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Thomas Bernhards
Universum
Der begnadete Schimpfer und Grantler, der
notorische Provokateur und Skandalmacher, der hemmungslose Übertreiber und
Verallgemeinerer, der ewig Unzufriedene und ständig Hadernde – 20 Jahre ist
Thomas Bernhard mittlerweile tot, gestorben mit 58 Jahren. Jemand wie er konnte
nicht alt werden, nicht nur wegen seines Lungenleidens, jemand mit seiner
Biographie konnte kein zufriedener Mensch werden, nicht auf dieser Welt. So hat
er sich aufs Schimpfen verlegt, hat es zu großer Literatur erhoben, hat zu einem
ganz eigenen, unverwechselbaren Stil gefunden. Seine Prosatexte wirken wie in
einem Zug niedergeschrieben, ohne Absätze, ohne Kapitel, in gewisser Weise
endlos, auch wenn der natürlich Text irgendwann aufhört. Seine Energie zum
Schreiben kam aus seiner Wut, seinem Hass gegen fast alles und alle, die
Österreicher vorneweg. Seine Erzählungen und Romane sind letztlich Monologe, in
denen einer seinen Ekel, seine Frustration auskotzt, ohne Maß, ohne Grenze, das
Leben immer aus einer komplett negativen, ausweglosen Perspektive betrachtend.
Er selbst hat seine Wut und seine Frustration in immer neue Texte gepackt, in
endlos aneinander gereihte, sich wiederholende und dabei leicht variierte, zu
Tiraden gesteigerte Sätze gefasst, seinen Ekel und seine innere Wut ausgekotzt
in endlos aneinander gereihten Sätzen und immer neuen Geschichten und ist seine
Wut und seine Frustration doch niemals los geworden. (rr)
… Während ich mir
meiner Schrift über Glenn zuliebe seine Goldbergvariationen anhörte, stellte ich
die Verwahrlosung meiner Wohnung noch genauer fest, die ich drei Jahren nicht
mehr betreten hatte. Auch kein anderer Mensch war in dieser Zeit in meiner
Wohnung, dachte ich. Ich war drei Jahre weg, hatte mich ganz in die Calle del
Prado zurückgezogen, mir in diesen drei Jahren eine Rückkehr nach Wien überhaupt
nicht mehr vorstellen können und auch nie mehr daran gedacht, jemals wieder nach
Wien, in die zutiefst gehasste Stadt, zurückzukehren, nach Österreich, in das
zutiefst gehasste Land. Dass es meine Rettung gewesen ist, aus Wien sozusagen
auf endgültig wegzugehen und gerade nach Madrid, das mir zum idealen
Existenzmittelpunkt geworden ist, nicht erst mit der Zeit, sondern vom ersten
Augenblick an, dachte ich. In Wien wäre ich nach und nach aufgefressen worden,
wie Wertheimer immer gesagt hat, von den Wienern erstickt und von den
Österreichern überhaupt vernichtet worden. Alles in mir ist so, dass es in Wien
ersticken und in Österreich vernichtet werden muss, dachte ich, wie auch
Wertheimer dachte, dass ihn die Wiener ersticken, die Österreicher vernichten
müssen. Aber Wertheimer war nicht der Mensch, über Nacht nach Madrid zu gehen
oder nach Lissabon oder nach Rom, das konnte er zum Unterschied von mir nicht.
So hatte er immer nur die Möglichkeit, nach Traich auszuweichen, aber in Traich
war alles noch viel schlimmer für ihn. Sozusagen allein mit den
Geisteswissenschaften in Traich musste er zugrunde gehen. Mit seiner Schwester
zusammen ja, aber nur mit seinen Geisteswissenschaften allein in Traich, nein,
dachte ich. Die Stadt Chur, die er überhaupt nicht gekannt hat, hat er
schließlich so gehasst, allein den Namen der Stadt Chur, das Wort Chur, dass er
hinfahren musste, um sich umzubringen, dachte ich. Das Wort Chur genauso wie das
Wort Zizers hatten ihn schließlich gezwungen, in die Schweiz zu fahren und sich
an einem Baum zu erhängen, naturgemäß an einem Baum unweit des Hauses seiner
Schwester. Abgekartet war ja auch ein Wort von ihm, auf diesen Selbstmord trifft
dieser Begriff tatsächlich zu, dachte ich, sein Selbstmord war abgekartet,
dachte ich. Alle Anlagen in mir sind tödliche, hat er einmal zu mir gesagt,
alles ist in tödlicher Weise in mir angelegt von meinen Erzeugern, so er, dachte
ich. Er hat immer Bücher gelesen, in welchen von Selbstmördern die Rede ist, in
welchen von Krankheiten und Todesfällen die Rede ist, dachte ich, im Gastzimmer
stehend, in welchen das Menschenelend beschrieben ist, die Ausweglosigkeit, die
Sinnlosigkeit, die Nutzlosigkeit, in welchen alles immer wieder verheerend und
tödlich ist. Deshalb liebte er Dostojevskj und alle seine Nachfolger über alles,
überhaupt die russische Literatur, weil sie die tatsächlich tödliche ist, aber
auch die deprimierenden französischen Philosophen. Am liebsten und am
eindringlichsten las er medizinische Schriften und immer wieder führten ihn
seine Wege in die Kranken- und Siechenhäuser, in die Altersheime und in die
Totenhallen. Diese Gewohnheit hatte er bis zuletzt gehabt, obwohl er die
Krankenhäuser und die Siechenhäuser fürchtete, die Altersheime und Totenhallen,
war er doch immer wieder in diese Krankenhäuser und Siechenhäuser und
Altersheime und Totenhallen hineingegangen. Und ging er nicht in Krankenhäuser
hinein, weil es ihm nicht möglich gewesen war, so las er Schriften oder Bücher
über Kranke und über Krankheiten und Bücher oder Schriften über Sieche, wenn er
keine Gelegenheit hatte in Siechenhäuser hineinzugehen, oder las Schriften und
Bücher über Alte, wenn er nicht in Altersheime gehen konnte, und Schriften und
Bücher über Tote, wenn er keine Gelegenheit hatte, in Totenhallen zu gehen. Wir
wollen naturgemäß den praktischen Umgang mit den uns faszinierenden
Gegenständen, sagte er einmal, also vor allem den Umgang mit Kranken und Siechen
und Alten und Toten, weil uns der theoretische nicht genügt, aber über lange
Perioden sind wir auf den theoretischen Umgang angewiesen, wie wir ja auch sehr
lange Zeiten, was die Musik betrifft, auf den theoretischen Umgang angewiesen
sind, so er, dachte ich. Ihn faszinierten die Menschen in ihrem Unglück, nicht
die Menschen selbst hatten ihn angezogen, ihr Unglück, und er traf es überall
an, wo Menschen waren, dachte ich, er war menschensüchtig, weil er
unglückssüchtig war. Der Mensch ist das Unglück, sagte er immer wieder, dachte
ich, nur der Dummkopf behauptet das Gegenteil. Geborenwerden ist ein Unglück,
sagte er, und solange wir leben, setzen wir dieses Unglück fort, nur der Tod
bricht es ab. Das heißt aber nicht, dass wir nur unglücklich sind, unser Unglück
ist Voraussetzung dafür, dass wir auch glücklich sein können, nur über den Umweg
des Unglücks können wir glücklich sein, sagte er, dachte ich. …
(aus Der
Untergeher)
eingestellt am 8. März 2009
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