Lesen und lesen
lassen
von Spaziergänger
Dialog
Lehrer - Schüler: " So, was lest ihr denn zu Hause in der Familie ?"
" Der Papa
liest Zeitung, die Mama liest Linsen und, der Opa läßt ab und zu einen fahren."
Der Spaziergänger hat sich fest vorgenommen,
nichts mehr zu Papier zu bringen, bevor nicht seine Altlasten, sprich seine
früheren Entwürfe, soweit nicht anderweitig entsorgt, abgearbeitet sind. Aber ab
und zu fällt ihm dann doch wieder etwas ein zu einem bestimmten Thema, das ihm
immer wieder unterkommt und das er festhalten will.
Kaum eine Tätigkeit hat ihn sein ganzes Leben,
auch das so genannte Berufsleben, so beschäftigt und in Anspruch genommen wie
das Lesen. Selbst mit Schlafen bringt er heute - leider - nicht mehr so viele
Stunden zusammen, wie er mit dem Lesen verbringt.
Als Schüler hatte er einige wenige eigene
Bücher, :für die Nachkriegszeit aber schon eine beachtliche Zahl. Ein großer
Teil der privaten Bibliotheken war im Krieg mit den Häusern der deutschen Städte
verbrannt bzw. auf der Flucht zurückgelassen worden, die Wiederbeschaffung von
Büchern war damals nicht das vordringliche Problem.
- Die wiederbelebte Bibliothek seiner Eltern
war für den Spaziergänger leider zu anspruchsvoll, mit Hermann Hesses "
Glasperlenspiel " beispielsweise konnte er damals nichts anfangen ( übrigens
auch später nicht ). Geschichtliche Romane ( Felix Dahn, Gustav Freytag ) und
Sachbücher, Biographien und Autobiographienwaren eher seine Welt.
Die Mutter des Spaziergängers hatte eine recht
breite Kenntnis der deutschsprachigen Literatur, sie hatte selbst auch einen
guten Schreibstil. Dass sie auch Gedichte verfaßte, erfuhr der Spaziergänger
erst lange nach ihrem Tode und das mehr zufällig. Sie kannte einige deutsche
Schriftsteller persönlich und war Mitglied in mehreren Münchner
Literaturzirkeln, wie" Tukan ", " Seerose" und " Katakombe". Die beiden
letzteren, ursprünglich nach den jeweiligen Tagungslokalen benannt, wurden
später umbenannt, heute existiert vermutlich keiner dieser Vereine mehr. Dorthin
nahm sie den Spaziergänger gelegentlich mit, er ist für die damaligen Anregungen
noch immer dankbar. Ein nettes Erlebnis, an das er sich noch gut erinnert; Er
saß einmal einen ganzen Abend mit einem freundlichen älteren Herrn zusammen am
Tisch, mit dem er sich vorzüglich unterhielt. Auf die ziemlich blöde Frage, ob
er selbst eine Beziehung zur Literatur habe, erzählte dieser schmunzelnd, dass
zwei seiner Romane sogar die Story für recht erfolgreiche Nachkriegsfilme
geworden seien, " Ich denke oft an Piroschka" und " Wir Wunderkinder". Beide
Filme hatte der Spaziergänger, ersteren sogar mehrmals, gesehen, die Romane von
Hugo Hartung - um ihn handelte es sich bei dem unbekannten Literaturfreund -
aber erst nach diesem Abend gelesen. Zum Glück hatte er
seine eigenen und unter Ausschluß der
Öffentlichkeit unternommenen Versuche unerwähnt .
gelassen.
Als Zugführer bei der Bundeswehr hatte der
Spaziergänger einen dienstälteren Kameraden, einen Berufssoldaten, der, wie
damals üblich, als junger und unverheirateter Offizier häufig versetzt wurde
UI).d der, obwohl ansonsten persönlich anspruchslos, jedesmal seine gesamte
Privatbibliothek als· Umzugsgut mitschleppte. Einen Teil davon nahm er sogar, in
einer olivgrünen Holzkiste geschickt getarnt, mit ins Manöver. Wenn andere so
welt1ichen.Dingen wie Sport oder Freizeitvergnügungen nachgingen, saß er
zufrieden und rauchend bei seinen Büchern. Sport betrieb dieser Bücherwurm nur,
wenn er zwei- oder dreimal im Jahr als Skipatrouillenführer abkommandiert wurde,
dann aber meistens gewann. Als Intellektueller war er in dem militärischen
Umfeld fast ein Exot, zugleich aber ein hervorragend befähigter Soldat. Der
Spaziergänger hat ihn leider aus den Augen verloren, vermutlich ist aus ihm ein
Generalstäbler geworden.
Doch jetzt zum eigenen Verhältnis zum Lesen.
Das Lesen von Akten und· juristischen Entscheidungen war während seiner rund
fünfunddreißigjährigen Dienstzeit eine seiner Hauptbeschäftigungen gewesen. Als
äußerst unangenehm hat er dabei Kabinettvorlagen in Erinnerung, wenn diese
bereits die zweite oder dritte Vorlage zum gleichen Thema waren, Änderungen aber
nicht als solche kenntlich gemacht wurden. Dann blieb nichts anderes übrig, als
den letzten und vorletzten Entwurf vergleichend zu lesen. Der Spaziergänger
nannte dies den" deutschen Hausfrauenblick" ( ein Auge auf die Wäsche, ein Auge
auf die Klammern ).
Es gab kaum eine Tätigkeit, die so stupid und
gleichzeitig anstrengend war wie dieses Synchronlesen, der Spaziergänger hat
dann seine eigene Gründlichkeit gründlich verflucht.
Wenn noch keine Amtsleiterbesprechung mit
entsprechend kurzer Terminsetzung anstand, kam es schon mal vor, dass man
andere, weniger zeitraubende Aufgaben vorzog und Vorlagen von mehr als hundert
Seiten liegen blieben. Wenn es dann zeitlich knapp wurde, gab es verschiedene
Tricks, Zeit zu gewinnen. Fast immer lohnend war dann eine.
" redaktionelle Überprüfung", das heißt die
Suche, ob in der Vorlage oder in den Anlagen dazu eine Seite fehlte oder bei der
Nummerierung der Abschnitte ein Fehler unterlaufen war.
Eine andere, ebenso lohnende Suche nach
Fehlerquellen war die in Inhaltsverzeichnissen und Auflistungen. Und wenn man
dann, je nach Temperament und Kollegialität des Sachbearbeiters tadelnd oder
aber freundlich und höflich um Übersendung eines vollständigen Exemplars gebeten
hatte, war meist schon genügend Zeit gewonnen, bzw. die Verantwortlichkeit für
die Verzögerung verwischt. Ein besonders infamer und dem Spaziergänger verhaßter
Trick war, in letzter Minute oder auch noch nach Ablauf der gesetzten Frist eine
Dienststelle zu " beteiligen", die garantiert unzuständig war, um so die
Verantwortung für die verbummelte Bearbeitung abzuschieben.
Wie sich die deutsche Ministerialbürokratie
über hundert Jahre lang treu geblieben ist, beschreibt Ludwig Thoma ( 1894 - 99
Rechtsanwalt in Dachau, danach Redakteur des
" Simplizissimus" ). Mit Thoma praktizierte ein
Freiherr von G. am Bezirksamt Traunstein.
Thoma charakterisierte ihn so : " Er besaß eine
hereditäre Anpassungsfähigkeit an das seltsame Geschäft im Bezirksamt. Er
verstand die Kunst, Akten zu erledigen und den Schein .
einer umfassenden Tätigkeit für sich und das
Amt zu erwecken aus dem ff. Jeder Antrag wurde brevi manu an den Bürgermeister,
den Distriktstechniker, die Gendarmerie u.s.w. geschickt zur näheren
Berichterstattung oder ergebenst an Behörden mit dem Ersuchen um
Auskunft. Wenn sie zurückkamen mit dem
eingeforderten oder erbetenen Bericht, fand sich gleich wieder ein Häkchen, über
das erneute Auskunft verlangt werden konnte. So waren die Akten immer auf der
Reise und immer schien etwas zu geschehen und nie geschah was."
Auch später im Ruhestand hat der Spaziergänger
viel gelesen, diesmal aber freiwillig und zu seinem Vergnügen. Da bei ihm
Gedächtnis und Auffassungsgabe im Gegensatz zu seinem Sehvermögen deutlich
nachgelassen hat, liest er heute bevorzugt Bücher, die er von früher her kennt,
das zweite und dritte Mal. Da wenigstens das Langzeitgedächtnis noch
zufriedenstellend funktioniert, bringt er von den meisten dieser Bücher nicht
nur den korrekten Titel und den Namen des Autors, sondern oft auch noch den
jeweiligen Verlag zusammen. Da früher Verlagstreue von Autoren, natürlich
umgekehrt auch von Seiten der Verlage die Regel war, war der zu einem Autor
gehörende Verlag noch relativ einfach zu merken. Es gab aber schon damals"
Legionäre" unter den Buchautoren; Eugen Roth z.B. hat mehrfach den Verlag
gewechselt, zum Teil sogar in verschiedenen Verlagen gleichzeitig
veröffentlicht.
Der Spaziergänger hat gelegentlich mit aktiven
und früheren Buchhändlern gesprochen, er war über deren optimistische
Einschätzung, dass es auch in fünfzig Jahren noch Bücher geben werde, erstaunt.
Er ist sich da nicht so sicher.
Was er selbst in seinem Leben und besonders in
den letzten sieben Jahren gelesen hat, ist eine ganze Menge, allerdings
überwiegend Sachbücher, dagegen kaum Philosophisches, da schafft er auch den
Einstieg nicht mehr, weil ihm dazu die Grundlagen fehlen ( Merke : Einem alten
Hund kann man keine neuen Tricks beibringen. )
Seine nach einer Generalbereinigung vor einem
halben Jahr verbliebenen Bücher betrachtet und behandelt er wie alte Freunde und
hofft, dass sie später mal in gute Hände kommen und nicht auf dem Müll landen.
Sein Ende stellt er sich so vor oder er wünscht
es sich zumindest : Auf der vorletzten Seite eines Buches angekommen einfach
einzuschlafen. Warum das gerade auf der vorletzten Seite passiert, wenn er an
der Lösung aller Fragen so nahe dran ist wie noch nie in den vergangenen siebzig
Jahren, das wird ihm dann vielleicht der Herr im langen weißen Hemd erklären
oder ihm gleich selbst die allerletzte Seite vorlesen.Aber vielleicht ist das
dann auch nur in den Wind gesprochen.
Für die Bücherfreundin Renate B mit den besten
Wünschen zum Geburtstag.
eingestellt am 14.
Oktober 2008
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