Brückenspringer

 

von Matthias Hassenpflug

Gut, alles hatte seine Ordnung, als ich noch auf dem Berg arbeitete. Mittags drehte die Sonne in mein Büro dort und blendete mich in meiner Einsamkeit. Auf meinem Schreibtisch schichteten sich Papiere, Notizen, Verträge, Entwürfe und Prospekte. Es kostete mich Mühe, darauf wenigstens so viel Platz frei zu halten, dass ich meine Arme zum Schlafen abstützen konnte. Wenn die Sonne langsam hinter den alten Eichen verschwand, war es Zeit, nach Hause zu fahren. Doch vorher schaute ich noch bei Herrn Valentin vorbei.

Herr Valentin hatte neben seinem Bildschirm dreiunddreißig hiesige Äpfel zu einer geometrischen Pyramide aufgetürmt. Sein Rücken war so gebeugt, dass sein Gesicht trotz seiner Größe, die von seiner Dürre noch unterstrichen wurde, auf die Zahlenkolonnen auf dem Computer starren konnte wie in einen Spiegel. „Herr Valentin“, sagte ich, „eventuell wäre es jetzt Zeit zu gehen.“ Herrn Valentins Kopf drehte sich langsam zu mir, er lächelte breit, denn er wußte es natürlich. Uns blieb nur dieser Sommer.

Herr Valentin nahm also sein altes grünes Fahrrad, mit dem er erst neulich völlig betrunken in eine Baugrube gestürzt war, Mann und Fahrrad hatten das unbeschadet überstanden, und wir rasten den Berg hinab, schneller als jedes Auto. Herrn Valentins Sakko, das sich nicht unbedingt in einem guten Zustand befand, flatterte im Wind. Sein dünnes, hellblaues Hemd drückte sich an seinen knochigen Brustkorb. „Huiii“, schrie Herr Valentin. Wohl, weil er sich freute.

Herr Valentin war eigentlich Doktor der Astronomie. Ich hingegen hatte eigentlich mit der Wissenschaft gar nichts im Sinn. Der Direktor sah das als Vorteil an und gab mir die Stelle, in der ich so gut die Sonne wandern sehen konnte. Ganz selten nur klingelte das Telefon. War es nicht Herr Valentin, der mir sein neuestes Gedicht vorlas, war es ein Leichtes, die Anrufer abzuwimmeln.

Herr Valentin und ich, wir hatten Großes vor. Ruhm würde uns gewiss sein. Wenn nicht als Fernsehproduzent, dann als Schriftsteller. Wir mußten uns dringend etwas überlegen in diesem Sommer. Ewig waren diese griesgrämigen und mißmutigen Kollegen nicht auszuhalten. Seitdem wir hinter dem Bürohaus auch noch ein Gemüse- und Blumenbeet pflegten, waren unsere Positionen im Institut nicht gerade sicherer geworden.

Am besten träumte es sich im Melodie, so zwischen 2 und 3 Uhr morgens. Dann war in die Ebert-Straße mit ihren Dönerbuden Ruhe eingekehrt, die großen Schwadroneure waren unter den Tisch gekippt oder aus Geldmangel abgezogen, und man selbst war zu betrunken, um lange Ausflüchte zu formulieren. Herrn Valentins Grinsen wurde bei jedem Bier länger. Herrn Valentins größte Stärke war gerade in solchen Momenten seine immens positive Ausstrahlung auf Frauen. Er war charmant, und ein Astronom hatte immer eine Chance, weil er die Ordnung der Welt recht bildlich darzustellen weiß. Während also Herr Valentin einer Frau erklärte, wie Sterne aus dem ganzen Staub im All zusammen gebacken wurden, versuchte ich die Tresenkraft für mich zu begeistern, freilich mit den mir gegebenen, für diesen Zweck völlig untauglichen Mitteln. Ich bestellte Bier für Bier.

In einem Moment stellte ich mir vor, wie wir uns näher kommen würden. Vermutlich würde sie neben mir Platz nehmen und, was weiß ich, mich nach meiner Tätigkeit fragen. Ich würde ihr sagen, ich sitze in einem unaufgeräumten Büro und warte schläfrig darauf, dass es an der Tür klopft. Irgendwann, so würde ich erzählen, klopft es und dann ist meine Zeit um. Ich werde meine Sachen packen und wie jeden Tag in den vergangenen drei Jahren mit dem Rad den Berg hinunter rasen, was aus nicht erklärbaren Gründen den Höhepunkt so manchen Tages ausgemacht hatte. Das, würde ich zugeben, würde ich vermissen.

Was würde das ändern, fragte ich mich. Die Tresenkraft, so anziehend sie war, würde doch einfach nur weiter arbeiten. Wie sie hießen: Gundi, Anne, Simone, Micha. Herr Valentin und ich, wir waren in sie alle verliebt, denke ich. Und sie niemals in uns. Irgendwie hatte das etwas sehr Beruhigendes.

„So“, würde Herr Valentin eine Weile später sagen, „jetzt gehen wir springen.“ Und die jeweilige Frau, Gundi, Anne, Simone, Micha, würde ein wenig Angst bekommen. Sie guckten dann immer so, zwischen Bewunderung und Angst. Angst vor dem, was kommt, aber auch davor, dass Herr Valentin sich etwas antun könnte. Herr Valentin hatte ja regelmäßig bis zu diesem wichtigen Moment einiges an billigem Bier und Wein getrunken und sein Lächeln in diesem Zustand war tief, oh ja. Ich wusste, dass Herr Valentin näher an etwas Bestimmtem war als sonst jemand, in diesem Sommer. Mir war aber auch klar, dass er, sollte er es herausfinden, es für sich behalten würde.

Keine Viertelstunde später waren wir wie der Wind durch die völlig leeren Straßen zur Glienicker Brücke gefahren. Herr Valentin hatte sich bis auf die viel zu weite, völlig indiskutable Unterhose seiner Kleidung entledigt und stand schwankend auf dem Geländer mitten auf der Brücke, etwa da, wo die Spione ausgetauscht worden waren. Gundi, Anne, Simone oder Micha staunten nicht schlecht. Etwas langsamer hatte ich mich auch ausgezogen. Ich fror sofort. Das Wasser, das da unten in zehn Meter Tiefe auf uns wartete, sollte uns aufnehmen. Wir wollten Sex, und wenn das der Preis war, und wäre er auch noch so hoch, dafür würden wir ihn gerne bezahlen.

Wenn Romantik töten könnte, dachte ich, als ich auf dem Geländer stand, dann wäre Herr Valentin in diesem Moment so gut wie geliefert. Er sprang zuerst. „Huiii“, rief Herr Valentin, kurz bevor er eintauchte. Dann kam ich nur einige Augenblicke später. Wir sprangen ins Dunkel, ins Vergessen, in die neue Welt. Es war der Sex, den wir uns wünschten. Und Gundi, Anne, Simone oder Micha standen frierend oben, während sie uns zusehen konnten, wie wir nach dem kurzen Moment der Besinnungslosigkeit und Kälte mit raschen Stößen an die Oberfläche schwammen, und Herr Valentin und ich wussten, in diesem Moment wären sie gerne ganz nah bei uns gewesen.

Einige Tage später klopfte es tatsächlich an meiner Bürotür. Das erschreckte mich so sehr, dass ich durch eine Unachtsamkeit einen Stapel Papiere vom Tisch stieß. Ein Direktor trat ein, verstohlen rieb ich mir den Schlaf aus den Augen, als er sich einen Stuhl heran zog. „Sie sind jetzt drei Jahre im Institut,“ begann er, „was haben Sie in dieser Zeit eigentlich gemacht?“ Das war die Situation, die ich schon immer erwartet hatte. „Nun“, erwiderte ich, „ich habe letzten Monat diesen längeren Bericht geschrieben, schätze ich.“ Der Direktor blickte aus dem Fenster, sah in die Sonne, mußte die Augen schließen und genau in diesem Moment wusste er um alles. „Ah so, ja, ja.“

Sofort, als er gegangen war, rief ich Herrn Valentin an. „Herr Valentin, eventuell wäre es jetzt Zeit zu gehen.“ Herr Valentin wusste, wie ernst es um unsere Sache stand. Als ich ihn abholte, waren die meisten der Äpfel verschwunden, nur drei mit braunen Stellen lagen noch auf seinem Tisch.

„Huiii“, machte Herr Valentin wieder bei der Fahrt ins Melodie. Es klang, als wenn sich der Staub im All zusammenballte. Wir tranken sehr konzentriert und redeten lauter über Gundi, Anne, Simone, Micha und die Tresenkraft als sonst. Herr Valentin sprach mehr als gewöhnlich. Er sagte, im Grunde genommen wären wir alle doch nur Kröten. Ich wusste das. Dann wollte Herr Valentin springen fahren, dieses Mal zur Humboldt-Brücke. Die hatten wir bisher immer gemieden. Sie war die Höchste.

Die Unterhose von Herrn Valentin trug ein blau-weißes Karomuster. „Huiii“ hörte ich. Dann sprang ich. Unter Wasser meinte ich, die Sonne würde mich blenden. Ich schwamm hoch, und versuchte, mich in der düsteren Fahrrinne zu orientieren. Am Ufer meinte ich, einen weißen Fleck sich in der Dunkelheit abzeichnen zu sehen, der schnell hinter dem Gras und den Bäumen verschwand. Ich habe Herrn Valentin nie wieder gesehen.

 


   eingestellt am 29. August 2007