Deutschland ohne Zukunft

 

von Armin Weis

 

Es war diese beinah gebetsmühlenhaft wiederholte Feststellung, mit der Willi Korte seine Analysen des politischen Geschehens gewöhnlich abzuschließen pflegte. Kreuzberg Ende der 80er Jahre, tiefstes Westberlin, an Mauerfall und Wiedervereinigung noch nicht zu denken. Meine erste Wohnung in der Yorkstraße, ein Zimmer, kleine Küche und noch kleineres Bad, Altbau, Hinterhaus, aber saniert und hell, weil das Nachbarhaus kriegsbedingt fehlte. Die Eheleute Korte waren dort als Hausmeister tätig, bewohnten die Erdgeschosswohnung im Vorderhaus, noch mit Kohlefeuerung und hatten im zur Straße gelegenen Zimmer jahrelang einen kleinen Zeitungsladen betrieben, zu meinen Wohnzeiten aber bereits aufgegeben. Nur die Überbleibsel wie Kasse, Werbeschilder und ähnliches ruhten noch in diesem Raum, ein Sammelsurium nutzlos gewordener Utensilien. Kortes waren echte Berliner, von Geburt und Charakter. Vor Jahrzehnten von Charlottenburg nach Kreuzberg gezogen, abweisende Schale nach außen, ewig nörgelnd und sich über alles und jedes aufregend, Kleinbürger durch und durch, aber ein großes Herz und ohne lange zu fragen hilfsbereit, wenn Hilfe nötig war. Sie hielten sich häufig draußen in unserem kleinen Innenhof auf, wo sie sich Bank und Tisch aufgestellt hatten und bei schönem Wetter gerne saßen. Ihre Idylle im Winkel. Täglich fütterten sie die herumstreunenden Katzen aus der Nachbarschaft, unterschiedlichste Deckel und Schälchen mit Futter wurden in die verschiedenen Ecken des Hofes gestellt und auch manch anderes Getier, Igel, Vögel, Ratten, etc. profitierten von diesen Korte`schen Katzenfütterungen. Willi Korte hielt sich deutlich häufiger als seine Frau draußen auf, er war eigentlich immer mit irgendetwas zugange oder krämerte in seinem Keller herum. So begegnete ich ihm oft und wenn er merkte, dass man Zeit hatte –und als Referendar hatte ich viel Zeit- verwickelte er einen gern in ein Gespräch, am liebsten über Politik. Unsere Gespräche verliefen allerdings regelmäßig so, dass er redete und ich zuhörte. Die Fehler der Herren Politiker, die Unfähigkeit der Regierung, es war die Blütezeit der Kohlära, vor allem aber der Abstieg Deutschlands – das waren seine Themen. Seine Redereien gingen mir schnell auf den Wecker, ich schätzte sie als Stammtischreden ein, Ausdruck hauptsächlich der notorischen Unzufriedenheit und des ausgeprägten Hangs der Berliner zum ewigen Meckern. Ich widersprach bisweilen, aber eher verhalten, weil ich meistens keine Lust auf einen weiteren, langen Sermon hatte, denn der erfolgte in diesem Fall unweigerlich als Gegenrede. So ließ ich seinen Redefluss über mich ergehen und peilte auf einen günstigen Moment, an dem ich mich ohne unhöflich zu sein verabschieden konnte.

 

Willi Korte ist jetzt seit über 10 Jahren tot. Er wurde immer schwächer, ging immer seltener, schließlich gar nicht mehr  nach draußen in seinen geliebten Hinterhof, saß statt dessen den lieben langen Tag im Bademantel auf dem Sofa in der Stube, der Fernseher lief permanent und er trank Kaffee, rauchte und redete. Von den Zigaretten und auch vom Politisieren mochte er bis zuletzt nicht lassen.

 

Wenn ich heute die aktuelle deutsche Politik und ihre Protagonisten betrachte, kommen mir selbst häufig zunehmend Zweifel an der Funktionsfähigkeit des Systems. Eine seit Jahren skandalös hohe Arbeitslosigkeit,  ein Bildungssystem, das die ohnehin Schwachen noch weiter benachteiligt, ein für Normalbürger undurchschaubares und in weiten Teilen absurdes Steuersystem, ein nicht reformierbares Gesundheitssystem, eine ständig wachsende Staatsverschuldung, eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft in Gewinner und Verlierer  – ein Berg von Problemen und  allenfalls halbherzige, unzureichende Lösungsversuche. Politiker, die zu durchgreifenden Reformen entweder unfähig sind oder sich diese im Hinblick auf ihre Wiederwahl nicht durchzuführen trauen. Interessenverbände, die ihre Privilegien rigoros und schamlos verteidigen. Und immer öfter fällt mir dann die Sentenz des alten Korte ein, das Resümee seiner politischen Betrachtungen: Deutschland ohne Zukunft.

 


   eingestellt am 21. Juli 2007