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Erinnerung an
Sebastian Haffner
Vor ziemlich genau 10 Jahren starb der
Publizist Sebastian Haffner in Berlin, Anlaß genug an diesen scharfsinnigen
politischen Analytiker zu erinnern. Sein bekanntestes Buch sind vermutlich die
Anmerkungen zu Hitler aus dem Jahre 1978, mit dem es Haffner in sieben
vergleichsweise kurzen Kapiteln gelingt, die Facetten der Person Hitler in
beinahe genialer Weise verstehbar zu machen. Ebenfalls sehr aufschlussreich ist
seine Geschichte eines Deutschen, 1939 im englischen Exil verfasst und
erst im Jahr 2000 auf deutsch erschienen, in der er seine Erinnerungen an die
Jahre 1914 bis 1933 niedergelegt hat. Auch hier gelingt es ihm die Zeit der
Weimarer Republik und den Aufstieg sowie die ersten Monate des
nationalsozialistischen Regimes plastisch und nachvollziehbar zu schildern.
Haffner ist ein glänzender Stilist, seine Sprache prägnant und klar, so dass die
Lektüre seiner Werke auch aus diesem Grund ein Genuss ist. Weniger bekannt, aber
nicht weniger lesenswert sind seine Feuilletons, die er von 1933 bis zu seiner
Emigration 1938 für verschiedene deutsche Zeitungen verfasste und die der
Hanser-Verlag 2004 in einer hübschen Zusammenstellung unter dem Titel Das
Leben der Fußgänger herausgegeben hat. Es folgt eine kleine Leseprobe: (rr)
Die Langschläfer
Gedrückt, gering geachtet und voll schlechten
Gewissens über seine eigene Existenz lebt das faule und lichtscheue Volk der
Langschläfer in finsteren Höhlen, Nachtcafes und Lotterbetten dahin. Ihm färbt
der Morgensonne Licht den reinen Horizont mit Flammen. Unerfreulich beginnt
jeder seiner Tage. Gewalttat leitet ihn ein: Furchtbar brüllt der Wecker ins Ohr
des Schlafenden, und wie ein mordgieriger Somnambule tappt der Arm des
Aufgestörten aus den Kissen, den pflichtgetreuen Störenfried zu erwürgen. Ist es
getan, so sinkt der Langschläfer mordsatt und beruhigt noch einmal in den
schweren, trotzigen Schlaf des Mannes zurück, der seinen Feind erschlagen.
Aber der Wurm des Gewissens nagt. Böse Träume
und Angstgesichter umhuschen den illegalen Morgenschlaf des Langschläfers. Er
wacht halb auf, blickt sich scheu um, stöhnt und zieht die Decke über die Ohren.
Weinerlicher Trotz füllt ihn bis zum Rand. Der Langschläfer beginnt seinen Tag
damit, mit seinem Gott zu hadern. Ungern, höchst ungern und unfreiwillig erhebt
er sich schließlich, um verspätet an sein Tagewerk zu gehen, auf dem kein Segen
ruht.
Denn was kann schon ein Tag Gutes bringen, der
mit Aufstehen anfängt!
So lebt der unterdrückte, verachtete und
verkümmerte Stamm der Langschläfer in einer Welt, die den Frühaufstehern gehört.
Wie ist der Frühaufsteher in dieser Welt zu Hause, mit welchem Behagen erkennt
er die Welt als die seine wieder, wenn er morgens frisch und munter erwacht und
die Sonne ins Fenster scheint! Wie er pfeift und mit dem Wasser planscht, wie er
in die krachenden Morgensemmeln beißt! Frisch, tatendurstig und machtbewußt ist
der Schritt des Frühaufstehers, seine Augen klar, und nach Morgenluft und
Rasiercreme duften seine Backen. Nur Erfolge hält der Tag für ihn bereit.
Sollte man es für möglich halten, dass der
Langschläfer und der Frühaufsteher einmal als gleichberechtigte und gleich
geliebte Geschöpfe aus der Hand Gottes kamen?
Nein, das wird kein ehrliebender Frühaufsteher
zugestehen, und der Langschläfer selbst wird nicht die Vermessenheit aufbringen,
es öffentlich zu behaupten. Und doch gibt es eine wissenschaftliche Lehre, die,
trostreich und gleichmütig, diese Meinung vertritt. Sie kennt nicht die Worte
»Langschläfer« und »Frühaufsteher«, sie spricht neutral, wissenschaftlich und
unverständlich von »Morgentyp« und »Abendtyp«.
Der Morgentyp ist dabei natürlich das, was
jeder Vernünftige und Vorurteilslose unter dem Abendtyp verstehen würde, also
der Langschläfer. Der Morgentyp hat eine Schlafkurve, die, langsam, flach und
sanft beginnend, erst spät, gegen Morgen, ihre volle Tiefe erreicht. Er findet
schwer in den Schlaf hinein und noch schwerer wieder hinaus; er vertritt das
durchaus vertretbare Prinzip der langsamen machtvollen Steigerung. Der Abendtyp
dagegen gewinnt schnell und leicht, noch am Abend, den tiefsten und heiligsten
Meeresgrund des Schlafs; er schläft den berühmten Schlaf vor Mitternacht. Die
lange, zögernde und schüchterne Kurve, mit der der Morgentyp in den Tiefschlaf
hinab gleitet, führt beim Abendtyp wieder zum Erwachen hinauf; zum Schluß genügt
eine langsame, sanft und flach rollende Welle, um ihn unmerklich am Strand des
Erwachens wieder auszusetzen - wohin den Morgentyp ein
furchtbarer, saugender Strudel aus der Tiefe
emporschleudern muß. Ganz gleich an Würde, Anmut und Lebensrecht steht in dieser
Theorie als Morgentyp und Abendtyp brüderlich, gleichsam Hand in Hand vor uns,
was im Leben als Langschläfer und Frühaufsteher durch den Abgrund getrennt ist,
der zwischen ehrenhafter Lebenstüchtigkeit und verrotteter Schande klafft.
Es ist verführerisch, sich auszumalen, dass dem
einmal wirklich so war: dass wirklich einmal, in jenem goldenen Zeitalter, da
das Lamm mit dem Löwen spielte, auch der Frühaufsteher mit dem Langschläfer
friedlich und freundlich wie ein Bruder mit dem andern einherging. Später erst
als die Zwietracht unter die Menschen kam und keiner dem andern mehr sein Sosein
und Anderssein gönnte, muß auch zwischen den Rassen der Frühaufsteher und der
Langschläfer jener furchtbare Kampf ausgebrochen sein, der mit der Niederwerfung
und Versklavung der Langschläfer endete. Denn heute beherrschen die
Frühaufsteher die Welt, und es ist kein Wunder, dass sie fröhlich dreinblicken
wenn sie sie erwachend wieder sehen: haben sie sie doch ganz nach ihren
Bedürfnissen eingerichtet, als wahres Frühaufsteherparadies! Die Geschäfte, die
Ämter, der Verkehr, die Märkte, die Ausrufer und Teppichklopfer, das gesamte
lärmende und schlafmordende Leben fängt am frühen Morgen an, und am Abend endet
es und erlaubt den Frühaufstehern, in aller herrschaftlichen Ruhe und
schmarotzenden Bequemlichkeit ihren tiefen Schlaf vor Mitternacht zu schlürfen.
Ach, wenn die armen Langschläfer nur einmal in der Woche ihren Morgenschlaf so
auskosten könnten! Aber selbst den Sonntag haben die Frühaufsteher mit
herrischem »Weg da!« in Beschlag genommen, singend, jubelnd und lauteschlagend
reißen sie den zarten Sonntagmorgenschlaf des verachteten Langschläfers in
tausend Fetzen.
Das ist es ja, was die Langschläfer auf die
Dauer vor sich selbst diffamieren und moralisch auf den Hund bringen muß: Sie
müssen die Spielregeln einer Welt anerkennen und voller Unterwürfigkeit
innehalten, die ihrer tiefsten und unschuldigsten Natur täglich neu ins Gesicht
schlagen. Kein Gedanke, dass etwa die Frühaufsteher, als sie ihre Tageswelt
einrichteten, eine kleine Nachtausgabe der Welt mit vorgesehen hätten, für die
Langschläfer, aus Gutmütigkeit und Menschlichkeit; dass etwa ein Geschäft von
jeder Art, ein einziges, statt von morgens acht bis abends sieben, von abends
acht bis morgens sieben geöffnet wäre;
nein, hart und unerbittlich haben sie den
Langschläfern alle Lücken und Fugen zugestopft, in denen sie sich einnisten
könnten, um es sich auch auf ihre Art ein bißchen behaglich zu machen. So
schleppen sich die Langschläfer durch diese Welt, die ihnen feindlich ist,
schlechtgelaunt, leidend und verkümmert, und suchen Trost in dem, worin
unterdrückte Menschen seit je Trost gesucht haben: in Musik und Poesie, in Witz
und Religion.
Und sie finden ihn auch. Denn so ist ja nun der
liebe Gott nicht, dass er nicht jedem Geschöpf auf seiner Welt, auch dem
verlorensten und verachtetsten, irgendwo eine Art Trost reserviert hätte.
Abends, wenn die Frühaufsteher müde und stumpfsinnig werden, wenn sie, satt und
schwer von Erfolgen und Tüchtigkeit, in ihre Betten sinken, um rasch und
abenteuerlos ihren gesunden und langweiligen Schlaf zu schlafen - dann werden
die Langschläfer lebendig, wie die Mäuse nachts im leeren Haus der Herrschaft zu
tanzen beginnen. Jetzt entzünden sich die Lämpchen über den Schreibtischen der
Langschläfer, kleine Berglichter des Geistes, jetzt glimmen die Cafes auf, wo
die Langschläfer ihre Nächte verwachen, die tausend kleinen Zigaretten glimmen
auf, wie Sterne, und die Augen der Langschläfer, jetzt fangen sie an zu
leuchten; jetzt, für ein paar trügerische Nachtstunden, die die Frühaufsteher
zum Schlafen brauchen, nehmen die Langschläfer die Welt in Besitz, und in diesen
Stunden ändert sie aufs merkwürdigste ihr Antlitz.
Man bekommt eine Ahnung davon, was aus der Welt
geworden wäre, wenn damals, in jenem mythischen Krieg, die Langschläfer und
nicht die Frühaufsteher die Oberhand behalten hätten: keine Welt der
Tüchtigkeit, der Geschäfte und der Arbeit, sondern eine Welt der Scherze, der
Diskussionen, der Lieder und des Weins. Jetzt darf sie nur verstohlen für ein
paar Stunden so scheinen, während die Frühaufsteher schnarchen. Ach, wie früh
sie wieder aufstehen! Schon dämmert wieder der Morgen, schon treten sie ihre
Herrschaft wieder an. Die Welt ist wieder in Ordnung. Gedrückt, gering geachtet
und voll schlechten Gewissens über die eigene Existenz beginnt das faule und
lichtscheue Volk der Langschläfer seinen neuen Tag. (Deutsche Allgemeine
Zeitung vom 16.9.1934)
eingestellt am 1. Februar 2009
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