nicht am Irakkrieg beteiligt, das Bündnis ist daran nicht zerbrochen. Aus heutiger Sicht war die damalige, im Vorwahlkampf 2002 von Schröder wohl aus wahltaktischen Gründen getroffene Entscheidung die vermutlich beste, vielleicht die einzig gute seiner Regierungszeit. Aber möglicherweise wären deutsche Bedenken gegen einen weiteren Verbleib in Afghanistan auch nur in den Wind gesprochen.

(Spaziergänger, November 2008)

 


   eingestellt am 17. Oktober 2008