Kuttel Datteldu wird 125
Am 7. August wäre er 125 Jahre alt geworden, Hans
Bötticher, der sächsische Seemann und geniale Dichter skurril-hintergründiger
Verse, die er unter dem Pseudonym Joachim Ringelnatz veröffentlichte. Schöpfer
der Figur des poltrigen, aber herzensguten old sailor Kuttel Daddeldu, seinem
alter ego. Aber besser als viele Worte über ihn, sind natürlich Sätze von ihm,
deshalb folgt ein kleiner appetizer:
Kuttel Daddeldu erzählt
seinen Kindern das Märchen vom Rotkäppchen und zeichnet ihnen sogar was dazu
Also Kinners, wenn ihr mal
fünf Minuten lang das Maul halten könnt, dann will ich euch die Geschichte vom
Rotkäppchen erzählen, wenn ich mir das noch zusammenreimen kann. Der alte
Kapitän Muckelmann hat mir das vorerzählt, als ich noch so klein und so dumm
war, wie ihr jetzt seid. Und Kapitän Muckelmann hat nie gelogen.
Also lissen tu mi. Da war
mal ein kleines Mädchen. Das wurde Rotkäppchen angetitelt - genannt heißt das.
Weil es Tag und Nacht eine rote Kappe auf dem Kopfe hatte. Das war ein schönes
Mädchen, so rot wie Blut und so weiß wie Schnee und so schwarz wie Ebenholz. Mit
so große runde Augen und hinten so ganz dicke Beine und vorn - na kurz, eine
verflucht schöne, wunderbare, saubere Dirn.
Und eines Tages schickte
die Mutter sie durch den Wald zur Großmutter; die war natürlich krank. Und die
Mutter gab Rotkäppchen einen Korb mit drei Flaschen spanischen Wein und zwei
Flaschen schottischen Whisky und einer Flasche Rostocker Korn und einer Flasche
Schwedenpunsch und einer Buttel mit Köm und noch ein paar Flaschen Bier und
Kuchen und solchen Kram mit, damit sich Großmutter mal erst stärken sollte.
»Rotkäppchen«, sagte die
Mutter noch extra, »geh nicht vom Wege ab, denn im Walde gibt's wilde Wölfe!«
(Das Ganze muß sich bei Nikolajew oder sonstwo in Sibirien abgespielt haben.)
Rotkäppchen versprach alles und ging los.
Und im Walde begegnete ihr
der Wolf. Der fragte: »Rotkäppchen, wo gehst du denn hin?« Und da erzählte sie
ihm alles, was ihr schon wißt. Und er fragte: »Wo wohnt denn deine Großmutter?«
Und sie sagte ihm das ganz genau: »Schwiegerstraße dreizehn zur ebenen Erde.«
Und da zeigte der Wolf dem Kinde saftige Himbeeren und Erdbeeren und lockte sie
so vom Wege ab in den tiefen Wald.
Und während sie fleißig
Beeren pflückte, lief der Wolf mit vollen Segeln nach der Schwiegerstraße
Nummero dreizehn und klopfte zur ebenen Erde bei der Großmutter an die Tür.
Die Großmutter war ein
mißtrauisches, altes Weib mit vielen Zahnlücken.
Deshalb fragte sie barsch:
»Wer klopft da an mein Häuschen?« Und da antwortete der Wolf draußen mit
verstellter Stimme: »Ich bin es, Dornröschen!« Und da rief die Alte: »Herein!«
Und da fegte der Wolf ins Zimmer hinein. Und da zog sich die Alte ihre
Nachtjacke an und setzte ihre Nachthaube auf und fraß den Wolf mit Haut und Haar
auf.
Unterdessen hatte sich
Rotkäppchen im Walde verirrt. Und wie so pißdumme Mädel sind, fing sie an, laut
zu heulen.
Und das hörte der Jäger im
tiefen Wald und eilte herbei. Na - und was geht uns das an, was die beiden dort
im tiefen Walde miteinander vorgehabt haben, denn es war inzwischen ganz dunkel
geworden, jedenfalls brachte er sie auf den richtigen Weg.
Also lief sie nun in die
Schwiegerstraße. Und da sah sie, daß ihre Großmutter ganz dick aufgedunsen war.
Und Rotkäppchen fragte:
»Großmutter, warum hast du denn so große Augen?« Und die Großmutter antwortete:
»Damit ich dich besser sehen kann!«
Und da fragte Rotkäppchen
weiter: »Großmutter, warum hast du denn so große Ohren?« Und die Großmutter
antwortete: »Damit ich dich besser hören kann!«
Und da fragte Rotkäppchen
weiter: »Großmutter, warum hast du denn so einen großen Mund?«
Nun ist das ja auch nicht
recht, wenn Kinder so was zu einer erwachsenen Großmutter sagen.
Also da wurde die Alte
fuchsteufelswild und brachte kein Wort mehr heraus, sondern fraß das arme
Rotkäppchen mit Haut und Haar auf. Und dann schnarchte sie wie ein Walfisch. Und
draußen ging gerade der Jäger vorbei.
Und der wunderte sich,
wieso ein Walfisch in die Schwiegerstraße käme. Und da lud er seine Flinte und
zog sein langes Messer aus der Scheide und trat, ohne anzuklopfen, in die Stube.
Und da sah er zu seinem
Schrecken statt einen Walfisch die aufgedunsene Großmutter im Bett.
Und - diavolo caracho! -
da schlag einer lang an Deck hin! - Es ist kaum zu glauben! - Hat doch das alte
gefräßige Weib auch noch den Jäger aufgefressen. Ja, da glotzt ihr Gören und
sperrt das Maul auf, als käme da noch was. - Aber schert euch jetzt mal aus dem
Wind, sonst mach ich euch Beine.
Mir ist schon sowieso die
Kehle ganz trocken von den dummen Geschichten, die doch alle nur erlogen und
erstunken sind.
Marsch fort! Laßt euren
Valer jetzt eins trinken, ihr - überflüssige Fischbrut!
Und noch ein kleiner Vers:
Bumerang
War einmal ein Bumerang;
War ein weniges zu lang.
Bumerang flog ein Stück,
Aber kam nicht mehr
zurück.
Publikum – noch
stundenlang –
Wartete auf Bumerang.
eingestellt am 12.
August 2008
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