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Über das Buch: ‚Das geteilte Zimmer’. (Von Peter Manndsorff,
Lektorat: Sigrun Casper)
Henriette wohnt bei ihrem Großvater. Sie hat ihn sehr lieb, nicht nur, weil er
so spannende und aufregende Geschichten schreibt. Trotzdem wünscht sie sich
Eltern, denn sie hatte nie welche. Mit ihrem Freund Peter begibt sie sich auf
eine Fantasiereise, die sie in das Städtchen Dum führt. Dort darf sich Henriette
auf einem Jahrmarkt in einem Spiegelkabinett aus Spiegelsplittern ihre
Traumeltern zusammenstellen. Die Wahl jedoch glückt ihr nicht so recht, sie hat
da offenbar etwas falsch gemacht, denn irgendwie passen die Eltern nicht
zusammen.
Sie
streiten sich viel.
Das
färbt auf die Kinder ab. Immer wieder kriegen auch sie sich in die Haare, wenn
es darum geht, Computerspiele zu spielen oder Bücher zu lesen. Alles gipfelt
darin, dass die Mutter den Vater nötigt, ein Regal als Raumteiler quer durch das
Kinderzimmer zu bauen, damit die Kinder voreinander ihre Ruhe haben. Aber
eigentlich verfolgt sie ganz andere Ziele.
Peter und Henriette sind jetzt getrennt.
Die Wand
im Kinderzimmer ist nur der Anfang. Bald teilt ein großer Zaun die Stadt. Als
Peter und Henriette merken, dass alles kein Spiel mehr ist, kommen sie zur
Besinnung.
Doch ist jetzt alles zu spät?
(Wir
veröffentlichen hier die ersten 18 Kapitel. Wer weiter lesen möchte, kann das
Buch direkt beim Autor unter
mannsdorff@gmx.de
bestellen.)
1
Das Geheimnis um die
Kathedrale
Henriette liegt auf
dem Landungssteg und träumt von etwas, das sie sich schon lange wünscht. Wenn
sie zaubern könnte, wäre ihr Traum längst in Erfüllung gegangen. Leise klatschen
die Wellen gegen das Holz, eine Entenfamilie schwimmt schnatternd vorbei, dicht
am Waldrand fliegen Schwalben. Henriettes Großvater sitzt in der Hütte an seinem
großen Arbeitstisch und schreibt. Bevor sie zu ihm an den See zog, hat er schon
einmal eine außerordentlich packende Geschichte über seine Enkeltochter
geschrieben. Beim Lesen war ihr, als blickte sie in einen Spiegel. Die
Sommersprossen, die Grübchen, ihre roten Locken, alles kam darin vor.
Sie horcht auf. Oben
auf dem Weg hat sie Geräusche gehört. Sie ist heute mit Peter verabredet. Peter
ist ihr bester Freund. Wenn Henriette nicht sitzen bleibt, wird sie nächstes
Jahr mit ihm zusammen aufs Gymnasium gehen. Peter kommt oft raus an den See,
dann angelt er mit ihr oder spielt mit Großvater Schach.
Schon pest er mit
seinem Rad den Hang zum Ufer herunter, dass es nur so scheppert, und macht eine
Vollbremsung auf dem Steg. "Hallo!“, sagt er lässig, als sei es die normalste
Sache der Welt, mit dem Fahrrad auf einem schmalen Holzsteg eine Vollbremsung zu
machen, ohne ins Wasser zu fallen.
Sie haben sich heute
eine Radtour zur Kathedrale vorgenommen. Die Kathedrale ist Peters und
Henriettes Geheimnis. Weit entfernt von der Hütte, an einer schmalen Landzunge
hinter den großen Sümpfen, wo selten ein Mensch hingelangt, da steht sie.
Ehe die beiden auf
ihren Rädern im Birkenwäldchen verschwunden sind, hören sie Henriettes Großvater
rufen. Er steht auf der Veranda und winkt ihnen hinterher. "Hey! Wohin fahrt
ihr?"
„Nur so durch die
Gegend, Herr Himmelheber."
"Kommt aber nicht so
spät. Heute Abend gibt es Spaghetti mit Tomatensoße."
Sie holpern den
schmalen Pfad am Seeufer entlang. Moos haftet an den Felsen neben dem Weg. Rote
und blaue Beeren leuchten durch die Sträucher. Drüben auf der Insel Riotannen
ragt die Kathedrale aus einer steilen Felswand heraus. Drei spitze Felsen auf
dem Gipfel.
Peter und Henriette
lehnen ihre Fahrräder aneinander und setzen sich in den Sand. Von hier aus
können sie die drei Felsen gut sehen. Sie spiegeln sich im klaren Wasser. Auf
dem Gipfel des mittleren hat jemand eine blau-grüne Fahne gehisst, die zwischen
den Wellen zerfließt, blau wie das Wasser und der Himmel, grün wie die Bäume.
Ein alter Fischer hat ihnen einmal gesagt, Riotannen sei eine verwunschene
Insel. Es gehe dort nicht mit rechten Dingen zu. Manchmal könne man eine Stimme
aus dem Inneren der Insel hören. Sie waren noch nie auf der anderen Seite.
Henriette zieht die
Decke und den Picknickkorb aus dem Gepäckträger, legt die Decke auf die Wiese
und verteilt Honigkuchen und Obstsalat. Aus der Thermosflasche schenkt sie
Zitronentee ein.Die Spätfrühlingssonne wärmt ihnen den Rücken. Peter zieht sein
schwarzes Hemd aus. Henriette würde am liebsten auch ihr rotes Kleid und ihre
gelbe Bluse ausziehen. Aber sie traut sich nicht in Unterhosen ins Wasser.
"Weißt du, wovon ich
manchmal träume?“, fragt sie aus heiterem Himmel.
„Na?“
„Du weißt doch, dass
ich im Heim aufgewachsen bin. Meine Eltern wollten mich nicht. Papa hat sich
jedes Wochenende betrunken, bis Mama ihn rausschmiss. Als sie dann mit einem
anderen Mann nach Amerika ging, hat sie mich ins Heim gesteckt.“
„Dumm gelaufen“,
sagt Peter. „Aber jetzt bist du ja bei deinem Opa.“
„Ich wünsch mir so
sehr einen Vater und eine Mutter.“ Sie zögert und schielt zu Peter. „Einen
Bruder hätte ich auch gern.“
Peter zeigt ihr
einen Vogel. „Was guckst du mich so an? Ich kann gar nicht dein Bruder sein, ich
habe meine eigenen Eltern. Kapier das doch endlich.“
Henriette zeigt mit
ihrem Kugelschreiber auf Peter und guckt ihn an, als wolle sie ihn belehren.
“Hör zu. Wir denken uns jetzt gemeinsame Eltern aus. Du tust so, als wärst du
mein Bruder. Mal sehen, was dabei rauskommt. Meine Mutter soll mit mir ganz viel
Spaß machen. Und in Secondhandshops mitkommen, und so.“
„Hör auf mit deinem
Babyspiel“, sagt Peter. Er stopft sich ein Honigbrot in den Mund. „Ich bin mit
meinen Eltern zufrieden, ich brauche keine anderen.“
„Spielverderber.“
Peter steht auf und
zieht eine genervte Grimasse. „Ich interessiere mich nun mal mehr für
Computerspiele als für solchen Kinderkram.“ Er schaut sich am Ufer um, entdeckt
etwas Dunkles im Schilf: "Da! Ein Boot. Nichts wie hin!"
"Wir können doch
nicht einfach das Ruderboot stehlen!"
"Wir stehlen es ja
nicht. Wir leihen es uns aus." Peter zieht Henriette am Arm. Sie ziert sich erst
ein bisschen, aber dann geht sie doch mit. Sie waten bis zum Schilf. Das Boot
scheint keinem zu gehören. Mit einer verrosteten Konservendose schöpfen sie das
Wasser aus, binden den Kahn los und probieren, ob er sie trägt.
"Lass uns zur Insel
rudern", schlägt Peter vor.
"Und wenn wir die
Stimme aus dem Berg hören?"
"Brauchst keine
Angst zu haben. Das ist Unfug, was der Fischer erzählt. Da ist niemand. Lass uns
rüber rudern. Bist du denn gar nicht neugierig?"
Henriette senkt den
Kopf. „Wenn du meinst.“
Peter rudert. Der
Himmel verfärbt sich dunkel. Leises Donnergrollen ist zu hören.
„Peter, es wird
Gewitter geben."
"Ach was!" Er rudert
weiter.
Nach einer Weile
knirscht Kies unter dem Kiel. Sie sind auf Riotannen gelandet.
2
Die Geisterbahn
Peter ist noch
dabei, das Boot mit dem nassen, faserigen Tau an einem Baum festzumachen, da ist
Henriette schon ans Ufer gesprungen und am Felsplateau hochgeklettert. Sofort
hat sie etwas entdeckt. "Peeeter! Hier ist eine Höhle!"
Sie kann es gar
nicht abwarten, bis ihr Freund da ist. Er beeilt sich. Kaum ist er bei ihr auf
dem Felsen angelangt, hören sie es rascheln. Ein dicker Mann in schwarzem Frack
und Zylinder taucht hinter einer Felsnische auf. Er verbeugt sich tief und
spricht feierlich: „Hereinspaziert in den Illusionspalast! Träumt eure Träume.
Sie können hier in Erfüllung gehen. Manchmal träumt man sie in der Badewanne und
tut nichts für sie. Dann gehen sie auch nicht in Erfüllung. So ist das nun
einmal. Das Leben macht keine Geschenke! Manchmal tut man etwas für seine
Träume, dann können sie wahr werden. Also, hereinspaziert!“
Der Mann löst sich
in Luft auf. Peter und Henriette kneifen sich gegenseitig in den Arm. Es war
keine Einbildung. Beide haben den Mann gesehen und seine Stimme gehört.
Peter zieht seine
Taschenlampe aus der Hosentasche. „Los, rein!“ Er bückt sich, um durch die
Felsspalte zu kriechen.
Henriette zögert:
„Ich weiß nicht.“
In diesem Augenblick
erhellt ein Blitz die Felswände, fast gleichzeitig kracht ein Donner los, es
fängt an zu regnen.
"Lass uns
zurückfahren."
"Spinnst du! Bei
Gewitter auf dem Wasser."
Henriette hat keine
Wahl. Sie muss Peter in die Grotte folgen, dort ist es wenigstens trocken. Im
Schein der Taschenlampe tasten sie sich vor. Ein leises Summen ist zu hören. Der
Fischer hat Recht gehabt. Da ist eine Stimme. Henriette hält Peter am Arm fest.
"Es passiert nichts", flüstert er. "Wenn's gefährlich wird, kehren wir um."
Die Taschenlampe
beleuchtet schwach die kantigen Wände der Grotte. Tief im Berg singt jemand.
Gleichmäßig tropft Wasser vom Fels. Ploc, ploc, ploc. Sie zwängen sich auf dem
Boden durch schmale Ritzen im Gestein. Lauter wird der Gesang. Durch einen Spalt
flackert ein Feuerschein. Dort also! Vor brennenden Holzscheiten sitzt ein Mann
mit einem langen weißen Bart. „Guck in deinen Spiegel“, singt er mit zitternder
Stimme, „erkenne dich selbst. Dann wird er wahr, dein Traum, wie ein Spiegel
klar.“
Sie schleichen sich
auf Zehenspitzen vorbei. Der Gesang folgt ihnen. Sie wagen sich immer weiter in
die Grotte hinein, bis das Singen verstummt. Auf einmal Ende, Sackgasse. Peter
leuchtet die Wand ab. Sie stehen vor einer verschlossenen Pforte. Am blau-grün
getäfelten Holz ist ein Zettel angepinnt: „Hier beginnen eure T-Räume. Ein T wie
ein Zaun, dann die Räume.“
Peter guckt seine
Freundin fragend an, schließlich klopft er an das morsche Holz. Er klopft noch
einmal. Zweimal lang, viermal kurz. Die Pforte öffnet sich. Peter und Henriette
schauen auf eine Leinwand, auf der ein Film abgespult wird. Aber nicht auf DVD,
auch nicht von einem Video-Player, sondern von einem Super 8-Vorführer, wie ihn
Henriettes Großvater noch aus alten Zeiten besitzt. Er projiziert zwei alte
Männer, die jeweils hinter einem Pult stehen. Einer trägt eine Brille mit
ostereirunden Gläsern und hat einen Spitzbart, der andere ist groß und hat ein
kantiges Gesicht. Beide tragen unmoderne Anzüge. „Hereinspaziert.“
Der mit dem
Spitzbart hüstelt: „Habt ihr wenigstens einen gemeinsamen Traum?“
„Ja“, antwortet
Henriette dem Mann auf der Leinwand.
Peter stottert: „Du
... Henriette ... sei nicht böse, aber ich glaube, ich träume einen anderen
Traum als du.“
„Was denn für
einen?“, fragt der Spitzbart.
„Ich will mal
Brücken bauen.“
„Und du, Mädchen?“
„Ich will Sterne vom
Himmel pflücken, wenn ich Eltern gefunden habe“, sagt Henriette.
„Sterne vom Himmel
pflücken? So etwas gibt es nicht. Ihr werdet wohl in einem geteilten T-Raum
wohnen müssen“, sagt der mit dem kantigen Gesicht. „Trotzdem herzlich Willkommen
in unserem Städtchen Dum.“ Auch der Spitzbart tritt hinter seinem Pult hervor
und schwenkt einladend einen Arm. „Herzlich willkommen bei uns!“ Henriette und
Peter schieben sich durch einen schmalen Eingang und stehen in einem Tunnel. An
den Wänden hängen Lampions. Aufgeschreckt von einem hellen Lichtschein schauen
sie nach rechts. Zwei Scheinwerfer werden größer, eine Bahn rollt quietschend
heran und hält direkt vor ihnen. „Steigt ein!“, ruft der Lange mit dem kantigen
Gesicht.
„Wohin geht es?“,
fragt Henriette.
„In eure Träume“,
sagt der Spitzbart. „Wollt ihr eines Tages reich sein? Dann steigt in den
goldenen Waggon.“
„Ich will Eltern“,
sagt Henriette.
„Steig in den
blauen.“
„Und du, Junge?“
„Ich habe Eltern.
Mein Vater ist Pilot, und meine Mutter schreibt dem Bürgermeister die Reden.“
„Und du träumst von
großen Brücken, ja?“
Peter bekommt
leuchtende Augen.
„Und von Computern?“
Peter nickt.
„Gut“, sagt der
Alte. „Ab in den grünen Waggon.“
Sie setzen sich.
Henriette in den blauen Waggon, Peter in den grünen. Hinter sich hören sie den
Spitzbart mit dem Langen streiten: „Konrad, es ist deine Schuld, wenn sie sich
nicht vertragen werden“, und Konrad antwortet: „Du warst es doch, der das
Mädchen in den blauen gesetzt hat, Walter.“ Die Männer verschwinden, die
Leinwand verblasst.
Sie rollen an Äxte
schwingenden Gespenstern, schummrig beleuchteten Skeletten, furchteinflößenden
Totenschädeln und knarrenden Sargdeckeln vorbei. Peter betrachtet diese
Geisterbahn als Jux. Er grault sich kein bisschen, beugt sich aus dem Wagen und
zieht einem Gespenst am Gewand. Henriette im blauen Waggon fühlt sich allein.
Die Bahn verlässt den Tunnel und fährt in grellen Sonnenschein hinein. Auf einem
Fahnenmast weht eine Flagge. Wieder in den Farben blau-grün. Ruckend bleibt die
Bahn stehen. Peter und Henriette steigen aus. In den Waggons vor und hinter
ihnen, das können sie jetzt sehen, saßen lauter Kinder, die nun kreischend zu
ihren Eltern rennen, denen in die Arme springen und sich von ihnen
herumschwenken lassen.
Und wo sind
Henriettes Eltern? Wo warten sie? Wo bleiben die Rufe: „Henriette! Peter! Hier
sind wir!!!“ Wenigstens kommt ein alter, weißbärtiger Mann auf sie zugelaufen,
bleibt vor ihnen stehen und fragt: „Wollt ihr euch eure Eltern selbst
zusammenbasteln?“ Er sieht Henriette eifrig nicken. „Dann flutsch hinein in
meine Geschichte.“
Henriette schaut
Peter mit erwartungsvollen Augen an. Der schielt zur Schießbude, die mit
leuchtend grüner Ölfarbe bestrichen ist.
„Lass dir dieses
Angebot nicht entgehen“, sagt der Alte zu Peter. „Du kannst dir Vater und Mutter
zusammensuchen, wie es dir beliebt. Na, ist das nichts?“
Peter schüttelt den
Kopf. „Ich gehe lieber schießen. Ich habe meine eigenen Eltern. Henriette, es
ist dein Traum. Geh du. Ich mach nur dir zu Liebe mit, aber bitte ... sei nicht
böse ... suche dir unsere Eltern allein aus.“
„Auf deine
Verantwortung“, entgegnet sie. „Wenn dir meine Eltern nicht gefallen, ist das
deine Schuld.“ Mit festen Schritten geht sie neben dem alten Mann. Vor einem
bunten Gebäude dreht sie sich noch einmal zu Peter um. „Was ist nun? Kommst du
mit?“
Er guckt trotzig
zurück. „Nö!“
Henriette wendet
sich wieder dem alten Mann zu. „Was ist denn da drinnen?“
„Dort kannst du
deine Eltern finden. Wenn es in der Traumwelt gute werden, dann in der
Wirklichkeit später erst recht.“
„Bekomme ich denn
später richtige Eltern?“
„Stell keine Fragen,
lass dich überraschen. So, jetzt suche dir deine Mutter und deinen Vater aus!“
„Das schaffe ich mit
links!“
Henriette betritt
ein großes Spiegelkabinett. Die Tür schließt sich hinter ihr. Henriette dreht
sich um. Der weißbärtige Mann ist verschwunden.
3
Das Spiegelkabinett
Henriette betritt
einen dunklen Gang. Immer wieder stößt sie mit den Ellenbogen an die
Seitenwände. Sie sind aus Samt. Henriette sieht nichts, aber sie könnte wetten,
dass der Samt dunkelrot ist.
Der Gang verbreitert
sich zu einem Saal. Von der Decke hängen unzählige Kronleuchter mit grell
blinkenden Glühbirnen. An den Wänden hängen Spiegel, runde, kantige, gewölbte.
Henriettes Gesicht sieht mal verzerrt, mal verbogen aus. Ihre Grimassen tauchen
in anderen Spiegeln hinter ihrem Rücken auf. Ihr Kopf wird in die Länge gezogen,
ihre Haare sind wie eine Schraube verdreht; ein anderer Spiegel zeigt ihre
Wangen aufgeblasen, als lutsche sie zwei Pingpongbälle. Henriette hält ihren
Daumen an die Nase, flattert mit den Fingern und sieht wie ein Vogel aus, der
gleich losfliegen wird. Sie zieht mit dem Daumen ihre Unterlippe hoch, während
sie mit dem Zeigefinger die unteren Augenlider nach unten zerrt.
Auf einmal hört sie
eine tiefe Stimme: „Bist du bereit?“
Henriette zuckt
zusammen. „Wozu bereit?“
„Hast du dich
erkannt?“
„Wie soll ich mich
denn erkennen?“
„Du musst dein
Gesicht so lange betrachten, bis du zufrieden mit deinem Spiegelbild bist!“
„Ach so“, kichert
Henriette. „Sagen Sie das doch gleich. Diese Fratzen sind lustig, aber ehrlich
gesagt, mag ich mich so nicht. Deswegen bin ich auch nicht hier. Ich will Eltern
finden ...“
„... dazu musst du
dich zuerst erkennen. Du musst dich mögen.“
Henriette würde am
liebsten laut lachen. Wo gibt es denn so was? Zuerst müssen doch die Eltern ihr
Kind mögen. Als habe sie Henriettes Gedanken gelesen, antwortet die Stimme: „Das
sind nun einmal die Spielregeln bei uns! Die Kinder sollen wissen, was sie
wollen, sie sollen sich mögen, dann können sie auch ihre Eltern lieb haben.
Schließlich suchen sich hier nicht die Eltern ihre Kinder aus, sondern
umgekehrt. Suche also deinen Spiegel, der dich so spiegelt, wie du dich sehen
willst.“
Lange sucht
Henriette im Labyrinth der Spiegel. In einem sieht sie ihre Pickel groß wie
Streusel auf einem Kuchen. In einem anderen hat sie aufgedunsene Pausbacken. In
keinem gefällt sie sich. „Da ist wohl nichts Passendes für mich dabei.“
Die Stimme ermutigt
sie: „Und dort hinten? Der in Gold gefasste Spiegel? Vielleicht ist er etwas für
dich?“
Der Spiegel mit dem
goldenem Rahmen hängt neben der Ausgangstür. Darin sieht Henriette ihre vielen
Sommersprossen. Die Kinder im Heim haben sie damit immer aufgezogen. Mit Locken
würde sie sich gern annehmen, doch die Locken erinnern sie auch an die
Heimkinder. Wegen ihrer roten Haare hänselten sie Henriette als ‚Kräuterhexe’.
Das alles ginge zur Not noch, aber Henriette findet sich zu dick. Wer auch immer
sie vom Gegenteil überzeugen will, Henriette wird es niemals glauben. Sie hat
keine Lust mehr auf dieses Spiel. Dann kriegt sie eben keine Eltern ab. Ihr doch
egal! „Wo geht’s hier raus? Ich will nach Hause.“
„Was hast du?“,
fragt die Stimme. „Willst du schon aufgeben?“
„Ich finde mich
nicht schön. Die anderen sind schlank, und ich bin pummelig.“
„Doch, du bist
schön!“
Henriette stemmt die
Arme in die Hüften. „Wo sind Sie eigentlich? Ich kann Sie gar nicht sehen. Sie
wollen mir einreden, ich soll mich schön finden. Wer sagt mir denn, ob Sie
überhaupt schön sind? Zeigen Sie sich endlich!“
Aus einem
Zerrspiegel springt eine Gestalt, umhüllt von einem blauen Umhang, auf dem viele
Sterne blinken. Es ist derselbe Mann, der vorhin in der Grotte am Lagerfeuer
gesungen hat und der sie eben in das Spiegelkabinett geführt hat. Dieser weiße,
bauschige Bart! Diese knollige Nase und klobige Brille. Wie ein Märchenerzähler
aus vergangenen Zeiten. Ein bisschen auch wie ihr Großvater. „Gut, gut, ich bin
ein alter Zausel“, grummelt der Alte. „Trotzdem nehme ich mich an, so wie ich
bin! Finde du auch heraus, was an dir schön ist!“
„Nichts! Ich finde mich potthässlich.“
„Kannst du nicht
irgendetwas besonders gut?“
„Ich weiß nicht“,
sagt Henriette. „Vielleicht teile ich gerne.“
„Und weiter?“
„Ich will mal
Sternenpflückerin werden. Ich will jedem Kind einen Stern vom Himmel pflücken,
der Glück bringen soll. Und ich habe eine blühende Fantasie. Sagen meine Lehrer
jedenfalls.“
„Na, das ist doch
was. Damit hast du doch bereits einige Reichtümer, mit denen du etwas anfangen
kannst. Die geben dir ein Selbstwertgefühl.“
„Wie bitte?“
„Das Gefühl, dir
selbst etwas wert zu sein.“ Der Alte verbeugt sich. „Professor Wabenweber,
Geschichtenerzähler und Spezialist für das Lesen von Träumen“, stellt er sich
vor. Beim Aussprechen seines Namens zwinkert er Henriette an. „Ich gucke den
Menschen nur in die Augen, und schon weiß ich, was sie sich wünschen.“
„Und Sie weben ihre
Träume zu einem bunten Tuch, wenn Sie die Wünsche in den Augen gelesen haben,
stimmt’s?“
„Nein, das müssen
sie selbst tun. Ich helfe ihnen nur dabei.“
Henriette will noch
mehr fragen, doch der Professor legt seinen Zeigefinger vor seine Lippen: „Psst,
ich bin noch nicht fertig. Weißt du, dass du eine Ausnahme bist? Ich brauchte
deinen Traum nicht zu lesen, du wusstest bereits, was du dir wünschst. Nun bist
du in meinem Traumpalast aufgewacht. Herzlich Willkommen! Mach etwas aus deinem
Traum!“
Professor Wabenweber
lächelt.
4
Auf der Suche nach neuen Eltern
Henriette drängelt.
„So, können wir uns jetzt an das Elternsuchen heranmachen? Ich habe es eilig.
Peter wartet.“
Der Professor lacht:
„Du bist ja eine von der schnellen Sorte. Hast du auch alles bedacht?“
Henriette nickt.
„Gut.“ Sie gehen in
einen zweiten Saal. Der Professor wirbelt seinen Umhang, es raschelt in der
Luft, ein roter Vorhang entrollt sich. „Melodie zweier Spiegel“, steht darauf in
goldenen Buchstaben.
„Was soll das
bedeuten, ‚Melodie zweier Spiegel’?“
„Was das bedeuten
soll?“ Der Professor zeigt auf die Vielzahl der Spiegel. „Wenn du jetzt in die
einzelnen Spiegel schaust, wirst du die Gesichter verschiedener Männer und
Frauen sehen. Eine besondere Erfindung von mir. Nicht du spiegelst dich, sondern
deine Träume zeigen sich in den Spiegeln. In zweien wirst du deine zukünftigen
Eltern sehen. Suche dir einen Vater und eine Mutter aus, die dir gefallen und
lege sie in das Kaleidoskop. Wenn sie ein und dieselbe Melodie summen, hast du
die perfekten Eltern gefunden. Ich lasse dich jetzt allein. Lass dir Zeit, es
geht schließlich um deine neuen Eltern. Wenn du fertig bist, ruf mich.“
Professor Wabenweber
hat so schnell gesprochen, Henriette hat gar nicht alles mitbekommen. Gerne
würde sie noch einmal nachfragen, aber er ist verschwunden. Sie guckt in alle
Spiegel. Sie lehnen neben- und übereinander an der Wand. In jedem lächelt ein
Mann oder eine Frau sie an. Die meisten lächeln so verführerisch, als wollen sie
sagen: „Nimm mich! Ich bin der beste Vater“ oder „Ich bin eine Mutter zum
Liebhaben.“
Zuerst will sich
Henriette nach einem geeigneten Vater umzuschauen. Ein Glatzkopf zwinkert ihr
schon zu. Glatzen mag sie nicht, aber diese Augen mag sie. Der wird sie sicher
sehr lieb haben. Sie bricht einen Splitter von dem Spiegel ab und legt ihn in
das Kaleidoskop. Dann ist da einer mit grauen Haaren, der gefällt ihr eigentlich
auch nicht besonders, aber der Brezelschnurrbart ist super. Von dem Mann mit
kohlschwarzen Haaren, der wie ein spanischer Stierkämpfer aussieht, nimmt sie
den größten Splitter.
Sie ist sich nicht
sicher, ob sie alles richtig macht. Vielleicht ist es verboten, von jedem
Spiegel nur einen Teil abzubrechen? Egal, ihr macht das Spiel Spaß. Die
Spiegelsplitter, die ihr gefallen, liegen nun im Kaleidoskopkasten. Jetzt muss
sie noch die Eigenschaften ihres Vaters zusammentragen.
An einem Spiegel
lehnt ein Schild: „Kinder gehören verdroschen, wenn sie nicht parieren!“ So
einen Vater will sie nicht. Auch von dem anderen hält sie nicht viel. „Solange
meine Kinder ihre Füße unter meinen Tisch stellen“, steht auf seinem Schild
geschrieben, „essen sie, was auf den Teller kommt!“ Bloß nicht! Was, wenn jetzt
Sülze mit Bratkartoffeln auf den Teller kommt? Alles, aber nicht Sülze!
Einen anderen findet
Henriette nicht übel. „Ich wünsche mir so gern Kinder. Ich würde auch in den
Ferien schon am Morgen mit ihnen Federball spielen.“ Das wäre was. Er hat zwar
grün gefärbte Haare – trotzdem bricht sie ein Teil ab und legt es zu den anderen
Spiegelsplittern in den Holzkasten. Ein Vater verspricht Henriette, dass er sie
zur Schule hinten auf dem Fahrrad mitnehmen werde. Gebongt, auch von dem nimmt
sie etwas. So geht das stundenlang.
Jetzt fehlt nur noch
die Mutter.
Henriette sucht eine
zum Schmusen und eine, der sie alles sagen kann. Zum Beispiel, dass sie neulich
mit einer Schulfreundin heimlich eine Zigarette hinter dem Gebüsch geraucht hat
und dabei einen Hustenanfall bekam. Die Mutter, die sich Henriette wünscht,
würde nicht schimpfen, und beim Vater petzen schon gar nicht.
Mal entscheidet sie
sich für eine poppige Haarfrisur, ein anderes Mal für einen roten Minirock. Weil
Henriette sich selbst ein wenig pummelig findet, darf ihre Mutter auch etwas
mollig sein. Sie greift daneben – jetzt hat sie eine Dickmadame.
Beim Auswählen der
Mutter geht Henriette längst nicht so sorgfältig um wie beim Vater, denn sie
will auf einmal schnell fertig werden. Peter fällt ihr ein, der wartet doch
draußen.
Es wird schon gut
gehen.
Sie legt alle
Spiegelteile in den Kasten und schüttelt ihn vorsichtig. Dann schaut sie durch
das Guckloch und schreckt zurück. Noch einmal schaut sie da nicht mehr durch.
Das will sie sich nicht antun. Dazu klirren ihr schrille Klänge in die Ohren,
als ob Popmusiker auf einer E-Gitarre hohe Töne so lange auseinander zerren, bis
sich die Noten die Beine ausreißen.
Vorbei mit den
Wunscheltern! Wie soll sie das Peter später nur erklären? Sie formt beide Hände
zum Sprachrohr: „Bitte kommen Sie! Es ist dringend!“
Da hört sie auch
schon das Rascheln des Umhanges. Wie ein großer Vogel flattert der Professor von
oben herab und blinzelt durch das Guckloch des Kaleidoskops.
„Bitte nicht!“
Henriette reißt ihn weg. Sie schämt sich. Der Professor soll nicht das
Durcheinander sehen, das sie angerichtet hat. Aber die schrille Musik ist nicht
zu überhören. „Was hast du nur angestellt, Kind?“ Der Professor hält sich die
Ohren zu. „Bei dieser Katzenmusik bekommt man ja Kopfschmerzen. Das ist nicht
die gemeinsame Melodie zweier Spiegel.“
„Habe ich was falsch
gemacht, Professor Wabenweber?“
Der Professor
runzelt die Stirn und schaut streng. „Ich glaube, ja.“
„Aber hören Sie!“
Henriette stemmt ihre Arme trotzig in die Seiten. „Noch ist nichts verloren. Und
ob das eine Melodie ist. Meine neuen Eltern singen ein gemeinsames Lied, hören
Sie! Nur rückwärts.“
„Du hast alles
vermasselt! Steig rechtzeitig aus, bevor es zu spät ist!“
„Das werde ich nicht
tun!“ Henriette stampft mit dem Fuß auf. „Ich habe sie extra ausgesucht, wenn
Sie es genau wissen wollen. Es sind bestimmt die perfekten Eltern. Ich habe sie
jetzt schon lieb.“
„Meinetwegen werde
glücklich mit ihnen.“ Professor Wabenweber seufzt. „Du kannst jetzt nach draußen
gehen. Deine neuen Eltern werden dich erwarten.“
5
Die neuen Eltern
Draußen blendet die
Sonne. Henriette kneift die Augen zusammen. Sie sieht einen Mann von dem Stand
mit den kandierten Äpfel auf das Spiegelkabinett zuschlendern. Als er Henriette
entdeckt, winkt er: „Hast du Peter gesehen? Mutti und ich warten schon eine
halbe Stunde auf euch. Ich will mit euch zu Hause noch eine Partie Federball
spielen.“
Auf seinem Kopf
kräuselt sich ein schwarzer Haarkranz um eine Glatze. Sie ist rund wie die Kappe
eines Mönches. Eine grüne Haarsträhne fällt ihm tief in die Stirn. An einem
Ohrläppchen hängt ein klobiger, goldener Ohrring. Sein Brezelschnurrbart
kringelt sich um seinen Mund herum. Die karierten Shorts und das rote Jackett
mit dem gelben Schlips passen zu einem Clown. Eine Socke ist grünweiß
gekringelt, die andere blaurot.
Henriette ist Feuer
und Flamme. Dieser oder keiner! Der ist gut drauf. Ein Vater wie im Bilderbuch!
Peter kommt vom
Schießstand angerannt. Er sieht Henriette mit dem Mann im roten Jackett. „Redest
du jetzt schon mit Wildfremden?“
„Darf ich
vorstellen, das ist unser Vater“, sagt Henriette.
Peter bleibt die
Spucke weg. „Hast du ein Rad ab?“
„O.k., ich habe da
vielleicht einiges verkorkst“, gibt Henriette zu. „Aber er ist trotzdem prima.
Sieh ihn dir doch an.“
Es blitzt. Eine
Frau, so rund wie ein Pfannkuchen, mit lila getönten Locken, steckt ihren
Fotoapparat ein und wedelt mit der Handtasche. „Huhu! Kinder, gefällt euch der
Rummel wenigstens? Wir wollten euch einmal etwas Großartiges bieten.“
Sie trägt grüne
Stöckelschuhe mit einer blauen Rose. Der knallrote Rock reicht ihr nur knapp
über die Knie. Sie gestikuliert mit den Händen und macht Peter und Henriette
Zeichen. „Wollt ihr noch mal Achterbahn fahren?“ Sie wendet sich an den Vater:
„Arthur, sei heute großzügig.“
Der lacht: „Ich
wollte eigentlich nach Hause, Federball spielen mit den beiden. Aber wenn du
unbedingt willst, Wilma, fahren sie noch mal Achterbahn. Mir soll’s recht sein.
Wollt ihr?“
Die Kinder nicken
begeistert.
„Oder lieber
Kettenkarussell!“, schlägt die Mutter vor. „Das ist nicht so gefährlich.“
„Wilma, eben
wolltest du noch ...“
„... ich habe es mir
anders überlegt. Na und?“
Peter nörgelt: „Ich
will aber Achterbahn.“
„Und ich
Kettenkarussell“, quengelt Henriette.
„Streithähne Dass
ihr euch nie einigen könnt“, sagt die Mutter.
„Aber Wilma, eben
hattest du selbst noch etwas von Achterbahn gesagt.“
„Jetzt bin ich
schuld, Arthur? Willst du sagen, ich sei schuld, wenn sich die Kinder immerzu
streiten?“
„Nicht doch. Das
würde ich nie behaupten.
„Wenn ihr keine
Achterbahn und kein Karussell wollt, essen wir kandierte Äpfel.“
„Wilma, das sind
Dickmacher. Du sagst doch immer, Henriette soll nicht so viel naschen.“
„Willst du damit
sagen, dass wir zu dick sind, deine Tochter und ich?“
Nun ist das
Kuddelmuddel da. Peter will zur Achterbahn, die Mutter zum Naschstand, und
Henriette möchte Kettenkarussell fahren. Nur der Vater hat genug vom Rummel.
Henriette bringt Kuddelmuddel in das Kuddelmuddel. „Darf ich noch einmal ins
Spiegelkabinett?“
„Was willst du denn
da?“, fragt die Mutter empört.
„Da kann man sich
aus Spiegelsplittern neue Eltern zurechtbasteln.“
Die Mutter bekommt
eine schneidige Stimme. „Höre ich richtig? Andere Eltern!? Das willst du? Tun
Papa und ich nicht immer das Beste für euch? Wir bieten euch diesen Rummel, und
du wünschst dir andere Eltern? Womit haben wir das verdient? Schluss, aus! Wir
fahren nach Hause.“
Auf dem Weg zum Auto
knufft Peter seiner neuen Schwester in die Seite. „Nur wegen dir komme ich jetzt
um die Achterbahnfahrt. Das kriegst du heimgezahlt! Irgendwann. Wirst schon
sehen, Fettkloß. Du hast total bescheuerte Eltern ausgesucht. Meine zu Hause
sind zwar auch nicht gerade der Hit, aber auf alle Fälle besser als die.“
„Stänkere nicht
rum!“ Henriette steigt hinten ein.
6
Wo wird das neue Zuhause sein?
Ein Vater mit Glatze
wie ein Spiegelei, die Mutter rund wie ein Drehkreisel – die neuen Eltern von
Peter und Henriette! „Die haben echt eine Vollmeise“, flüstert Peter.
„Du hättest mir ja
helfen können, statt zum Schießstand zu wollen. Jetzt hör auf zu meckern.“
Peter tippt sich mit
dem Zeigefinger an die Stirn. „Hast wohl schon vergessen, dass wir bis heute
Abend zurück sein müssen. Dein Opa wartet auf uns. Und meine Eltern auch.“
Henriette fühlt sich
hin und hergerissen. Natürlich hat sie Sehnsucht nach ihrem Opa, nach seiner
Hütte am See, nach dem Spaghettiessen heute Abend erst recht, aber jetzt, da sie
endlich Eltern gefunden hat, will sie auch bei ihnen bleiben. Und das nicht für
nur einen Tag, sondern für immer. Doch deswegen den Opa einfach allein lassen?
Nie im Leben. Henriette grübelt sich Knoten in den Kopf. Sie wird bei Opa
anrufen und ihm vorschlagen, mit ihren Eltern zu ihm zu ziehen. Dann wären sie
eine große Familie mit Peter als Bruder. Aber dieser Blödkopf muss ja seine
eigenen Eltern haben. Sie boxt ihm in die Seite: „Rutsch mal, Knallkopf!“
„Selber Knallkopf!“
Die Mutter schimpft:
„Geht das wieder los?!“, und zum Vater: „Müssen sich deine Kinder andauernd
streiten? Arthur, sprich du ein Machtwort!“, fordert sie den Vater auf, aber der
sagt nur: „Ich muss mich auf den Straßenverkehr konzentrieren.“
„Immer, wenn’s
heikel wird, muss ich mich um die Erziehung kümmern“, grollt die Mutter. Jetzt
ist nicht der richtige Moment, die Frage nach dem Telefonat mit dem Großvater zu
stellen, denn die Mutter hat eine Idee. „Was haltet ihr davon, Farben zu zählen?
Du, Henriette, zählst alles, was blau ist, und Peter zählt alle grünen Dinge.
Wer am meisten blaue oder grüne Farben gezählt hat, bekommt einen Schokokuss.“
Henriette hat Lust,
Peter muss überredet werden. Firlefanz, so ein Spiel! Aber als er angefangen hat
zu zählen, findet er es nicht so schlimm, denn es gibt mehr grüne Dinge zu sehen
als blaue. Pflanzen, Bäume, Wiesen, alles ist grün, auch das Kleid einer
Passantin und das Spitzdachzelt von Campern.
Henriette würde gern
die blaue Farbe des Himmels zählen, aber der ist inzwischen grau verhangen, kein
Blau spiegelt sich mehr im Wasser. Das einzig Blaue, das sie auf ihrem Zettel
notieren kann, ist eine blaue Fahne und die Kluft zweier Pfadfinder auf der
Straße.
Henriette verliert,
Peter freut sich auf den versprochenen Schokokuss und stichelt: „Du hast nur in
den blauen Dunst geraten“, und Henriette kontert: „Du bist dafür noch grün
hinter den Ohren!“
Wieder zanken sie
sich, das kleine Auto knattert über die Landstraße. Es ist ein Trabant, ein
Modell, das heute nicht mehr gebaut wird. Die Motorhaube hat der Vater zu einem
Haifischmaul mit fletschenden Zähnen umgebaut. Sieht lustig aus, findet
Henriette. Die orange angemalten Kotflügel sind nicht aus Blech, sondern aus
Pappe. Witzig! Ein Auto aus Pappkarton, vielleicht zum Selbstbasteln mit
Gebrauchsanweisung! Peter und Henriette quetschen sich auf dem Rücksitz zwischen
einem großen Kissen und einem Korb voller Äpfel. Auf der Ablage am Heckfenster
wackelt ein Stoffdackel mit dem Kopf. Die Kinder sind noch nie in einem Trabant
gefahren. Die Geräusche des Zweitaktmotors, der Gestank der bläulichen
Abgaswolken – urig das Ganze.
Der Vater biegt in
einen Feldweg ein. Henriette ist ganz kribbelig vor Neugier. Der Trabant ruckelt
durch die Schlaglöcher, wie die Wagen der Tarantella auf dem Rummel. Sie fahren
durch eine Siedlung. „Was bin ich froh, Arthur“, schwärmt die Mutter, „dass wir
damals den Bungalow gebaut haben. Und alles nur für die Kinder!“
Henriettes Augen
leuchten auf. ‚Bungalow’ hat die Mutter gesagt! In einem Bungalow werden sie
wohnen. Ist ein Bungalow nicht eine Villa? Großvaters Hütte am See ist sehr
schön, aber sie ist klein. Henriette möchte endlich ein Zimmer für sich allein
haben, ein großes Zimmer voller Spielsachen, und zu jeder vollen Stunde käme in
der Küche der Kuckuck aus der Kuckucksuhr geflogen. Die Uhr wäre ein Geschenk
von ihrem Großvater, der Opa käme bald zu Besuch. Ach, der Opa. Sie will fragen,
ob sie ihn anrufen darf, aber es bietet sich einfach keine Gelegenheit dazu.
7
Eine Seifenblase zerplatzt
Da ist sie schon,
die Villa! Weiß getüncht, umgeben von akkurat geschnittenen Hecken, eine
elektrische Glaslaterne ist neben der Eingangstür befestigt. Hinter den Hecken
erkennt Henriette einen säuberlichen Rasen; Gartenzwerge schieben Schubkarren
oder suchen Schatten unter Fliegenpilzen. In der hintersten Ecke des Gartens
schimmert es blau. Super! Ein Swimmingpool!
Auch Peter staunt.
Hut ab! Die Eltern, die sich Henriette ausgesucht hat, scheinen reich zu sein.
Peters Vater ist Pilot, vielleicht ist sein Fantasievater Filmschauspieler? Dazu
würden diese karierten Shorts und das rote Jackett passen. Und das mickrige Auto
auch. Schauspieler fahren doch manchmal solche Karren und laufen ausgeflippt
herum.
Der Vater parkt. Die
Kinder können es kaum abwarten, auszusteigen. Aber zuerst sind die Eltern dran.
Ein Trabant ist schließlich kein Viertürer. Die Mutter hat Mühe, aus der
Beifahrertür herauszukommen. Erst die Füße, dann zwängt sie Po und Bauch ins
Freie, schließlich flutscht der Rest nach.
Die verglaste
Haustür der Villa öffnet sich, eine Frau tritt heraus. Vielleicht die Tante?
Oder die Putzfrau? „Guten Tag, Herr Schmökewitz“, begrüßt sie den Vater. Dann
bemerkt sie Peter und Henriette. „Na, ihr beiden, sieht man euch auch mal
wieder?“
Peter flüstert: „Ich
denk, ich bin im falschen Film!“
Auch die Mutter
begrüßt die Frau. „Guten Tag, Frau Schmutz-Wiedemann. Ich bringe nur noch
schnell die Äpfel zu uns rüber, dann erscheine ich pünktlich, wie verabredet,
bei Ihnen zum Kaffee und erläutere Ihnen das Programm meiner Partei. Sie
begleiten doch meinen Mann und die Kinder später zu meinem Wahlauftritt auf den
Marktplatz, nicht wahr?“
Wahlauftritt? Ist
die Mutter etwa Politikerin? Aus der Traum vom Leben in der Villa! Frau
Schmutz-Wiedemann wohnt in diesem großen weiß getünchten Haus, sie ist die
Nachbarin, und sie sagt, selbstverständlich käme sie mit zur Kundgebung.
Bloß wo werden sie
dann mit den Eltern wohnen? Entsetzt schaut Peter zum Nachbargrundstück und
sieht eine schiefgeschnittene Hecke, dahinter kniehohes Gras. Der Vater schließt
das Tor zu diesem Garten auf. Irgendwie findet Henriette das alles sehr
aufregend, Peter würde am liebsten Reißaus nehmen. Aber das geht nicht mehr. Er
heißt jetzt Peter Schmökewitz und ist der Sohn von Herrn und Frau Schmökewitz.
Mitgehangen – mitgefangen!
Hätte er nicht diese
idiotische Idee gehabt, auf die Insel zu rudern und mit Henriette in die Höhle
zu kriechen, könnte er jetzt bei seinen Eltern in der Hollywoodschaukel auf der
Terrasse sitzen und auf Rhododendrenbüsche und Rosensträucher blicken, nicht in
diesen verwilderten Urwald. Was soll das hier nur für ein Zuhause sein? Zwei
krumm und schief zusammengenagelte Hütten auf grauen Feldsteinen, verbunden
durch ein Wellblechdach voller Löcher! Unter dem Dach stehen vier alte Stühle um
einen runden Plastiktisch. Das Ganze nennen sie Bungalow.
Die Mutter geht ins
Haus. „Bitte stört mich nicht. Ich werde mich jetzt für die Wahlveranstaltung
restaurieren.“
„Restaurieren?“,
fragt Peter belustigt. „Macht man das nicht mit Häusern? Das hier hätte es zum
Beispiel dringend nötig!“
„Jungelchen, werd
nicht frech. Tu nicht so, als wüsstest du nicht, was Restaurieren heißt. Ich
habe es dir oft genug erklärt. Ich zeichne mit einem schwarzen Stift meine
Augenbrauen nach und male meine Lippen rot. Nicht nur Häuser muss man
restaurieren, auch eine Frau muss das tun, sonst kann sie nicht auf die Straße
gehen, schon gar nicht als Bürgermeisterkandidatin.“
„Und der Negerkuss,
den du mir im Auto versprochen hast?“
„Der was?“ Die
Mutter ist entrüstet. „Du meinst den Schokokuss. Sag nie wieder ‚Negerkuss.’ Das
habe ich dir schon hundertmal gesagt. Früher hat man das gesagt. Aber es ist
gehässig.“
Die Mutter geht in
die Küche und holt aus dem oberen Fach einen Schokokuss heraus. Als Peter ihn in
den Mund schiebt, steht Henriette halb versteckt hinter dem Türpfosten. Der
Mutter entgehen nicht die neidischen Blicke ihrer Tochter. „Hättest dir beim
Farbenzählen ja mehr Mühe geben können!“
Mit gesenktem Blick
schleicht Henriette raus. Die Mutter ruft ihr hinterher: „Schaff du erst mal
eine 3 in Rechnen, dann können wir über Schokoküsse reden.“
Inzwischen ist der
Vater wieder am Auto und kippt eine Flasche Öl in den Motor. Kein Motoröl,
sondern Speiseöl. Das soll besser für den Motor sein.
Peter will weg! Und
wenn’s nur für eine Stunde ist. „Vater“, fragt er, „darf ich vor dem Abendbrot
noch Rad fahren?“
Der Vater nickt.
„Aber nimm nicht wieder meins!“
Im Fahrradschuppen
stehen zwei Räder, ein grünes und ein blaues. Welches wird dem Vater gehören?
Peter weiß es nicht. Wie soll er auch? Er ist neu hier. Er kennt absolut gar
nichts in diesem Schuppen. Egal! Er nimmt das blaue Fahrrad, setzt sich drauf
und strampelt los. Das Schutzblech scheppert, der Hinterreifen eiert.
Als der Vater vom
Ölwechsel zurückkehrt, sieht er die Bescherung. „Hat sich der Bengel wieder
meinen Drahtesel geschnappt! Wie oft habe ich ihm gesagt, er soll nicht den
blauen nehmen.“
Die Mutter hat sich
zu Ende restauriert und stolziert mit schwingenden Hüften zum Gartentor. Sie
trägt nicht mehr den rosa Minirock, unter dem ihre Beine wie Säulen hervorragen,
sondern ein weites schwarzschillerndes Kleid. Am Gartentor ruft sie schrill:
„Frau Schmutz-Wiedemann, hier bin ich! Ich habe alle Broschüren vom Wahlkampf
dabei“, und Frau Schmutz-Wiedemann trällert zurück: „Frau Schmökewitz, ich
erwarte Sie! Der Kaffee auch!“
Kaum ist die Mutter
fort, fällt es Henriette wieder ein. Sie muss den Opa benachrichtigen.
8
Das Federballmatch
Henriettes Opa ist
nicht nur ein klasse Opa und toller Geschichtenerzähler, sondern auch ein großer
Bastler. Aus Konservendosen zaubert er hohe Technologie. In den letzten
Sommerferien, als Peter die beiden besuchte, hatte jemand eine Badewanne an den
Wegrand gestellt, von der die Emaille abplatzte. Großvater klemmte ein Brett
zwischen die Wannenränder, hakte ein schwarzes Telefon mit Wählscheibe an einen
in den Ausguss gerammten Mast und erklärte: „Dies ist ein Raumschiff.
Beschäftigt euch damit. Ihr könnt damit zu den Sternen und noch weiter reisen.“
Peter und Henriette
gaben dem Raumschiff den Namen ‚Micromégas’, sie sausten durch die Milchstraße,
atmeten Sternenstaub ein, wichen Kometen aus und grüßten lässig mit der Hand,
wenn ihnen andere Raumschiffe entgegenflogen. Als die Badewanne eines Tages
weggeschafft wurde, hatten sie in ihrem ‚Micromégas’ das Universum hin und
zurück durchflogen.
Das ausgediente
Telefon, mit dem Peter und Henriette zu anderen Planetenstationen telefonieren
konnten, funktionierte genauso gut wie das richtige Telefon des Großvaters.
Nämlich gar nicht. Er hat es sich von zweiter Hand besorgt und freute sich, Geld
gespart zu haben. Es funktionierte nicht, also reparierte er es.
Henriette will
gerade Opas Nummer wählen, da läutet bereits das Telefon. Sie nimmt ab.
„Hier ... O ... Himm
...“ Henriette versteht nur Abgehacktes: „Ich ... neu ... Tele ... Trödler ...
holt.“
Typisch Großvater!
Sein Telefon ist mal wieder kaputt. Aber woher hat er nur die Nummer ihrer neuen
Eltern?
„Opa! Hörst du
mich?“, schreit Henriette in die Muschel.
„Gestern ... fon ...
kauft!“
Nur jedes zweite
Wort ist zu verstehen. „Opa, dein Telefon ist kaputt!“
„Quatsch ... euer
... putt“, ruft der Großvater zurück.
„Opa, wir haben
super Eltern gefunden, Peter und ich“, flüstert Henriette in die Muschel, damit
es ihr Vater nicht hört. Hoffentlich würde der Großvater sie am anderen Ende der
Leitung verstehen. Obwohl sie das nicht so ganz genau weiß, stellt sie die
entscheidende Frage: „Dürfen wir noch eine Weile bleiben?“
Gott sei Dank, der
Großvater hat verstanden. „Ich ... Bescheid. Man ... mich ... unterrich ...
Peters Eltern ... einverstanden. Bleibt ... lange ... ihr wollt.“
Hat ihr neuer Vater
etwa schon mit Großvater gesprochen und ihm die Nummer gegeben? Egal,
Hauptsache, sie dürfen bleiben.
„Na, wann wird er
uns besuchen?“ fragt der Vater und streicht sich über die Spiegelglatze. Darüber
hat sie doch gar nicht mit Opa gesprochen. Sie will ihren Vater fragen, ob er
was weiß, aber er schlägt plötzlich ein Federballmatch vor. Henriette soll die
Schläger holen, weiß bloß nicht, wo sie sind. Fragend guckt sie den Vater an.
„Du bist mir
vielleicht ein Schusselkopf. Im Kinderzimmer, wo denn sonst? Das weißt du doch.
Beeil dich, bevor Mutti zurückkommt, ich baue schon mal das Feld auf.“
Henriette läuft zum
Bungalow. Auf der Terrasse bleibt sie stehen. Wohin nun? Nach rechts oder nach
links? Sie war doch noch nie hier. Sie entscheidet sich für rechts. Das
Wohnzimmer - wie das hier aussieht! Ein schokoladenbraunes Sofa, ein klobiger
Sessel vor dem Couchtisch. Die Tapete ist mit verblichenen Rosen gemustert. In
einer Nische die dunkelbraun lackierte Schrankwand mit einem
Schwarzweißfernsehgerät, einem Plattenspieler und einem Tonbandgerät. Von CD und
DVD haben sie wohl noch nichts gehört. Eine seltsame Welt.
Henriette läuft in
die andere Hälfte des Bungalows. Hier ist das Kinderzimmer. An beiden Wänden
stehen Betten. Über einem sind Poster von großen Brücken an die Wand gepinnt,
darüber ist ein Regal mit gelben und roten Baggern und Kränen. Auf dem Bett, das
sicher Peters Bett ist, liegt ein Elektrobaukasten. Auf ihrem liegen flippige
Klamotten vom Secondhandshop und ein aufgeschlagenes Buch. Auf dem Schreibtisch
ein Computer.
Eigentlich hatte
Henriette von einem eigenen Zimmer geträumt. Jetzt findet sie es gut, dass sie
sich das Zimmer mit ihrem Bruder teilt. Da kann sie ihm abends aus ihren Büchern
vorlesen, und er würde ihr vor dem Einschlafen mit verstellter Stimme das
Gruselmärchen vom Zauberer erzählen, der zum Grafen sagt: „Gib mir mein goldenes
Bein zurück!“
Überall sucht
Henriette nach den Federballschlägern. In der Truhe sind Faschingskostüme
aufgehoben, hinter der Gardine lehnt der Staubsauger, dafür findet Henriette sie
im Bettkasten. Gut gelaunt hüpft sie in den Garten.
„Spielen wir nach
Punkten oder nur so?“
Henriette weiß
nicht, was sie antworten soll. „Nur so“, sagt sie.
„Wie du willst.“
Sie schlagen den
Ball hin und her . Es klappt ganz gut. „Willst du was naschen?“, fragt der Vater
nach einer Weile.
„Ich darf doch
nicht.“
„Lass Mutti nur
reden. Die könnte auch ein paar Pfunde weniger vertragen. Los, heute sündigen
wir.“ Der Vater verschwindet im Bungalow und kommt nach einer Weile mit einer
großen Schachtel wieder. Schokoküsse.
Er gibt Henriette
einen, nimmt sich selbst einen, wirft den Schokokuss in die Luft und schlägt
nach ihm. Seine grüne Haarsträhne wippt ihm dabei in die Stirn. Henriette weiß
nicht, was sie davon halten soll. Lachen wird wohl das Beste sein. Sie nimmt
auch einen Schokokuss, wirft ihn hoch und schlägt ihn zum Vater. Wie eine
knollige Clownsnase bleibt er in ihrem Gesicht pappen.
„Achtung! Ich schieß
jetzt eine Rakete zum Mond!“ Henriette holt aus und schlägt mit viel Kraft zu.
Der Schuss geht nach hinten los.
Ein greller
Aufschrei: „Arthur! Was bringst du dem Mädchen bei!“
In ihrem schwarzen
Ausgehkleid steht die Mutter im Gartentor. Auf ihrer rechten Brust prangt eine
Brosche. Sieht nicht schlecht aus, die Brosche, findet Henriette. Sie muss sich
ein Lachen verkneifen. Die Mutter reißt sich den Schokokuss von der Brust und
pfeffert ihn ins Gras. Wütend funkelt sie ihre Tochter an. „Wie sehe ich jetzt
aus? Soll ich so zur Wahlveranstaltung gehen?“
„Wilma, es war meine
Schuld.“
„Willst du mir in
den Rücken fallen? Es war ihre Schuld! Deine Tochter ist ein ganz gerissenes
Ding. Die hat’s faustdick hinter den Ohren. Deine Erziehung! Ich sag’s ja. Aber
nicht mit mir. Nicht mit mir!“ Die Mutter stampft in den Bungalow. Von weitem
hören Henriette und der Vater ein drittes Mal: „Aber nicht mit mir.“
Henriette treten
Tränen in die Augen. Der Vater streicht seiner Tochter übers Haar. „Sie meint es
nicht so. Ihre Nerven, die Anstrengung um die Kandidatur als Bürgermeisterin.
Versteh.“ Henriette schluchzt noch immer. Der Vater versucht es anders. „Morgen
ist der ganze Wahltrubel vorbei. Da bringe ich dich wieder zur Schule ... du
weißt doch, auf meinem Dienstfahrrad. Hinten drauf.“
Nichts weiß
Henriette. Aber mit dem Dienstfahrrad? Hinten drauf? Hört sich vielversprechend
an. Davon hat sie schon im Spiegelkabinett gehört. Sie wischt sich die Tränen
aus den Augen.
Sie muss sich jetzt
fertig machen, denn gleich geht es zur Wahlveranstaltung. Die Mutter will
wirklich zur Bürgermeisterin gewählt werden. Total verrückt! Doch wo ist Peter?
In zehn Minuten müssen sie los und von Peter keine Spur. Anstatt sich auf ihre
Rede vorzubereiten, tobt die Mutter und beschimpft den Vater, weil er seinem
Sohn erlaubt hat, so spät noch Fahrrad zu fahren.
9
Die Wahl
Zehn Minuten warten
sie vergebens auf Peter, dann müssen sie los, die Mutter würde sich sonst
verspäten. Das wäre ein Skandal, jetzt, wo sie im Rampenlicht der Öffentlichkeit
der Kleinstadt steht. Blitzlichter über Blitzlichter, Journalisten über
Journalisten mit Notizblöcken.
Die Mutter ist ein
einziges Nervenwrack. Ihr so wichtiger Wahlauftritt in wenigen Minuten und dann
ihr Sohn nicht da – das hält sie nicht aus. Zu spät werden sie sowieso kommen.
In einem Trabant mit Haifischmaul will sich die Kandidatin nicht in der
Öffentlichkeit blicken lassen. Ihr Mann muss den Wagen weit abseits vom
Wahltrubel parken. „Und das fällt dir jetzt ein!“, schimpft er, lacht dann aber
gleich wieder versöhnlich. „Dabei kommt der Spielmann auch nur mit dem Fahrrad!“
Von jedem zweiten
Baum lächelt die Bewerberin für den ersten Posten im Städtchen Henriette zu; die
anderen Bäume sind für Herrn Spielmann, ihrem Gegenkandidaten, reserviert. Auch
er lächelt wie jemand, der allen verspricht, ihnen das ganze Glück der Welt in
die Taschen zu zaubern, wenn man ihn nur wählen würde. „Spielmann ins Rathaus“,
steht unter seinem Bild. „Wählt Wilma Schmökewitz!“, unter dem der Mutter.
„Beeil dich,
Arthur.“ Aus Nervosität stößt der Vater beim Einparken mit der Stoßstange gegen
einen Holzpfosten. Er stellt den Trabbi auf einem sandigen Parkplatz mit
Wasserpfützen ab und muss eine Parkgebühr zahlen.
Die Mutter hatte
nicht einmal Zeit, ihr Kleid mit der Schokofleckbrosche zu wechseln. „Not macht
erfinderisch!“, sagte sie und befestigte den Orden für ihre ehrenamtliche
Tätigkeiten im städtischen Altenheim über die bekleckerte Stelle. Diese
Verdienstauszeichnung käme bei den Bürgern sicher gut an und würde ihr noch mehr
Stimmen bringen.
Zum letzten Mal
schaut sie in den Rückspiegel und richtet ihre Frisur. Dann hüpft sie im
Zickzacklauf um die Pfützen herum zur Wahlveranstaltung, Henriette und der Vater
hinterher. Der Marktplatz ist überfüllt von Menschen. Aus der Mitte ragt das
Bronzedenkmal eines Mannes, der in seinen Händen Buch und Stift hält. Die Drei
werden von den Parteianhängern der Mutter begrüßt. Ein dicker Mann in blauem
Blazer klopft Henriette lächelnd auf die Schulter, eine qualmende Zigarre in der
Hand. „Aus dir wird sicher einmal was Prächtiges!“
Henriette findet den
Dicken nur blöd. Ein Wildbraten ist prächtig. Der Dicke prophezeit ihr eine
rosige Zukunft: “Bei der Mutter wirst du sicher auch Politikerin.“
„Vielen Dank“, würde
sie gerne sagen, „mir ist mehr danach, Sterne zu pflücken und sie in meiner
Fantasie auf die Erde fallen zu sehen.“ Aber warum mit so einem alten Knacker
streiten?
Ein Journalist von
der Zeitung wird die Kandidaten gleich befragen. Die Bürger von Dum sollen nach
jeder Antwort klatschen. Die Länge jedes Applauses wird mit einer Stoppuhr
gemessen, und wer am Ende am meisten Beifall erhalten hat, gewinnt die Wahl.
Frau Schmökewitz
wuchtet sich die Treppe zur Bühne hoch. Auf ihrer lilagetönten Frisur sitzt
elegant ein grüner Hut, auf dem eine Pfauenfeder sitzt. Wenn sie den Kopf
bewegt, wackelt die Feder. Die Kandidatin stellt sich hinters Pult und winkt in
das Publikum: „Huhu!“
Ihr gegenüber steht
Fritz Spielmann in blaurotkarierten Knickerbockerhosen wie ein Detektiv aus
einer englischen Kriminalserie. Auf dem Kopf trägt er eine dazu passende
Schiebermütze. Der Reporter drückt jedem der beiden Kandidaten ein Mikrofon in
die Hand und greift dann selbst nach einem. „Können wir beginnen? Sind Sie
bereit?“
„Nur noch eins!“,
Henriettes Mutter schnippst mit dem Finger. „Ich will jemanden grüßen. Und zwar
meine Nachbarin, Frau Schmutz-Wiedemann. Darf ich?“
„Sie dürfen“, sagt
der Reporter.
„Huhu, Frau
Charlotte“, grüßt Henriettes Mutter. „Ich hoffe, Sie werden heute ganz lange für
mich klatschen.“
„Gut. War’s das?“,
fragt der Reporter. „Dann lassen Sie uns jetzt mit den diesjährigen Wahlen in
Dum beginnen. Also, Ladies first, wie man so schön sagt. Den Damen der Vortritt.
Frau Schmökewitz, wie wollen Sie unser Städtchen verschönern.“
„Was soll ich dazu
sagen? Da ich die ‚Waldmeisterpartei’ vertrete und Grün nun einmal die schönste
Farbe ist, die es gibt, denn grün sind Gräser und Bäume ... drum, weil so viel
schöne Dinge auf der Erde so grün wie die Hoffnung sind, befürworte ich eine
Streichung aller Zäune in Grün.“
„Wenn ich Sie
richtig verstehe, wollen Sie alle grünen Zäune in unserer Kleinstadt streichen,
also beseitigen“, hakt der Journalist nach.
„Aber nein doch!“,
widerspricht die Kandidatin. „Grün anstreichen, nicht wegstreichen, denn der
Mann, der unsere Partei unterstützt, finanziell, meine ich, liebt auch das
Grün.“
„Können Sie uns
seine Gründe genauer erläutern?“
„Das darf ich nicht.
Ich kann nur sagen, Mister ... pardon ... den Namen darf ich noch nicht nennen
... wird unsere Stadt glücklich machen, wenn Sie mich wählen.“
Mäßiger Applaus ist
zu hören, einige Pfiffe. Viele fragen sich misstrauisch, welcher Mann sich
hinter der ‚Walmeisterpartei’ verbergen mag. Henriette aber ist stolz auf ihre
Mutter, wie sie so hinter dem Rednerpult steht und ganz cool die Frage des
Zeitungsreporters beantwortet. Das hätte sie ihr gar nicht zugetraut. Henriette
klatscht länger als alle anderen. Ein Schiedsrichter auf der Bühne hat auf die
Uhr geschaut. „Genau zwei Minuten fünfunddreißig Sekunden“, ruft er in die
Menge.
Neunundfünfzig
Sekunden davon sind sicher der Applaus von Henriette. Vielleicht ist das ja
Wahlschummel, aber Henriette ist das egal, es ist schließlich für ihre Mutti.
Der Journalist stellt nun die gleiche Frage an den Gegenkandidaten: „Und Sie,
Herr Spielmann, wie wollen Sie die Stadt verschönern?“
„Meine
Blaumeierpartei will auch alle Zäune streichen, aber nicht in Grün, sondern
vorerst in Blau. Aber das ist lediglich unser Nahziel. In baldiger Zukunft
planen wir, alle Zäune aus unserem Stadtbild wegzustreichen, denn Zäune haben
etwas Trennendes. Sie verbieten Kindern auf Rasenflächen zu spielen. Ja,
manchmal müssen sie wegen eines Zaunes auf der Straße spielen. Um den See kann
man auch nicht mehr spazieren, weil überall Privatgrundstücke durch Zäune
getrennt sind.“
Herr Spielmann
bekommt für seine Antwort vier Minuten fünfundfünfzig Sekunden tosenden Beifall.
Die Wahl ist
entschieden: Der nächste Bürgermeister von Dum heißt Herr Spielmann. Trotz des
Altersheimordens über dem Schokofleck hat Frau Schmökewitz nicht genug Applaus
bekommen.
Im Auto sagt keiner
etwas. Die Mutter hatte sich so viel von diesen Wahlen versprochen. Die einzige,
die sich traut, etwas zu sagen, ist Henriette. Von hinten legt sie ihre Arme um
den Hals ihrer Mutter. „Nicht traurig sein. Bei den nächsten Wahlen schaffst du
es bestimmt!“
Die Mutter wischt
sich eine Träne aus dem Auge. „Nur, weil mein Peter nicht dabei war. Andauernd
musste ich an ihn denken. Er wäre mein Talisman gewesen.“
10
Ein seltsames Spiel
Peter hat sich
verfahren. Anstatt den Weg am Pfuhl entlang zu nehmen, ist er über die
Pirschheide geradelt, natürlich ein großer Umweg. Aber er ist schließlich zum
ersten Mal in dieser Gegend.
Die Mutter kreischt,
als sie im Kinderzimmer leise Musik hört: „Der Junge wagt es, so spät nach Hause
zu kommen!“
„Sei froh, dass er
überhaupt da ist“, beruhigt sie der Vater.
„Als gute Mutter
darf ich den Bengel nicht verwöhnen.“
Der Vater kann nicht
verhindern, dass sie ihren Sohn ohne Abendbrot ins Bett schickt. „Der wird bald
wissen, was er davon hat, nach Hause zu kommen, wann es ihm passt.“
Henriette hat keine
Lust aufs Abendbrot. Bei dem Stunk will sie nicht dabei sein. Die hat vielleicht
eine Laune! Henriette zieht sich lieber zu Peter zurück. Der tippt sich mit dem
Zeigefinger an die Stirn. „Die spinnt ja!“
Henriette kichert
leise: „Nicht so laut! Wenn sie dich jetzt hört.“ Sie legt sich ins Bett.
Peter hat noch keine
Lust, zu Bett zu gehen. „Lass die sich die Köpfe einschlagen“, sagt er. „Ich geh
noch an den Computer. Guck mal, was ich vorhin in einer Schachtel, gefunden
habe. Ein PC-Spiel. Super, was?“ Er setzt sich an den Schreibtisch und fährt den
Computer hoch.
Die Eltern streiten
weiter. Peter am Computer und Henriette im Bett können jedes Wort verstehen. Die
Mutter spult sich wieder auf: „Sie sind auf einmal so anders, so aufsässig. Du
verziehst sie.“
„So sind sie nun
einmal in dem Alter. Man muss Geduld mit ihnen haben.“
„Ach was, Geduld! Du
verweichlichst sie. Das ist alles.“
Lass sie reden!,
denkt Peter. Henriette hört, wie er mit der Maus klickt, manchmal ertönen aus
den Lautsprechern schrille Melodien wie beim Flippern. Plötzlich: „Komm schnell!
Das musst du sehen!!!“
Sie krabbelt aus
ihrem Bett und schaut ihrem Bruder über die Schulter. Auf dem Bildschirm sieht
sie ein Mädchen und einen Jungen an einer Landzunge sitzen. Peter geht mit dem
Cursor auf etwas Dunkles im Schilf. Ein Ruderboot wird sichtbar. Die Kinder
waten zu dem Boot und rudern zu einer Insel. Auf der Insel bricht ein Gewitter
los. Die Kinder haben die Wahl: Zurück rudern oder in eine Höhle robben.
Peter schickt sie in
die Höhle. Immer weiter, immer tiefer lässt er seine Spielfiguren laufen. Auf
jedem neuen Feld bekommen sie eine Aufgabe.
„Irre, was?“ Peter
guckt konzentriert auf den Bildschirm. „Kommt dir bekannt vor, oder? Von wegen,
Computer haben Nachteile! Wir können unsere Reise hierher nachspielen.“
Henriette bläst die
Backen auf. „Das ist wirklich unser Spiel! Unsere Geschichte! Mal sehn, wie es
weitergeht!“
Die Tür wird
aufgerissen, und die Mutter zwängt sich durch die schmalen Türpfosten: „Aha!“,
kläfft sie wie ein Mops. „Habe ich euch ertappt! Ihr schlaft noch nicht. Dabei
müsst ihr morgen früh raus!“
Sie schaut auf den
Monitor. „Das ist ja unser Kleinstadtspiel! Das von Mister Ron Green? Ich
dachte, wir hätten es längst nicht mehr. Wo habt ihr es gefunden?“ Die Mutter
krault sich am Kinn und murmelt vor sich hin: „Mister Green, der große Meister
in Sachen Computertechnik, mein Verbündeter! Früher oder später wird Peter
hinter das Geheimnis kommen ...“ Dann flüstert sie so leise, dass die Kinder
kaum noch verstehen: „... ich bräuchte ihn nur auf meine Seite ...“ mehr
bekommen sie nicht mit. Die Mutter räuspert sich.
Sie streicht Peter
mit der Hand über den Lockenkopf. „Du musst wissen“, sagt sie mit
einschmeichelnder Stimme, „dass du mein Bester bist. Du bist sportlich, bist gut
in der Schule ... überhaupt, du mit deinen wuschligen Locken warst doch schon
immer Mamas Liebling, nicht wahr? Lass dich mal drücken, mein Junge. Aus dir
wird bestimmt mal etwas. Du hast so viele Talente.“
Peter schaut zu
Henriette hinüber, als wollte er der Mutter hinterm Rücken einen Vogel zeigen.
Henriette spürt, dass das Lob für Peter gleichzeitig eine Kritik an ihr ist. Sie
ist pummelig, alles andere als sportlich, und gut in der Schule ist sie erst
recht nicht. Aber dumm ist sie nicht. „Wer ist Mister Green? Sag!“
Die Mutter macht
eine barsche Handbewegung. „Das geht dich gar nichts an. Kümmere du dich um
deine eigenen Sachen.“ Sie wendet sich wieder zu Peter. „Ich hatte solche Angst
um dich, weißt du? Da bin ich sehr ärgerlich geworden. Du musst mir versprechen,
so etwas nie wieder zu tun. Allein im Wald, das ist gefährlich für einen
zwölfjährigen Jungen. Also, nie wieder! Versprochen? So, jetzt bekommst du etwas
zu essen. Ich lasse doch meinen Peter nicht verhungern. Das Kleinstadtspiel
darfst du selbstverständlich spielen, so oft du willst. Aber nicht zur
Schlafenszeit!“
Die Mutter
verschwindet in der Küche und kehrt bald mit einem Teller voll Wurst- und
Käsebroten zurück. „Hier, für meinen Gotteslohn.“ Peter verdreht die Augen. „Zum
Nachtisch gibt es zwei Schokoküsse. Aber sag nie wieder Negerkuss, hörst du? Das
ist böse und gehässig.“ Als sie wieder Henriettes Blicke sieht, sagt sie: „Du
bist dick genug!“
Peter isst, die
Mutter schielt auf den Bildschirm. „Ach, da bist du schon! Mitten im Spiel.
Sieh, dorthin, auf dieses schwarze Feld könntest du gehen, mein Junge.
Vielleicht fährst du gut damit. Überleg es dir. Ist nur ein Vorschlag.“
Neugierig guckt
Peter auf das Feld., die Mutter beobachtet ihn. Er zögert.
„Nein“, ruft
Henriette. „Tu es bitte nicht. Ich kann dir nicht sagen, warum, aber ich ahne,
dass es Unheil bringen wird.“
„Halte du dich da
raus! Was verstehst du schon von Computerspielen? Dein Bruder spielt ein
einfaches Spiel, das Spiel unseres Städtchens. Du hast doch keine Ahnung!“
Peter grinst: „Schon
erledigt. Das Feld ist bereits angeklickt.“
Henriette starrt
ihren Bruder an. Sie will etwas sagen, bekommt aber keinen Ton heraus. Die
Mutter verlässt das Zimmer. Peter spielt weiter. Henriette zieht ein Buch aus
dem Bücherregal. Sie kann sich nicht konzentrieren und muss jeden Absatz noch
einmal lesen. Nach einer halben Stunde wird die Tür erneut aufgerissen: „Jetzt
wird aber geschlafen!“ Peter muss den Computer herunterfahren, die Mutter knipst
das Licht aus und schließt die Tür.
Henriette flüstert:
„Peter, ich bin überhaupt nicht müde.“
„Mir doch egal!“
„Warte es ab. Es
wird wieder besser mit Mutti. Die ist schlecht drauf, weil sie heute nicht
gewonnen hat.“ Nach einer Weile: „Gib mir mal deine Taschenlampe? Ich lese uns
was vor.“
„Das ist meine. Die
rücke ich nicht raus.“
„Was hast du nur? Du
bist auf einmal so anders. Hat das etwa mit deinem Klick zu tun?“
„Rutsch mir den
Buckel runter, dumme Streuselschnecke.“
„Bist du gemein!“
Schritte sind zu
hören. Leise öffnet der Vater die Tür und sieht nach dem Rechten. „Schlaft
schön. Und keine Geschichten mehr. Sonst wird die Mutti schimpfen.“
„Peter redet sowieso
nicht mehr mit mir. Der ist auf einmal so gemein, seit er das eine Feld
angeklickt hat.“
„Welches Feld?“
„Im
Kleinstadtspiel.“
Der Vater bekommt
den Mund nicht mehr zu: „Peter spielt das Kleinstadtspiel? Das darf nicht wahr
sein!“, schnauft er. „Bist du etwa auf dem Unglücksfeld gelandet: ‚Ich teile
nicht mehr mit meiner Schwester; ich streite nur noch mit ihr.’ Sag, Bürschchen,
welcher Teufel hat dich geritten, dieses Feld anzuklicken? Willst du unsere
Familie zerstören?“
Peter dreht sich zur
Wand.
11
Warum die Mutter wirklich Bürgermeisterin werden will?
Irgendwo kräht ein
Hahn, Henriette wacht auf, und sofort rattern ihre Gedanken. Der Vater braucht
das Fahrrad zur Arbeit. Was für einen Beruf hat er? Fährt er morgens Brötchen
aus? Ist er Schiedsrichter beim Radrennen? Er soll nicht merken, dass sie seinen
Beruf nicht kennt. Sie muss so tun, als sei es die normalste Sache der Welt,
wenn sie hinten auf dem Dienstfahrrad von ihm zur Schule gefahren wird.
Im Flur streiten die
Eltern schon wieder. Henriette möchte nichts davon mitkriegen, aber sie sind so
laut. Peter schläft noch fest. Vielleicht hat er Heimweh und träumt von seinen
richtigen Eltern oder von einer superlangen Brücke zwischen Cuxhaven und
Helgoland. Das Hickhack zwischen diesen Eltern, die sie sich gestern im
Spiegelkabinett ausgesucht hat, ist wie ein Gewitter mit knopfgroßen
Hagelkörnern, die in Henriettes Kopf hineinprasseln. Wie Blitz und Donner
schlagen die zänkischen Worte ein. Wollen die Eltern sie etwa wieder ins Heim
stecken? Sie hat sie doch gerade erst gefunden. Hätte sie das geahnt!
„Du brauchst dir
nicht einzubilden, ich wüsste nicht, warum du Bürgermeisterin werden willst!“,
donnert der Vater, und die Mutter blitzt: „Nichts weißt du!“
„Und ob ich es weiß!
Ich bin längst dahinter gekommen. Ich bin nicht so dumm wie du denkst.“
„Dann sag es doch,
du Schnüffler!“
„Wenn du es hören
willst ... bitte!“
Was der Vater jetzt
sagen wird, könnte ein Geheimnis sein, deshalb hält sich Henriette
sicherheitshalber die Ohren zu. Aber ihre Neugier ist größer. Sie nimmt die
Finger wieder aus den Ohren und hört den Vater sagen: „... nur, weil du dir von
der Gemeinde unser Haus in deiner Lieblingsfarbe Grün streichen lassen willst.
Um Geld zu sparen, hast du das mit den grünen Gartenzäunen im Städtchen in dein
Wahlprogramm geschrieben. Du hast alle Kleinstädter damit betört, wie wunderbar
es wäre, grüne Gartenzäune zu haben. Und irgend jemand steckt hinter deinen
Machenschaften. Er hat auch Interesse daran, dass alles grün wird. Das ist
Wahlbetrug! Weil du unser Haus mit der Farbe Grün restaurieren lassen willst,
und nur, weil dieser Irgendjemand auch alles in Grün anmalen will, muss das
ganze Städtchen grüne Gartenzäune und grüne Häuser bekommen.“
„Willst du damit
sagen, ich würde aus Habgier handeln?“
Der Vater lacht
laut: „Du begnügst dich doch schon lange nicht mehr mit unserem Bungalow, du
willst höher hinaus, willst immer mehr Reichtum und Luxus!“
„Und du traust mir
zu, dass ich mich deswegen an der Gemeinde bereichere?“
Henriette hört ein
Scheppern. Die Mutter hat einen Teller auf den Boden geschmissen. So also
beginnt der zweite Tag in der neuen Familie. „Trau mir das ruhig alles zu. Du
wirst schon sehen, zu was ich noch fähig sein werde“, schreit die Mutter. „Jetzt
erst recht.“
„Psst, die Kinder.
Sie müssen das nicht mitbekommen“, flüstert der Vater.
„Das ist mir nun
auch egal.“
„Komm mal her,
Wilma. Wir haben uns doch alle lieb.“ Der Vater versucht jetzt bestimmt, die
Mutter zu küssen. Henriette stellt es sich genau vor. So etwas kennt sie aus
Filmen. Wenn Mann und Frau sich streiten, fängt immer einer an, sich zu
versöhnen. Manchmal will die Frau, manchmal der Mann. Manchmal klappt es,
manchmal nicht. Henriette hofft, dass es jetzt klappt. Aber die Mutter kreischt:
„Geh mir vom Leibe, Arthur!“, und der Vater beharrt: „Wir sind eine
Bilderbuchfamilie. So hat sich Herr Wabenweber uns doch ausgedacht.“
Henriette horcht
auf. Professor Wabenweber hatte sie im Spiegelkabinett getroffen, als sie sich
ihre Eltern aussuchte. Die kennen ihn also auch!
Peter rekelt sich
und gähnt. Henriette nimmt sich vor, ihm nicht auszuplaudern, was sie eben
gehört hat. Aber ansprechen will sie ihren Bruder trotzdem. „Vertragen wir uns
wieder?“, fragt sie ihn versöhnlich.
„Vertragen?“ Peter
stutzt. Jetzt erst scheint er sich an das Computerspiel zu erinnern. Richtig!
Seine Mutter hatte ihn gestern Abend überredet, auf das schwarze Feld zu
klicken. Da war ihm schon längst klar, dass hier ein seltsames Spiel gespielt
wird. Als er mit der Maus auf das Feld klickte, wusste er, was er damit
anrichten würde. Jetzt ist er mit seiner Schwester Spinnefeind und will seine
Rolle auch weiterspielen. Drum provoziert er: „Mit dir rede ich nicht!“
„Peter! So gemein
warst du noch nie zu mir.“
Von draußen ist die
messerscharfe Stimme der Mutter zu hören: „Und wenn wir uns scheiden lassen?“
„Scheiden? Bist du
des Wahnsinns?! Und die Kinder?“
„Die Kinder? Sie
bleiben bei mir. Das heißt, Peter bleibt bei mir. Henriette kannst du haben.“
Ist die gemein! Sie
kann der Vater haben! Wie sich das anhört! Sie ist doch kein Fangball! „Hier,
den kannst du haben!“ Henriette bereut, dass sie sich ausgerechnet diese Mutter
aus den verschiedenen Spiegelsplittern zusammengesetzt hat. Sollen sie sich doch
scheiden lassen! Dann bleibt sie halt beim Vater. Der ist wenigstens in Ordnung!
Macht Negerkussschlachten und nimmt sie auf dem Fahrrad mit zur Schule. Die mit
ihrem ‚Schokokuss’!
Peter kichert. „Hast
du das gehört? Dich will sie nicht. Da hast du dir ja eine schöne Mutter
ausgesucht. Ich bin ihr Liebling! Einen echten Gefallen hast du mir getan.
Bravo!!!“
Wütend trommelt
Henriette mit beiden Fäusten gegen seine Brust. „Blödes Muttersöhnchen!“ Peter
wehrt die Hiebe grob ab und schiebt seine Schwester vom Bett. Mit dem Hintern
quetscht er sie in den Papierkorb.
Die Mutter stürmt in
einem rosageblümten Morgenrock ins Zimmer. „Arthur, sieh dir das an. Deine
Tochter ist nichts als streitsüchtig.“ Dann ruft sie: „Ich hab’s! Wir trennen
die Streithähne für eine Weile.“
„Was hast du vor?“
„Mir wird schon
etwas einfallen.“
Wenn ich noch einmal
ins Spiegelkabinett dürfte, denkt Henriette, würde ich mir eine andere Mutter
aussuchen. Da hat sie auch schon eine Idee. Normalerweise erziehen Eltern ihre
Kinder. Aber wenn die Kinder sehen, dass ihre Eltern völlig daneben sind,
könnten sie dann nicht ihre Eltern erziehen?
12
Die Fahrradpartie
Der Vater betritt
geschniegelt und gebügelt in blauer Uniform das Kinderzimmer. „Guten Morgen,
Henriettchen. Gleich nehme ich dich wieder auf dem Fahrrad mit. Darauf freust du
dich doch immer, oder?“
Henriette freut sich
wirklich, aber auf was sie sich genau freuen soll, weiß sie beim besten Willen
nicht. Neugierig ist sie trotzdem. Gleich wird sie den Beruf ihres
Spiegelsplittervaters kennen lernen, und er wird sie auf dem Gepäckträger zur
Schule bringen! Wenn das nichts ist! Sie springt aus dem Bett, flitzt ins Bad,
waschen, Zähne putzen.
„Und wie kommt Peter
in die Schule?“ Henriette hat das mehr für sich gesagt, da hört sie die Mutter
rufen: „Kümmere dich um deine Angelegenheiten. Wir haben schließlich noch ein
Auto.“ Kann man denn in diesem Haus nirgendwo allein sein? Überall wird
Henriette von der Mutter belauscht.
Im Garten, auf dem
Weg zum Fahrradschuppen, ist sie endlich mit dem Vater ungestört: „Papa“, fragt
sie. „Eltern erziehen ihre Kinder, stimmt’s?“
„Ja, das stimmt.
Eltern sind älter, haben mehr Erfahrung.“
„Aber können denn
Kinder nicht auch ihre Eltern erziehen?“
Der Vater lacht:
„Na, das kann ich mir schlecht vorstellen. Wie soll das funktionieren?“
„Weiß ich auch
nicht. War nur so eine Idee.“
„Henriette, du bist
eine Träumerin.“ Die Mutter ruft: „Arthur, red kein dummes Zeug. Das Mädchen
wird wieder zu spät kommen.“
„Da hörst du’s. Sie
schimpft. Lass uns los.“ Henriette steigt auf den Gepäckträger. Bequem ist es
nicht, aber toll. Vielleicht fahren sie jetzt auf einen Bauernhof, wo der
Schäferhund weggelaufen ist, und der Vater hütet mit dem Fahrrad die Schafe.
Auf der Landstraße
geht es eine Weile bergab. Der Fahrtwind weht Henriette ins Gesicht, unter ihrem
Po ruckelt es. „Vati, dein Hinterrad eiert!“
„Ich versteh
nichts“, ruft der Vater zurück. „Mein Schutzblech klappert.“
Endlich sind sie am
Marktplatz von Dum angelangt. Henriette schaut sich die Dächer an. Auf einem
Balkon lässt sich ein Mann in einer Hängematte baumeln und liest unter einem
regenbogenfarbenen Sonnenschirm. Rote und blaue Blumen hängen wie ein Teppich
vom Balkon herab. Auf einer Dachterrasse planscht ein Kind in einem Gummibassin,
die Mutter sitzt in einem Liegestuhl und raucht eine Zigarette.
Vor einem großen
Gebäude in der Nähe des Marktplatzes hält der Vater an. Sie steigen ab, der
Vater lehnt das Rad an die Wand. Über dem Haupteingang hängt ein großes
Posthorn. Der Vater ist Postbote. Deshalb die blaue Uniform und die blaue Mütze.
Briefträger, findet Henriette, ist besser als ein Politiker im schwarzen Anzug,
der langweilige Reden hält und vor laufenden Fernsehkameras auf blöde Fragen
blöde Antworten gibt.
„Warte einen
Augenblick. Ich bin gleich wieder da.“ Nach einer Weile kommt der Vater wieder
heraus. Er hat eine große Ledertasche um die Schulter geschwungen, gefüllt mit
Briefen und Päckchen. Sie fahren wieder los. Am Lenker ist ein Brett befestigt.
Darauf stempelt der Vater während der Fahrt die Briefe mit einem blauen Stempel.
Schließlich muss Henriette rechtzeitig in der Schule sein.
Es sieht lustig aus,
wie er mit dem Stempel auf die Briefe klopft. Zack ... stempeldrauf ... zack ...
stempeldrauf. Auf einmal wird ein Brief vom Fahrtwind erfasst. „Verdammt!“ Gott
sei Dank presst der Wind den Brief an Henriettes Brust. Bevor sie ihn dem Vater
zurückgibt, schaut sie neugierig auf die Adresse. Das gibt es doch nicht! „An
Professor Wabenweber“, steht drauf. „Reinholdstraße 1.“
Gerne würde sie den
Brief behalten und heimlich öffnen, aber so was darf man nicht. Doch die
Adresse, die darf sie sich merken. Reinholdstraße 1, da wird sie noch heute
Nachmittag vorbeischauen.
Der Vater radelt die
Hauptstraße entlang. Er fährt ganz dicht an den Briefkästen der Häuser vorbei,
bremst kurz ab, balanciert auf dem Fahrrad, so dass er mit Henriette nicht das
Gleichgewicht verliert, steckt dabei schnell einen oder mehrere Briefe in den
Kasten und fährt weiter. Henriette darf keine falsche Bewegung machen, sonst
würden sie umkippen. Sie ist sehr stolz auf ihren Vater.
Auch beim
Fleischermeister Metzlein machen sie einen Abstecher. Dort müssen sie ein
Päckchen abliefern. Doch die verflixte Zeit. Die Schule beginnt gleich! Metzlein
hackt Koteletts. Das Fenster steht offen. Henriettes Vater wirft das Päckchen
hindurch, in dem Moment schlägt Meister Metzlein zu und zerhackt es in zwei
Teile.
Die Briefe sind
ausgetragen, die Päckchen auch. Der Vater wirft sich in die Pedale. Die letzten
Meter geht es bergauf. Henriette fragt den Vater, wie er und die Mutter sich
kennen gelernt haben.
„Wie oft soll ich
dir das noch erzählen?“, hechelt der Vater. In der Straßenbahn hatte er die
Mutter in einer Kurve mit Absicht angerempelt und sie nach der Uhrzeit gefragt,
obwohl er selbst eine Armbanduhr hatte.
Sie erreichen ein
Gebäude mit einer blauen Zwiebel auf dem Turm. Auf dem Hof tauschen Kinder
Karten, manche kicken sich gegenseitig eine zerbeulte Limodose zu. Die Ecken und
Kanten des Gebäudes sind krumm und schief, kein Stein sitzt gerade auf dem
anderen. Einige Wände sind mit blaugrünen Karomustern gestrichen. In einige
Karos sind Fenster eingelassen, aus anderen wachsen Bäume. Henriette vergleicht
die Schule mit der, die sie mit Peter in der Wirklichkeit besucht. Total
langweilig ist die. Alles graue, rechtwinkelige Außenwände, keine Bäume, die aus
den Fenstern wachsen.
Auf dem Spielplatz,
neben dem Schulgebäude, steht eine ausrangierte, schwarzrote Lokomotive, auf der
einige Kinder herumturnen. Vom Lokführerhäuschen führt eine Rutsche auf die
Wiese, etwas für Erstklässler, aber weiter hinten kann man auf einem langen
Hängeseil über einen Wassergraben balancieren. Das könnte Peter interessieren.
Vor dem Schulzaun,
auf der Kopfsteinpflasterstraße, wartet er schon mit der Mutter vor dem
orangefarbenen Trabant. Die Mutter umarmt ihn zum Abschied. „Sei fleißig in der
Schule und pass gut in Mathe auf. Du willst doch einmal Ingenieur werden und
Brücken bauen. Dazu musst du lernen ... viel lernen.“
Muttersöhnchen,
denkt Henriette. Das Muttersöhnchen bekommt einen Kuss von Vater und Mutter, die
Tochter nur einen Kuss vom Vater. Den drückt er ihr so heftig auf die Stirn, als
wären es drei Küsse. Die Mutter müsste man in ein Heim für schwererziehbare
Mütter stecken!
13
Das Mitmachbuch
Es klingelt zur
ersten Stunde. Alle rennen Richtung Schultor. Ein Schüler sagt: „Ab in die Aula!
Da liest gleich jemand eine Geschichte vor.“
Peter und Henriette
laufen den Kindern hinterher, die Treppe hoch. In der überfüllten Aula drängeln
sie sich durch Stuhlreihen. Lehrer ermahnen Schüler, rufen Namen, fuchteln mit
den Armen.
Scheinwerfer
beleuchten die Bühne. Eine Seitentür öffnet sich, ein spargeldünner Mann mit
einem Künstlerhut auf dem Kopf und eine dreimeterlange Parfumfahne hinter sich
herziehend, tritt heraus und steigt über das Treppchen auf die Bühne. Gerade wie
eine Kerze stellt er sich hinter das Pult. Die Schüler wollen gar nicht aufhören
zu klatschen. Ein Lehrer muss auf die Bühne klettern, um den siedenden Saal zu
beruhigen. Endlich kommt der Mann dazu, etwas zu sagen. Verlegen hüstelt er ins
Mikrofon: „Fast so stürmisch wie bei ‚Tokio Hotel’.“
Jetzt hat er die
Verliererkarte gezogen, befürchtet Henriette, und tatsächlich, wieder setzt
tosender Applaus ein. Dazu trampeln die Schüler mit den Füßen. Nach einer Weile
wird es still. „Ich heiße Schmitt-Ott mit vier T“, sagt der Mann. „Ich möchte
euch heute den Anfang eines Buches vorlesen.“ Das Buch, erzählt er, hat er auf
dem Krabbeltisch eines Antiquariats entdeckt. „Die Geschichte zweier Kinder,
äußerst spannend. Ihr könnt sie euch selbst zusammenbauen.“
„Ein Buch zum
Selbermachen? Wie soll das gehen?“
„Ich lese euch die
erste Seite vor. Dann seid ihr dran. Einverstanden? Seid ihr bereit?“ Und Herr
Schmitt-Ott beginnt. „Ein Mädchen von zwölf Jahren“, liest er,
„sommersprossig und rothaarig, radelt mit ihrem Freund zur Landzunge, dort, wo
auf der gegenüberliegenden Insel die Kathedrale emporragt.“ Bei dem Wort
‚Kathedrale’ zuckt Henriette zusammen. Sie stößt Peter an. Der flüstert: „Das
weiß ich doch alles schon vom Computerspiel, dass uns hier jemand kennt.“
„Wer soll uns noch
kennen.?“
„Er hat sich heute
morgen bei meinem letzten Klick vorgestellt. Er heißt Mister Ron Green, und er
hat uns aus der wirklichen Welt in die Fantasiewelt gebracht.“
„Den Namen habe ich
doch schon einmal gehört.“
„Ja, na und? Mutti
hat ihn erwähnt. Er ist ihr Verbündeter.“
„Was hat er mit uns
vor, dein Mister?“
„Keine Ahnung. Auf
alle Fälle scheint es spannend zu werden.“
„Die Welt von Mister
Ron Green sieht bestimmt anders aus als die Welt von einem, der Bücher schreibt.
Ich jedenfalls vertraue keinem Mann aus einem Computerspiel.“
„Ich ja. Ich
vertraue Mister Green, wenn du es genau wissen willst, denn er ist eine
Comicfigur, und ich mag Comics.“
Der Vorleser liest
inzwischen weiter aus dem ‚Mitmachbuch’ vor. „Der Junge entdeckt im Schilf
einen alten Kahn und schlägt vor, zur Insel zu rudern, doch ein Gewitter braut
sich zusammen. Seine Freundin traut sich nicht überzusetzen.“
Herr Schmitt-Ott
hebt den Kopf und fragt nun sein Publikum: „Na, was denkt ihr? Was sollen die
beiden tun?“
Henriette kann sich
noch genau an den schwarzgeteerten Kahn und an das Gewitter auf Riotannen
erinnern. Für ihre Mitschüler bleibt das alles ein lustiges Spiel. Aus dem
Dunkel der Aula werden Vorschläge gerufen. „Das Mädchen könnte mit ihrem Freund
auf die Insel rudern, und im Wasser wären lauter Krokodile und Wasserschlangen
...“ - „... genau, eine Wasserschlacht entsteht“, spinnt ein anderer weiter.
Einem Mädchen fällt ein: „Ein Krokodil schnappt zu, und der Junge steckt ihm das
Ruder ins Maul, so dass es nicht mehr zubeißen kann, und das Mädchen macht in
die Wasserschlangen einen Knoten, damit sie nicht mehr würgen können.“
Herr Schmitt-Ott
schüttelt sich. „Da wird einem ja Angst und Bange bei euren Vorschlägen. Ein
waghalsiges Unternehmen, aber gut, dann lese ich auf Seite 22 weiter?“ Er
zögert: „Oder sollen die beiden umkehren? Dann würde ich zur Seite 13
zurückgehen.“
„Jaaa!!! Seite 13“,
rufen zwei Schülerinnen, denen das Ganze nicht geheuer ist. „Umkehren!“
„Neeein!“, rufen
andere.
Es wird abgestimmt.
Eine knappe Mehrheit ist dafür, dass der Junge und das Mädchen umkehren. Der
Vorleser lässt sich darauf ein. „Die beiden Freunde radeln durch Blaubeer-
und Preiselbeersträucher zurück. Endlich sehen Sie die Hütte, wo das Mädchen mit
ihrem Großvater wohnt. Auf der Veranda steht er, der Opa. ‚Schon zurück?’ ruft
er von weitem. „Er hat aber nicht lange gedauert, euer Ausflug! Ich habe noch
nicht einmal mit dem Spaghettikochen angefangen.“
„Und weiter?“
„Nichts weiter“,
lacht Herr Schmitt-Ott. „Die Geschichte ist hier zu Ende.“
Henriette ruft mutig
dazwischen: „Nein! Lesen Sie die Seite 22. Bitte!!! Die Fahrt darf auf keinen
Fall zu Ende sein. Der Junge in der Geschichte ist nämlich Brückenbauer und kann
eine Brücke bis zur Insel über die Krokodile und Schlangen hinweg bauen. Lesen
Sie diese Seite! Es wird bestimmt eine aufregende Reise.“
Sie staunt über ihre
Fantasie, mit der sie bei diesem Spiel nachträglich ihre Geschichte verändern
kann. Die Idee mit der Brücke findet sie richtig gut.
Herr Schmitt-Ott
liest nun vor, wie die beiden Kinder aus dem Mitmachbuch über eine Hängebrücke
nach Riotannen gelangen. Immer wieder geraten sie an Weggabelungen, von wo aus
die Geschichte anders weiter erzählt werden kann. Die Schulkameraden wählen
andere Wege, als sie Peter und Henriette gegangen sind. Eine Schülerin aus der
6a ist dafür, dass der Junge mit ins Spiegelkabinett geht und seiner zukünftigen
Schwester dabei hilft, Eltern auszusuchen, die zusammenpassen und gut zu ihren
Kindern sind.
Macht nichts, denkt
Henriette. Dazu ist es nun einmal nicht gekommen. Man muss jetzt das Beste
daraus machen.
In der Geschichte,
die die Mitschüler erzählen, hat der Vater keine grüne Haarsträhne, er trägt
einen langen Pferdeschwanz. Die Mutter ist eher mager.
Auf einmal heulen
die Sirenen. Feueralarm. Herr Zühlke springt auf die Bühne: „Flink auf den
Pausenhof, wie wir es geübt haben.“
Alle gehen brav in
Zweierreihen die Treppe runter auf den Pausenhof. Henriette stemmt sich gegen
den Strom der Schüler. Mit den Ellenbogen bahnt sie sich einen Weg zum Podium
und springt hinauf. Herr Schmitt-Ott blättert noch in dem Buch. Er blickt auf,
als er das Mädchen hört. Verwundert sieht er sie über seine Brille an.
„Bitte“, fleht
Henriette, könnten Sie mir das Buch bis morgen leihen?“
Herr Schmitt-Ott
freut sich über das große Interesse und macht ihr ein super Angebot: „Wenn dich
die Geschichte neugierig gemacht hat, schenke ich es dir.“ Er überreicht ihr das
Buch.
Henriette ist so
froh über das Geschenk, dass sie gar nicht weiß, was sie tun soll. Aus
Verlegenheit macht sie einen Knicks, obwohl das nun wirklich altmodisch ist.
Überglücklich hüpft sie mit dem Buch hinunter auf den Pausenhof.
Leider hat sie noch
nie eine Schule brennen gesehen, aber gerade bei dieser wäre es schade. Das
schiefe Dach, die blaue Zwiebel über dem Lehrerzimmer, die Fassade mit den
gemalten Karos, das darf nicht zerstört werden. Aber es brennt ja auch nicht.
Der Hausmeister kommt mit seinem Dackel im Arm hüstelnd auf den Hof gelaufen.
Der Dackel kläfft. Im Mundwinkel des Hausmeisters qualmt eine Zigarre. Der Qualm
hat den Rauchmelder ausgelöst, und daraufhin heulte die Feuersirene durch das
Gelände.
Henriette beschaut
sich den Umschlag des Buches. Nirgendwo der Name des Verfassers. Nur ein großes
WW. Diesen WW muss sie unbedingt aufspüren, wer immer das auch sein mag. Peter
und sie - Figuren einer Geschichte! Nur der, der sie geschrieben hat, weiß, wie
sie da wieder aussteigen können.
WW – was soll das
bloß bedeuten? ...
14
Der Bücherturm
Als die Feuersirene
zur Entwarnung schrillt, werden Peter und Henriette plötzlich wie von einem
Glitzerregen geblendet. Taumelig und trudelig wird ihnen vor den Augen; es ist
als, stürzen sie im freien Fall und drehen sich dabei immer um die eigene Achse.
Federnd treffen sie auf einem Untergrund auf. Da begreifen sie: Sie sind in dem
Traum gelandet, den sie die ganze Zeit träumen. Sie sind nun nicht mehr fremd in
diesem Palast voller Illusionen, sondern kennen sich darin aus. Sie wissen, wer
die grellblondgefärbte Frau an der Treppe ist, die aufpasst, dass die Schüler in
Reih und Glied zurück in ihre Klassen gehen. „Frau Müller-Ditfurth“, fragt
Henriette die Lehrerin. „haben wir jetzt noch Rechnen?“
Peter mischt sich
ein. „Au ja!“
Streber, denkt
Henriette. Die Lehrerin lächelt: „Ja, wir schreiben sogar einen Test“, und zu
Henriette: „Aber keine Angst, es wird nicht schwer.“
Peter und Henriette
wissen, wo ihre Klasse ist. Ohne zu zögern, setzen sie sich an den Tisch neben
dem Waschbecken. Peter packt seinen Frühstücksbeutel aus und legt eine
Apfelsine, zwei Schinkenkäsecroissants und einen Apfel neben seine Federtasche.
So etwas Gemeines! Ihm hat die Mutter das mitgegeben, ihr nicht. Neidisch
schielt sie auf Peters Tischhälfte.
Peter ahnt, dass
seine Schwester betteln wird. „Hättest ja selbst dran denken können.“.
„Warum teilst du
nicht mehr?“
„Mister Green hat es
mir untersagt.“
„Was hat er dir
dafür versprochen?“
Peter errötet
leicht: „Gar nichts. Nur so. Ist doch alles nur ein Spiel.“
„Los, sag! Was hat
er dir versprochen?“
Peter beginnt zu
stammeln: „Er ... hat gesagt, dass ich reich werde, sehr reich ... wenn ich
Teilhaber in seiner Computerfirma werde.“ Er winkt ab. „Egal. Geht dich nichts
an.“
Er nimmt sein
Deutschbuch und legt es in die Mitte des Tisches. „Ppph!“ macht Henriette. „Das
hat dir wohl auch dein Mister Green eingeflüstert. Gut, dann spiele ich halt
mit.“ Sie legt ihr Physikbuch auf das Deutschbuch. „Herr WW hat bestimmt nichts
dagegen.“
„WW? Wer ist das
denn schon wieder?“
„Der Schreiber der
Geschichte, die wir eben gehört haben. Ich weiß noch nicht, wie er wirklich
heißt, aber ich werde es herauskriegen.“
Frau Müller-Ditfurth
beginnt mit dem Mathetest. „Was ist die Wurzel aus 120?“
Gekratze von Füllern
ist zu hören. Warum ‚Wurzel’? Pflanzen haben Wurzeln, aber doch keine Zahlen!
Eine Zahl ist keine Pflanze. Henriette würde gerne über Zwiebelwurzeln von
Tulpen schreiben, doch die sind hier nicht gefragt. Sie versucht, bei Peter
abzuschreiben. Der holt das Religionsbuch und das Biologiebuch aus seiner Tasche
und legt sie auf das Physikbuch. Als Henriette den Hals reckt und über den
Bücherturm blinzeln will, schiebt er sein Heft weiter weg.
Idiot! Dann guckt
sie eben nicht bei ihm ab.
Die Lehrerin diktiert weiter. „Was ist 13 mal 26?“
So eine blöde Frage
auch!
Henriette weiß, was
ein Muttermal ist und was ein Mahnmal ist, aber 13 mal 26, was soll das
sein? Alles dumme Auspuffgase aus dem Hirn eines superschlauen Mathematikers.
Henriette
beschließt, in dem Mitmachbuch zu lesen.
Frau Müller-Ditfurth
diktiert ihre sinnlosen Aufgaben, Henriette ist alles egal. Sie wird ein weißes
Blatt abgeben. Sie starrt auf das Titelblatt des Mitmachbuches. Ein Junge geht
zum Schießstand, ein Mädchen betritt das Spiegelkabinett. Sie sind gerade auf
dem Rummel angekommen.
Über dem Bild steht
WW. Sie dreht das Buch auf den Kopf. Die Fenster des Spiegelkabinetts sehen wie
zwei Augen aus, die Tür wie eine Nase, die Treppe zur Tür wie ein Mund. Der
Schatten des Hauses erscheint wie ein struppiger Bart.
Henriette blinzelt,
alles wird verschwommen. Sie erkennt das Gesicht eines bärtigen, alten Mannes.
Über dem Bild steht jetzt nicht mehr WW, sondern MM. Hundert Gedanken wirbeln
ihr durch den Kopf. WW – MM! Henriette tippt mit dem Zeigefinger an die Stirn.
Natürlich! MM – das ist das Doppel-M in Opa Himmelheber. MM wie Hi-MM-elheber.
Er hat sich die Geschichte ausgedacht.
Und WW, das ist
bestimmt Professor W–aben–W–eber. Er sieht dem Großvater sehr ähnlich, das war
Henriette schon im Spiegelkabinett aufgefallen. Und wenn der Großvater sich auch
in seine eigene Geschichte eingeschlichen hat und jetzt als Herr Wabenweber
mitspielt? Das wäre toll! Henriette muss Herrn Wabenweber unbedingt besuchen.
Seine Adresse hat sie: Reinholdstraße 1.
Jemand herrscht sie
an. „Was soll das? Du schläfst im Unterricht und schreibst nicht mit. Das gibt
einen Eintrag!“
Henriette ist es
alles andere als egal, dass die Müller-Dittfurth einen Eintrag macht. Wenn das
die Mutter erfährt, gibt es wieder Ärger. Henriette kann daran jetzt auch nichts
ändern. Die Lehrerin schreibt bereits eine Notiz ins Klassenbuch, da klingelt es
zum Schulschluss. Auf dem Weg nach draußen stöhnt Henriette: „Ich habe keinen
Bock mehr auf die Mistschule.“
Das hat sie nur so
dahin gesagt, sie weiß allein, dass sie nicht so einfach die Schule schwänzen
kann. Aber wirklich, diese ewigen Einträge ins Klassenbuch sind zum Abwinken,
und dann Peter als Nachbar ist auch nicht lustig.
Der blonde Ferdinand
mit dem Wuschelkopf hat gehört, was Henriette gesagt hat. Er kommt auf sie zu
und hält ihr eine Streichholzschachtel entgegen. „Was hältst du von mindestens
einer Woche schulfrei mit Garantie?“
„Wie, mit Garantie?“
Er öffnet die
Schachtel. Henriette sieht lauter Punkte, die sich bewegen. „Was ist das?“,
fragt sie.
„Schwangere Läuse.
Das Gramm zwei Euro.“
Henriette überlegt
nicht lange: „Gebongt. Die kauf ich.“
Ferdinand kippt die
Schachtel auf Henriettes Kopf aus und verreibt alles. Henriette hält sich die
Nase zu. Vor dem Schultor wartet ihr Vater mit dem Postfahrrad. Er trägt keine
Uniform mehr, sondern begrüßt seine Tochter im Freizeitlook: Eine Socke blau,
die andere grün. Er trägt wieder die karierten Shorts, dazu einen
blauweißgestreiften Seemannsnicki und ein weißes Baseballkäppi, verkehrt herum.
Seine grüne Haarsträhne hängt sorgfältig gekämmt durch den Schlitz. „Wie war die
Schule?“, empfängt er seine Tochter.
„Spitzenmäßig“,
flunkert Henriette. „Mir juckt der Kopf.“
15
Die Geheimnisträgerin
Auf der Fahrt tippt
Henriette ihrem Vater an den Rücken: „Stopp! Da ist ein Blumenladen, ich muss
Blumen kaufen.“
„Wem willst du denn
Blumen schenken?“
„Wem wohl? Mutti
natürlich. Du weißt doch, ich will sie zu einer lieben Mutter erziehen.“ Der
Vater bremst. Henriette steigt ab und lässt sich von der Verkäuferin fünf rosa
Pfingstrosen einpacken. Der Vater bezahlt, dann geht’s weiter.
Die Verständigung
zwischen den beiden ist wegen des klappernden Schutzbleches nicht so gut. So
viel bekommt der Vater mit: Henriette will der Mutter durch kleine
Aufmerksamkeiten das Herz erweichen, anstatt ebenfalls grob und herzlos zu sein.
Peter und die Mutter
sind bereits zu Hause, Peter wurde wieder mit dem Auto abgeholt. Sie sitzen in
der Küche. Peter trinkt Kakao, die Mutter Kaffee. „Mutti“, strahlt Henriette
übers ganze Gesicht und hält die Blumen hinter ihrem Rücken versteckt. „Ich hab
was für dich.“
Die Mutter guckt
misstrauisch. „Was willst du denn schon für mich haben? Zeig her, und mach’s
nicht so spannend.“
Henriette zieht den
Strauß hinter ihrem Rücken hervor und hält ihn freudestrahlend der Mutter
entgegen.
„Oh, Blumen.“, Sie
runzelt die Stirn: „Du hast doch bestimmt etwas ausgefressen, sonst würdest du
dich nicht bei mir einschmeicheln.“ Sie wendet sich an Peter. „Sag, hat sie
wieder was angestellt?“
„Sie hat einen
Eintrag bekommen.“ Sein schlechtes Gewissen ist ihm wie dicke Schminke ins
Gesicht gemalt.
Oh, ist der fies!
Auch die Mutter ist gemein: „Du wolltest mich also bestechen! Damit ich den
Eintrag vergesse, schenkst du mir Blumen? Aber wenn du denkst, ich werde sie
wegwerfen, irrst du dich. Was können die Blumen dafür?“
Die Mutter wickelt
die Rosen aus und stellt sie in eine Vase. „Los, gib ihnen Wasser.“
Henriette würde der
Mutter am liebsten mit beiden Fäusten gegen die Brust trommeln. „Du bist die
misslungenste Mutter der Welt! Ich wünschte, ich wäre dir niemals begegnet.“
Aber sie traut sich
nicht. Piesacken möchte sie die Mutter aber schon. Sie weiß auch, womit sie
auftrumpfen kann. „Mutter, es juckt mich am Kopf!“
„Um Himmelswillen,
mach keine Dinger!“, stößt die Mutter hysterisch aus. „Läuse! Mein Gott, wo hast
du die her?“
Jetzt bloß nicht die
Wahrheit sagen und Ferdinands Streichholzschachtel erwähnen. Sie zieht es vor zu
lügen: „Ich war nach der Schule noch bei der Kleiderjule und habe nach einem
Pullover gesucht.“
Das hätte sie lieber
nicht sagen sollen! Die Mutter schießt sofort zurück. „Wie oft habe ich dir
gesagt, deine Kleider nicht bei dieser Trödlerin zu kaufen. Jetzt hast du den
Salat! Die Lösung ist ganz einfach. Ab zum Glatzenschneider.“
Henriette bekommt
glasige Augen. Das kann die Mutter doch nicht machen! Ihr den Kopf kahl rasieren
zu lassen. Die schönen Locken! Der Vater nimmt seine Tochter in Schutz: „Wilma,
Glatzen hat man zu Zeiten unserer Großväter geschnitten, heute gibt es
Läusepulver. Wir haben sogar noch welches da. Damit werden wir Henriette
einpudern, und nach ein paar Tagen ist der Spuk vorbei.“
Die Mutter
protestiert: „Dass du deiner Tochter immer Recht geben musst“, aber schließlich
gibt sie klein bei. Sie will sich jetzt für den Besuch bei der Nachbarin fein
machen und verlässt die Küche. Nach einer Weile kommt sie schick umgezogen
wieder. Ihr ist noch etwas eingefallen. „Du bist doch nicht böse, wenn ich die
Blumen als Geschenk mitbringe?“
Jetzt denkt Frau
Schmutz-Wiedemann, die Mutter hätte den Strauß besorgt. Wütend verzieht sich
Henriette in ihr Zimmer. Ihr Kleiderschrank ist komplett ausgeräumt. Alle
Blusen, Kleider und Jeans sind kreuz und quer auf ihrem Bett ausgebreitet.
Obendrauf liegt ein Zettel: „Wenn du essen willst, räume erst auf, wie es sich
gehört.“
PS. Und alle
Klamotten von der Jule schmeißt du umgehend in die Tonne, verstanden, Fräulein!“
Henriette ist der
Appetit längst vergangen. Doch was bleibt ihr übrig als zu gehorchen? Die Mutter
sitzt sowieso am längeren Hebel. Zwei Stunden braucht Henriette zum Ordnen,
Falten und Zusammenlegen. Von der Plüschhose und der lilaschillernden Jacke kann
sie sich nicht trennen. Sie versteckt beides zusammengeknüllt in Plastiktüten
unterm Bett. Dort sollen sie auf bessere Zeiten warten.
Jetzt hat sie ihre
Ruhe. Schularbeiten braucht sie nicht zu machen. Zur Schule muss sie nächste
Woche bestimmt nicht. Das hatte ihr Ferdinand versprochen.
Henriette legt sich
aufs Bett, um im Mitmachbuch weiter zu lesen. Auf Seite 73 hatte Herr
Schmitt-Ott vorhin aufgehört. Dort schlägt sie es auf. Ihre Doppelgängerin in
der Geschichte macht genau dasselbe. Sie liegt auf dem Bett und liest, aber
Henriette ahnt, dass es ihr Großvater war, der diese Sätze geschrieben hat: „Das
Mädchen liegt auf dem Bett und ist traurig. Es fühlt sich wie im Märchen. Die
Mutter ist die zornige Stiefmutter, die sie nur schlecht behandelt. Sie wollte
das Herz der Mutter erziehen, es mit Überraschungen erweichen. Sie hat ihr
Pfingstrosen mitgebracht, doch die Mutter freute sich nicht darüber und
verschenkte sie weiter.
Soll die Tochter
weiterhin versuchen, sie zu erziehen und ihr Blumen und Pralinen schenken? Dann
lest weiter auf Seite 81.
Oder soll das
Mädchen nach anderen Wegen suchen? Dann schlagt die Seite 99 auf.“
Nein, erziehen
möchte Henriette die Mutter nicht mehr. Davon hat sie die Nase voll. Sie
blättert weiter zur Seite 99: „Das Mädchen vergisst alles um sich herum.
Ihre Augen sind auf die Seite fixiert, sie verfolgt gefesselt das Band der
Buchstaben; Bilder entstehen in ihrem Kopf, und diese Bilder fangen an, sich
hinter den Buchstaben zu bewegen. Es ist, als schaue sie durch ein Schlüsselloch
in eine andere Welt. Dort sieht sie ihren Bruder und ihre Mutter am Computer.
Versteckt hinter der Buchseite, blinzelt sie zu den beiden hinüber.
Das Mädchen guckt
durch die Buchseite hindurch. Sie bekommt mit, wie aus dem Monitor des Computers
ein Strichmännchen aussteigt und den beiden mit einer metallenen Stimme
zuwispert: „Ich unterbreite Ihnen, sehr verehrte Frau Mutter dieses
Musterknaben, ein prächtiges Angebot. Wenn Sie meine Interessen vertreten, mache
ich Sie trotz Ihrer Wahlniederlage zur Bürgermeisterin von Dum, und dann werden
Sie bald in einem Palast mit Dienern und Dienstwagen wohnen, er wird noch größer
und prächtiger als die Villa von Schmutz-Wiedemann sein, und du, Junge, kannst
dir vornehmen, was du willst, es wird dir gelingen ... wolltest du nicht schon
immer Ingenieur werden?“ Das Männchen lacht blechern.
„Was müssen wir
dafür tun, Mister Green?“
„Ihr müsst das Feld
‚Das geteilte Zimmer’ mit der Maus anklicken.“
„Was versprechen Sie
sich davon?“, fragt Peters Doppelgänger.
Mister Ron Greens
Augen, zwei Glühbirnen, blinken auf: „Meine Green Computerspiel Company wird,
wenn schon nicht in Ganz-Dum aufblühen, so doch wenigstens in einem Teil, und
zur Belohnung, dass Sie, verehrte Dame, mir dies ermöglichen, unterstütze ich
mit viel, viel Geld die ‚Waldmeisterpartei’ und bezahle den Anstrich aller Zäune
und Häuser von Dum in Grün, denn Grün ist doch Ihre Lieblingsfarbe, nicht wahr?
Grün ist auch die Farbe meiner Green Computerspiel Company. Es war doch schon
immer ihr Traum, einen grünen Palast zu besitzen, nicht wahr?“ Das Männchen
winkelt seine Drahtarme an und stemmt sie triumphierend in die Seiten. Dann fügt
es hinzu: „Und du Junge ... Brückenbauer ... ist das nicht was?“
„Geteiltes Zimmer?
Das ist ein heikler Schritt“, sagt die Mutter. „Mein Mann wird etwas dagegen
haben. Lassen Sie uns Bedenkzeit bis morgen früh.“ Der Junge fragt skeptisch:
„Wenn mir bei Ihrem Deal alles gelingen wird, geschieht das nicht auf Kosten
anderer?“
„Wer hat dir das
denn eingeredet? Du musst bei mir nicht mit den Ellenbogen boxen, um
Brückenkonstrukteur zu werden. Also, bis morgen früh müsst ihr euch entschieden
haben.“
Henriette ist den
Machenschaften des Mister Ron Green endlich auf die Schliche gekommen. Peter und
die Mutter sollen auf das Feld ‚Das geteilte Zimmer’ klicken. Jetzt wird es
heikel. Henriette ist zu einer Geheimnisträgerin geworden! Sie liest die Seite
zu Ende. „Wenn dir egal ist, ob das Unglücksfeld angeklickt wird, gehe zurück
auf Seite 7. Wenn du morgen neue Blumen für deine Mutter kaufen möchtest und
einen erneuten Versuch starten willst, sie zu erziehen, lese die Seite 61. Du
kannst aber auch alles Mögliche tun, damit das Feld: ‚Das geteilte Zimmer’ nicht
besetzt wird. Wenn du das willst, schlage Seite 113 auf.“
Henriette will das
auf alle Fälle verhindern. Sie liest weiter auf Seite 113. Auf einmal wird sie
müde. Mitten im Lesen schläft sie ein.
16
Das geteilte Zimmer
Henriette wird von
lauten Stimmen geweckt. „Arthur, ich will nicht, dass du mit Henriette Briefe
austrägst, bis sie in einer Woche wieder in die Schule darf. Solch einen Unfug
soll sie gar nicht erst lernen. Das fällt später alles auf mich zurück.“
„Und wie soll sie
bitte sehr in Zukunft in die Schule gelangen? Nimmst du sie etwa in deinem Auto
mit, das ich immer reparieren darf?“
„Nein, ich habe
keinen Platz. Neben Peter sind die Campingstühle verstaut. Da ist wirklich kein
Platz mehr für deine mollige Tochter.“
Warum ist die Mutter
so ungerecht!? Sie sind ja schließlich auch zu viert in ihr neues Zuhause
gefahren, als die Eltern sie und Peter vom Rummelplatz abgeholt haben! Die
Mutter gibt noch eins drauf: „Sie ist deine Tochter. Du hast sie dir schließlich
gewünscht. Ich wollte von vornherein nur einen Jungen.“
„Du wolltest nur
einen Jungen!? Dass ich nicht lache! Du hast doch immer gesagt: ‚Ich wünsche mir
so sehr Kinder. Mein sehnlichster Traum. Ich möchte eine Tochter und einen
Sohn.’ Und siehst du, in unseren Träumen haben wir diese Kinder. Es sind
Bilderbuchkinder, und du bist auch nicht zufrieden.“
Der Vater spricht
jetzt leiser, aber Henriette versteht alles: „Professor Wabenweber, der
Traumdeuter, hat unsere Träume in unseren Augen gelesen und sie aufgemalt.
‚Heiteres Familienglück bei Schmökewitz’, heißt das Bild. Sieh nur, über dem
Fernseher hängt es: Glatzköpfig, mit goldenen Ohrringen behangen, stehe ich da
in karierten Shorts und roter Weste; daneben du, mit dem engansitzenden
Minirock. Zwischen uns Peter und Henriette. Peter hat braune Locken, Henriettes
rote Haare fallen in ihr sommersprossiges Gesicht. Und da willst du mir
weismachen, dass du dir keine Tochter gewünscht hast? Jetzt haben wir endlich
diese Traumkinder, und du sprichst immer von meiner Tochter.“
„Ach, Arthur, das
ist alles schon so lange her. In diesen Tagen habe ich ganz andere Probleme.“
„Ich weiß, die
Politik“, schnauft der Vater.
Die Mutter will
nicht mehr über ihre Träume von damals sprechen, sie interessiert sich vielmehr
für das Computerspiel. Sie schleicht ins Kinderzimmer, der Vater folgt auf
Zehenspitzen.
„Mal sehen, wo Peter
im Spiel stehen geblieben ist“, sagt die Mutter. Henriette wird hellhörig, denn
ihre Stimme, findet Henriette, klingt auf einmal so falsch. „Sieh dir das an! Er
ist tatsächlich auf dem Feld gelandet.“
Der Vater fasst sich
an die Stirn: „Er hat unmöglich weiterspielen können. Ich habe das Spiel über
Nacht aus dem Kasten herausgenommen und im Flur auf die Kommode gelegt.“
Die Mutter tut so,
als hätte sie gar nicht zugehört. „Weißt du, was das heißt, das ‚Geteilte
Zimmer’?“ fragt sie ihren Mann. „Du musst den beiden jetzt eine Wand in ihr
Zimmer bauen. Spiel ist Spiel. Du weißt doch, eine Grundregel beim
Kleinstadtspiel ist es, sich jedem Spielschritt unterzuordnen und auszuführen,
was der Klick einem aufträgt. Deine Aufgabe ist es jetzt, ein Regal als
Raumteiler zu zimmern.“
Der Vater will davon
nichts wissen. „Nur du kennst das Versteck in der Kommode!“, sagt er
vorwurfsvoll.
„Ich?!!! Willst du
den Kindern und mir weismachen, dass ich das war?“
Henriette weiß noch
gar nicht, was das alles bedeutet. Ein Regal durch das Kinderzimmer wie eine
Grenze? Könnte sie den Computer beherrschen, würde sie von Feld zu Feld
zurückklicken und alle Streitigkeiten rückgängig machen.
Sie springt auf und
schreit: „Ich will das nicht. Keine Wand zwischen Peter und mir!“
Peter wird wach.
Verschlafen gähnt er: „Was ist los?! Mutter, hast du etwa? ...“
Die Mutter bleibt
ganz ruhig. „Seht, ihr beiden, das genau ist der Sinn der Schrankwand in der
Mitte eures Zimmers. Wenn ein Freund oder eine Freundin euch besucht, stört euch
niemand...“
„... aber das ist
der Untergang der Familie“, stöhnt der Vater. „Wir waren immer so harmonisch
zusammen ... was heißt, waren? Wir sind immer noch die beste Familie der Welt!
Wir können den Klick noch rückgängig machen.“
„Nein, Arthur, was
einmal im ‚Kleinstadtspiel angeklickt ist, bleibt so. Wie beim Schach:
Losgelassen ist gesetzt!“
Peter denkt daran,
was Henriette gesagt hat, als er zum ersten Mal das Kleinstadtspiel spielte. „Es
wird Unheil bringen!“ Verliert er sie jetzt als Schwester im Spiel und als
Freundin im wirklichen Leben?
Der Vater muss jetzt
ran. Leise vor sich hin schimpfend holt er aus dem Schuppen Bretter und Nägel
und beginnt zu hämmern. Verstohlen beobachtet Henriette das Gesicht ihres
Bruders. Ob er jetzt alles bereut? Schweigend schaut er dem Vater hinterher. Der
kommt mit einem Stapel Bretter unterm Arm zurück und traut sich nicht, seinen
Kindern in die Augen zu schauen. „Ich kann auch nichts dafür“, sagt er leise.
„Ich muss machen, was das Spiel vorschreibt, da hat eure Mutter schon recht.“
Während er hämmert
und schraubt, gibt ihm seine Frau strenge Kommandos: „Pfusch nicht so! Dort
guckt noch ein Nagel heraus, an diesem Splitter kann sich Peter Löcher in die
Hosen reißen.“
Nagel um Nagel
klopft der Vater in die Bretter, allmählich sieht das Ganze wie ein Regal aus.
Ein Raumteiler mitten im Zimmer! „Räumt jetzt eure Sachen in die Fächer“,
fordert die Mutter Peter und Henriette auf. Beide bleiben bockig auf ihren
Betten sitzen.
„Was!? Ihr wollt
nicht?“ Die Mutter ergreift Kräne und Bagger und stellt sie auf Peters Seite. In
Henriettes Fächer setzt sie Puppen und ordnet Bücher ein. In der Mitte des
Regals bleibt ein Loch zum Gute-Nacht-Sagen.
Die Mutter schaut
ihre Kinder an. Sie schweigen. „Was habt ihr? Seid ihr nicht begeistert? Das ist
doch eine prima Idee von dem Erfinder des Computerspiels.
Peter traut sich als
erster. „Mutti, ich will in der Hälfte von Henriette bleiben.“
„Kommt nicht in
Frage. Du bleibst auf meiner Seite, deine Schwester bei deinem Vater. Dich werde
ich auf eine höhere Schule schicken. Du wirst die höchsten und längsten Brücken
der Welt bauen. Das hat dir der Meister versprochen. Wirst sehen, mein Junge,
dir wird alles gelingen, wenn du auf unserer Seite bleibst.“ Und mit einem
flüchtigen Seitenblick zu Henriette: „Du wirst vielleicht Postbeamtin hinter
einem Schalter. Das ist schließlich auch etwas.“
Jetzt reicht es.
Henriette platzt der Kragen. Jetzt wird sie es der Mutter geben. „Wenn du es
genau wissen willst, allerliebste Mutter, ich werde einmal Sternenpflückerin und
werde jedem Einwohner von Dum einen Stern auf den Kopf fallen lassen.“
„Träum nur weiter“,
lacht die Mutter.
„Henriette will dir
sicher sagen, dass sie uns Glück bringen will.“ Der Vater streicht seiner
Tochter über den Kopf. Lächelnd schaut er sie an. „Ihr seid ja nicht den ganzen
Tag getrennt. Schon beim Essen seht ihr euch wieder.“
„Mach Ihnen keine
falschen Hoffnungen, Arthur. Ich muss dir etwas gestehen. Ich habe auch auf
weitere Felder geklickt. Ich erzähle es dir draußen.“ Sie zieht den Vater in den
Flur und schließt hinter sich die Tür.
Henriette guckt
Peter entsetzt an. Ist die Mutter denn ganz verrückt geworden, andere Felder
anzuklicken?! Was hat sie nun bloß wieder angestellt?
Die Tür wird wieder
aufgestoßen. Die Mutter steht in ihrer ganzen Fülle im Türrahmen: „Eines habe
ich noch vergessen. Es wird euch gut tun, für eine Weile getrennt zu sein, ihr
habt euch sehr gestritten in den letzten Tagen.“ Sie leiert das ganze Alphabet
ihrer Erziehungsmaßnahmen herunter. „Ihr dürft von nun an kein Wort mehr
miteinander reden. Überprüfen wird euch ein Tonbandgerät, das ich abends abhören
werde. Wehe, da ist ein Wörtchen drauf! Also, ab jetzt keinen Mucks mehr!“
Die Mutter schließt
wieder hinter sich die Tür, Henriette hört sie leise mit dem Vater reden. Auf
einmal weiß sie nichts mehr mit sich anzufangen. Ohne Peter ist alles so
langweilig. Sie betrachtet die Rücken der Bücher, die im Raumteiler stehen und
versucht, die Titel zu entziffern. Manche kennt sie. Auf keines hat sie Lust.
Nicht einmal auf das Mitmachbuch. Immer wieder schielt sie zum
Gute-Nacht-Fenster.
Nach einer Weile
kommt ein Papierflieger aus dem Guckloch herausgeschossen, genau auf Henriette
zu. Sie fängt ihn auf und will ihn schon zurückschießen, da bemerkt sie, dass
darauf etwas geschrieben steht. „Was war ich für ein Idiot. Verzeih mir! Wollen
wir uns wieder vertragen?“
Henriette stößt
einen Freudenschrei aus: „Ja, klar doch!“ Mist, das ist jetzt auf dem Tonband
drauf. Es wird Strafe geben.
Peters Lockenkopf
taucht im Gute-Nacht-Guckloch auf. Durch das Loch macht ihr Bruder eine
Handbewegung, als wolle er sagen: „Kein Problem!“ Der routinierte Techniker
stoppt das Band und schneidet die Stelle mit dem „Ja, klar doch!“ heraus.
Kopf an Kopf stehen
die beiden am Guckloch und zeigen einen Vogel in die Richtung, in die die Mutter
verschwunden ist. Grinsend gucken sie sich an. Beide wissen, was der andere
sagen will.
17
Ein trauriger Spaziergang durch die Stadt
Wieder landet ein
Papierflieger in Henriettes Zimmerhälfte. Mit geschickten Händen fängt sie ihn
auf. „Lass uns aus dem Haus gehen. Du auf deiner Seite, ich auf meiner. Draußen
können wir miteinander reden.“
Henriette klopft
gegen die Schrankwand als Zeichen, dass sie verstanden hat. Ja, ist die Mutter
denn völlig übergeschnappt! Auch die Tür ist von einer Bretterwand geteilt.
Henriette muss den Bauch einziehen, damit sie hindurchpasst. Auf der anderen
Seite hört sie es rascheln – Peter wird sich auch gerade durch den Spalt
zwängen.
Miteinander reden?
Da hat sich Peter wohl zu früh Hoffnungen gemacht. Auch die Küche ist
zweigeteilt. Das Haus ist zerschnitten wie ein Brot. Im Garten und weit über den
Garten hinaus ist ein hoher Zaun errichtet worden. Das ganze Städtchen ist in
zwei Hälften geteilt: Nordum und Südum. Wird sie Peter jetzt nie wiedersehen?
Menschen trommeln aufgebracht mit den Fäusten an den Zaun: „Wir wollen nach
Nordum zu unseren Verwandten!“, und von der anderen Seite: „Wir wollen zu
unseren Kindern nach Südum!“
Henriette muss in
die Reinholdstraße 1 zu Professor Wabenweber. Nur er kann die Katastrophe
rückgängig machen. Sie fragt jemanden. „Oh je, oh je! In die Reinholdstraße
willst du? Die liegt jenseits des Zauns in Nordum. Da kommst du nicht mehr hin.“
Wären sie bloß nie
auf diese Insel gerudert!
Weiter hinten steht
ein Kirschbaum. Wenigstens Peter will sie von dort oben sehen. Sie hangelt sich
an den Ästen hoch. Von oben blickt sie neugierig auf die Straßen der anderen
Seite. Dort leben Menschen wie sie und ihr Vater, mit einer Nase mitten im
Gesicht und Augen, mit denen sie sehen und einem Mund, mit dem sie sprechen
können. Was, wenn die Holzlatten 100 oder 1000 Jahre stehen bleiben? Werden die
Menschen auf der anderen Seite dann ihre Augen am großen Zeh und ihren Mund auf
dem Po haben?
Jenseits des Zauns
klettert Peter auf einen Apfelbaum. Henriette grabscht nach einer Handvoll
Kirschen und wirft eine Kirsche zu ihm hinüber. „Fang!“ Peter streckt den
rechten Arm aus. „Lecker!“. Er wirft einen Apfel zurück. So geht das eine Weile,
bis sie auf einmal ihr eigenes Wort nicht mehr verstehen können, denn ein
Wägelchen mit einem langen Schlauch tuckert auf Peters Seite an Häuserwänden und
Gartenzäunen entlang und besprüht alles mit einem triefenden Giftgrün.
Als der Fahrer des
Wägelchens Peter entdeckt, verlässt er auf Zehenspitzen die Fahrerkabine,
schleicht auf den Apfelbaum zu und klettert den Stamm hoch. Da erkennt Henriette
die Comicfigur aus dem Computerspiel, diesen hässlichen Mister Green mit den
grellen Glühbirnenaugen. Peter hat die Gefahr noch nicht erkannt. Er pflückt
weiter Äpfel.
Henriette schreit so
laut sie kann: „Peter, pass auf!“
Peter stößt mit dem
Fuß nach dem Computermännchen, Mister Ron Green packt den Fuß, purzelt von der
Astgabel ins Gras und reißt Peter mit sich.
Henriette feuert
ihren Bruder an: „Peter! Peter!! Peter!!!“
Der versucht, dem
Männchen die Drahtarme zu verbiegen, das Männchen reißt Peter Haarbüschel aus.
„Jetzt entkommst du mir nicht mehr“, hallt es wie aus einer Eisenröhre. „Das
wäre doch gelacht, wenn du nicht für die Green Computerspiel Company arbeiten
würdest. Was deine Mutter kann, kann ihr Musterknabe schon lange.“
„Was wollen Sie von
mir?“ keucht Peter.
„Deine Mutter ist
eben von mir zur Bürgermeisterin von Nordum ernannt worden. Aber da gibt es ein
Problem. Nur du kannst deiner Mutter helfen. Du bist ihre Rettung, du hast in
Deutsch eine 1 und kannst gute Aufsätze schreiben ...“
„... was soll ich
tun?“, drängt Peter.
„Du sollst ihr die
Reden schreiben.“ Mister Green kommt ins Stammeln. „Allein ... allein ... wie
soll ich sagen? Allein kann sie das nicht.“
„Nie im Leben werde
ich das tun!“, ruft Peter.
Er reißt sich los
und rennt, was das Zeug hält. Mister Green ihm hinterher. „Irgendwann krieg ich
eines von euch Gören!“, ruft er.
„Lauf, Peter, lauf!“
Henriette springt vom Kirschbaum und folgt ihrem Bruder auf ihrer Seite des
Zauns in Richtung Bungalow. An der Tür ihrer Zimmerhälfte klebt ein Zettel:
„Denke daran: 3 x täglich Zähneputzen!“
Blödsinn, denkt sie,
aber gehorchen ist im Augenblick wohl das Klügste. Wer weiß, was der Mutter
sonst noch alles einfällt? Henriette guckt in den Spiegel und schneidet
Grimassen. Sie macht „Oh“ und Iiih“ und „Ah“. Irgendwie kommt sie sich hübscher
vor, als neulich im Spiegelkabinett. Henriette, Enkelin von Opa Himmelheber und
Schwester von Peter Schmökewitz – das ist schon was.
Als sie sich ans
Zähneputzen machen will, scheppert es hinter dem Spiegelschrank. Sie reißt die
Spiegeltür auf. Auf der anderen Seite grinst Peter. „Das habe ich mir gleich
gedacht, dass hier ein Durchgang ist.“ Er betrachtet prüfend alle Schrauben und
misst den Durchmesser der Öffnung. „Noch zehn Minuten, dann bin ich bei dir.“
„Was ist mit Mister
Green?“
„Der? Den habe ich
abgehängt.“
Peter holt den
Werkzeugkasten aus dem Schuppen. Mit dem Schraubenzieher löst er alle Schrauben.
Als er die Spiegelwand ausgebaut hat, zwängt er sich durch. Zum Glück ist er
schlanker als seine Schwester.
Es ist nicht lange
her, dass sich Peter und Henriette spinnefeind gegenüberstanden. Jetzt fallen
sie einander in die Arme. „Hat er dir das echt vorgeschlagen?“, fragt Henriette.
„Du sollst Mutti die Reden schreiben?“
„Ja, so wie meine
Mutter zu Hause dem Bürgermeister die Reden schreibt.“
„Und? Steht da
manchmal etwas drin, was nicht drin stehen darf?“
„Was weiß ich? Da
musst du meine Mutter fragen.“
Henriette schnipst
mit dem Finger. „Das ist die Idee. Mach das. Schreib Mutti die Wahlreden. Das
wird der Knüller!“
Sie gehen in
Henriettes Hälfte der Küche und wollen Sprudelwasser mit einem Schuss Apfelsaft
trinken. Vater sitzt an dem halbierten Küchentisch und liest Zeitung. Überrascht
hebt er den Kopf, als er Peter auf bemerkt. „Du hier? Auf unserer Seite? Was für
eine Überraschung.“
Es sieht so aus, als
wolle er noch etwas sagen. Er zögert, schließlich rückt er mit der Sprache raus.
„Das Gebiet um den See hinterm Haus, dort, wo das Ruderboot am Steg liegt, ist
Niemandsland geblieben. Sie haben vergessen, im See eine Grenze zu ziehen. Dort
könnt ihr unbeobachtet von einem Teil der Stadt in den anderen schleichen, und
euch, wann immer ihr wollt, ungestört treffen.“
Die Kinder wollen
gleich los, das Terrain erkunden. Sie rennen zum See und setzen sich im
Schneidersitz auf den Landungssteg.
Lange Zeit sagt
niemand etwas. Endlich bricht Henriette das Schweigen. „Ganz schöner Mist, das
Ganze, oder?“
„Du meinst das mit
dem Zaun und unseren Eltern, die sich anfeinden?“
Henriette nickt.
„Wenn jetzt nur der Professor hier wäre!“
„Der Wabenweber?“
„Genau, der.“
Plötzlich springt
Peter auf. „Wenn dir der so wichtig ist, geh ich rüber.“
Henriette zeigt
ihrem Bruder vor Schreck einen Vogel. „Das darfst du nicht machen! Das ist
gefährliches Gebiet. Drüben herrscht Mister Green.“
Peter geht trotzdem.
Er will unbemerkt nach Nordum schleichen und die Reinholdstraße aufsuchen. Nur
eine Nachricht hinterlegen: „SOS! Besuchen Sie uns dringend“, dann nix wie
zurück!
Er zieht los.
Henriette wartet ungeduldig auf dem Steg. Bald steht die Sonne feuerrot über dem
gegenüberliegenden Ufer, es wird dämmrig, nicht mehr lange, und es wird
stockfinstere Nacht sein. Henriette macht sich Vorwürfe. Sie hätte mitgehen
müssen.
Nach Stunden
knistert es im Unterholz. Schritte. Sie erkennt einen Schatten auf dem
Bootssteg, hört Peters Stimme. „Ich habe ihn erwischt, deinen Wabenweber“, sagt
er. „Er wird uns besuchen. Morgen oder Übermorgen oder nächste Woche.“
Henriette fallen
zwei Steine vom Herzen.
„Aber warum soll er
uns eigentlich besuchen, dein Herr Wabenweber?“
„Er hat sich das
schließlich alles ausgedacht. Er wird auch wissen, wie wir aus dem Schlamassel
wieder rauskommen. Weißt du, ich will langsam nach Hause.“
18
Das Wahlrednerturnier
Peter pirscht durch
das Unterholz zurück und schleicht von der anderen Seite in den Teil des
Bungalow, wo er mit seiner Mutter wohnt. Er hat noch etwas Zeit, bis sie von den
vielen Konferenzen und Presseinterviews heimkehrt. Traurige und einsame Tage
werden auf ihn zukommen. Die Mutter wird viel unterwegs sein.
Henriette geht in
die geteilte Küche. Sie hört ihren Vater mit jemandem debattieren. Die Stimme
kennt sie doch. Der Mann in blaurotkarierten Knickerbockerhosen war ihr schon
einmal aufgefallen. Wie ein Detektiv aus einer englischen Kriminalserie ist er
gekleidet. Richtig! So bescheuert sah nur der Gegenkandidat von ihrer Mutter
aus, und, da nennt der Vater ihn auch schon beim Namen: „Herr Spielmann, das ist
eine Ehre für mich, aber ich kann Ihr Angebot nicht annehmen.“
„Sie, müssen, Herr
Schmökewitz. Sie haben keine andere Wahl. Die Einwohner von Südum erwarten das
von Ihnen. Nehmen Sie den Posten des Bürgermeisters unserer Stadthälfte an. Sie
sind der vertraute Gatte Ihrer Rivalin. Keiner kennt diese Frau besser als Sie.
Nur Sie wissen, was sie im Schilde führt, kurzum, Sie können die Interessen
unserer Stadthälfte am besten vertreten.“
Der Vater wiegt den
Kopf.
Herr Spielmann muss
ganze Überzeugungsarbeit leisten: „Wenn Sie annehmen, trete ich als erster Mann
in unserer Stadthälfte zurück. Dann wird es Neuwahlen geben, und wir hätten die
Chance, unter Ihrer Regierung aus Südum und Nordum wieder eine Stadt zu machen.“
„Ich soll der
geeignete Mann für diesen Posten sein?“, lacht der Vater. „Ich kann doch keine
Reden halten, geschweige welche schreiben.“
Wenn Peter der
Mutter die Wahlreden schreibt, denkt Henriette, kann ich das auch für Vater tun.
Sie tritt aus ihrem Versteck hinter dem Vorhang hervor: „Vati, ich kann dir die
Reden schreiben. Ich bin gut darin.“
„Du? Wirklich? Du
meinst, du kannst das?“
„Wenn ich es doch
sage. Das ist leichter als das kleine Einmaleins.“
„Gut, dann nehme ich
den Posten an, aber nur, werter Herr Spielmann, wenn Sie mein erster Vertrauter
werden.“
„Damit bin ich
einverstanden“, lächelt Herr Spielmann verschmitzt und schlägt in die Hand des
Vaters ein.
Jetzt ist das
Städtchen Dum nicht nur in zwei Hälften geteilt, es hat auch eine
Bürgermeisterin und einen Bürgermeister: In der Nordstadt regiert die Mutter von
Peter und Henriette, in der Südstadt der Vater.
Herr Spielmann nimmt
seine Rolle als erster Vertrauter von Bürgermeister Schmökewitz sehr ernst und
rät sofort eindringlich: „Sie sollten folgenden Punkt unbedingt in Ihr Programm
aufnehmen. Und zwar werden wir im Gegenzug zu den grünen Zäunen auf der anderen
Seite unsere Zäune auch grün streichen. Verstehen Sie, das schickt sich besser.“
Der Vater wird
misstrauisch. „Aber Sie wollten unsere Zäune doch einst beseitigen ...“
„... nein, das wäre
ein Schachzug zu früh“, sagt Herr Spielmann. „Der Sache der Kinder, die ohne
Zäune spielen dürfen, können wir uns erst später annehmen. Wir müssen erst das
Computerwesen ausbauen.“
„Nein, das will ich
nicht!“, protestiert der Vater. „Ich will nicht, dass unsere Kinder durch
Computerspiele verdummen.“
„Sie werden noch zur
Vernunft kommen, Herr Schmökewitz“, lächelt Herr Spielmann.
Das gibt es doch
nicht! Das ist Wahlbetrug, denkt Henriette. Vor den Wahlen das Blaue vom Himmel
versprechen und hinterher das Gegenteil machen! Wütend hört sie weiter zu, was
der Vertraute des Vaters noch zu sagen hat. „Wenn sie in Nordum ihre Zäune in
hellem Grün anstreichen“, redet er weiter, „würden wir uns doch lächerlich
machen, wenn wir unsere Zäune beseitigten. Wir müssen doch eine genauso schöne
Stadt wie die Nordstadt sein, nicht wahr? Und wie hässlich sähe unsere Stadt
aus, wenn wir einem kleeblattfrischen Grün ein klebrig verschmiertes Blau
entgegensetzen. Außerdem ...“, Herr Spielmann sucht nach Worten. „... geht es,
das sagte ich bereits, um das Computergeschäft. Sie wissen doch ... die Green
Computerspiel Company. Green heißt bekanntlich ‚grün’, grün sind Greens
Computer, und grün sollen auch die Zäune von Ganz-Dum sein.“
Henriette kann das
Geschwätz nicht mehr ertragen. Sie geht in ihre Zimmerhälfte und schlägt das
Mitmachbuch auf. Mal sehen, ob sie darin eine Lösung für den ganzen Heckmeck
findet. „Zwei Bürgermeister gibt es jetzt“, steht auf Seite 113
geschrieben. „Sie vernageln die Stadt mit Brettern und wollen sie mit
giftigem Grün bepinseln. Wenn ihr das gut findet, geht auf 122 und lasst euch
das Gesicht mit Froschgrün bemalen, findet ihr aber einen anderen Vorschlag
besser, denkt ihn euch selbst aus und schreibt ihn auf.“
Henriette hat einen
Vorschlag, und den will sie sofort aufschreiben. Sie holt ihren Füllfederhalter
und ihr feinstes Briefpapier aus der Schublade. Ihre Fantasie ist genügend
angestachelt, sie schlägt das Mitmachbuch zu. Sie wird sich jetzt daranmachen,
eine Rede zu schreiben. Eine gepfefferte. Man muss alles im Leben einmal zum
ersten Mal machen, auch Reden für Politiker schreiben. Die Gedanken in ihrem
Kopf sprudeln.
Etwas zeckt sie am
Oberarm. Sie schaut auf und sieht gerade noch ein Pusterohr verschwinden. Im
Guckloch zum Gute-Nacht-Sagen steckt der Lockenkopf von Peter. Er hält ihr ein
Schild entgegen. Henriette liest: „Morgen ist das große Wahlrednerturnier in Dum.
Wusstest du das? Los, ran an die Arbeit! Bis dahin müssen wir saubere Arbeit
geleistet haben.“
Am nächsten Tag ist
auf dem geteilten Marktplatz von Dum Himmel und Hölle los. Würstchenbuden sind
aufgebaut, Zuckerwatte wird verkauft, Luftballons fliegen in den Himmel. Auf
beiden Seiten des Bretterzauns sind Holzpodeste aufgebaut. Auf einem steht Frau
Schmökewitz, auf dem anderen Herr Schmökewitz.
Das Los hat
entschieden: Zuerst wird Herr Schmökewitz seine Rede halten. Die Einwohner
seiner Stadthälfte sind auf der Südumer Seite des Zauns hinter ihm versammelt
und klatschen tosenden Beifall. Peter ist durch das Niemandsland, hinten am
Teich, wo vergessen wurde, eine Grenze zu ziehen, zu Henriette geschlüpft. Auf
der anderen Seite des Zauns sind die Nordstädter versammelt. Aus Lautsprechern
soll jede Rede auf die andere Seite des Bretterzauns übertragen werden.
Der Vater, der eben
noch erwartungsvoll an der Brüstung des Podests lehnte, dreht sich zu seinem
Volk um. Er lächelt wie ein Sieger. Wie an dem Tag, als die Kinder ihn zum
ersten Mal auf dem Rummel getroffen hatten, zieht auch heute sein klobiger
Goldohrring das rechte Ohrläppchen herunter. Er trägt seine karierten Shorts und
das rote Jackett, dazu den knallgelben Schlips. Vorsichtig zieht er seine
Wahlrede aus dem Kuvert und entfaltet sie. Mit zitternder Stimme beginnt er:
„Kann man Eltern erziehen?“
Dieser Satz bringt
ihn völlig aus dem Konzept. „Das ... das ist ... na, halt mal ... das ist doch
nicht meine Rede!“, stammelt er in seinen Brezelbart.
Die Leute lachen.
Herr Schmökewitz
dreht sich um und blinzelt in die Richtung, wo er seine Tochter vermutet, gibt
sich einen Ruck und liest den Text weiter, als habe er ihn selbst geschrieben.
„Also noch einmal: Kann man Eltern erziehen? Ich sagte ja immer, nein, das geht
nicht.“ Herr Schmökewitz lächelt vor sich hin und brabbelt ins Mikrofon:
„Stimmt, das habe ich einmal gesagt.“ Er liest weiter vom Blatt ab: „Aber meine
Tochter ist dickköpfig und glaubt, das geht doch. Sie sagt, dass es nichts
Schöneres für eine Tochter gibt, als eine Mutti zu haben, die ihre Kinder nach
der Schule mit Kartoffelpuffern und Apfelmus überrascht und die fragt, ob der
Ochsenknopf die Arbeiten schon zurückgegeben oder ob Basti wieder gestänkert
hat. Da ist es längst nicht so wichtig, in einer Bonzenvilla zu wohnen und viel
Zaster zu haben.“
Die Menschen auf der
Südseite toben. Pfiffe ertönen, aber sie bedeuten nicht, dass Herr Schmökewitz
aufhören soll. „Weiter! Weiter“, rufen welche im Sprechchor. Nur Herr Spielmann
runzelt die Stirn und zuckt mit einem Auge.
„Das einzige, was
wir, Henriette und ich, der Bürgermeister von Südum, wollen, ist, dass unsere
Mutti und Frau zu uns zurückkommt, und dazu brauchen wir keine langweilige
Politik, sondern, dass die ollen Bretter verschwinden. Ehrlich gesagt, ich will
gar nicht für den Bürgermeisterposten von Ganz-Dum kandidieren und wäre froh,
wenn meine Frau das auch täte. Wir könnten gemeinsam alle Häuser in Ganz-Dum mit
Regenbogenfarben bemalen, gelb, orange, rot, blau und grün. Die Grünstreifen,
auf denen einmal der Zaun zwischen den Stadthälften gestanden hat, könnten
Kebabstände...“
„Stopp“, ruft Herr
Spielmann dazwischen. „Das ist nicht nach unserer Absprache.“
Henriette, die bei
der ersten Wahlversammlung dabei gewesen war, als Dum noch ein Städtchen war,
wundert sich über die seltsamen Worte von Herrn Spielmann. Er war es doch, der
die Zäune abreißen wollte, und jetzt regt er sich über ihre Rede auf. Warum
steht er nicht mehr zu seinem Wort? Und da hat sie schon die Antwort: Ein
kleines drahtiges Männchen mit Augen aus Glühbirnen tippt Herrn Spielmann auf
den Oberarm und zeigt auf den Bürgermeister. Mister Green flüstert Herrn
Spielmann etwas ins Ohr. Er schiebt ihm einen Geldschein zu. Aha! Bestechung.
Keiner hat es
gesehen, nur Henriette. Alle warten gespannt auf die Rede von Frau Schmökewitz.
„Bürgerinnen,
Mitbürger“, beginnt ihre Mutter, ohne vom Blatt abzulesen. „Dies wird eine
Wahlrede sein, die entscheidende Weichen für unser hoffentlich bald wieder
geeintes Städtchen stellen wird. Lassen Sie mich ein Wort zu unseren
grünbestrichenen Bretterwänden sagen ...“ Jetzt muss sie doch vom Blatt ablesen.
„... was steht auf meinem Spickzettel zum Stichpunkt Grün? Moment, gleich haben
wir es. Hier ... hier steht es: ‚Wir werden die Gartenzäune abreißen ...’ äh ...
was soll denn das? ‚... und die Häuser in Kunterbuntfarben ...“
Von der Südumer
Seite des Zauns schallt ein Jubeln herüber. Die Bürgermeisterin hört auf zu
lesen und wird rot. Wie für sich selbst liest sie die Rede leise ins Mikrofon,
jeder kann sie hören. „Mutti, rat mal, wo ich bin?“ Ihre Worte hallen über den
geteilten Marktplatz. „Du denkst vielleicht, ich bin auf deiner Seite von Dum
und jubele dir zu. Aber denkste! Drüben, auf der anderen Seite des Zauns, bei
meiner Schwester bin ich.“
Die Mutter bekommt
feuchte Augen, als sie weiterliest: „Liebe Mutti, pass auf, dass du nicht nur
Henriette, sondern auch mich verlierst, denn wenn du Henriette immer so fies
behandelst, will ich lieber bei ihr sein. Wir wären gerne bei dir, aber du
denkst ja nur an deine Karriere ...“
Jemand hat das
Mikrofon ausgeschaltet. Keiner hört mehr die Mutter. Mister Ron Green schmettert
von ganz weit oben seine piepsige Elektronenstimme über den Marktplatz. Alle
blicken hoch. Von der Kirchturmspitze aus krächzt die Comicfigur auf die Menge
hinunter: „Wenn ihr glaubt, zwei Gören können in mein Geschäft pfuschen, habt
ihr die Rechnung ohne mich gemacht. Ich war es doch, der dem Bengel den Computer
mit dem Kleinstadtspiel untergejubelt hat. Zum Ausprobieren sozusagen. Und es
hat funktioniert. Jetzt ist mein Plan fast perfekt, und er springt ab, um seiner
Mutter verrückte Wahlreden zu schreiben! Jetzt, da wenigstens in einem Teil
unseres Städtchens alle Zäune grün angestrichen werden und ich ganz groß mit dem
grünen Logo meiner Computer herauskommen wollte. Noch ist das letzte Wörtchen
aber nicht gesprochen! Ich habe inzwischen meine Computerindustrie ausgebaut,
ich werde wenigstens den Einwohnern von Nordum mein wahres Gesicht zeigen, und
es wird auch euer wahres Gesicht sein.“
Mister Ron Green
stülpt sich einen Computer über den Kopf und tanzt einen wilden Tanz wie ein
Buschmann. Es ist ein grüner Computer, in den er seinen Kopf steckt, und die
Mattscheibe ist auch grün. „So werden wir jetzt alle herumlaufen. So, und nur
so! Das ist der Fortschritt, das ist der Lauf der modernen Zeit! Wir werden
einen tiefen Blick in die große weite Welt haben.“
Ja, ist er denn
verrückt geworden! Mister Ron Green wirft einen Computer nach dem anderen vom
Kirchturm in die Menge. Dutzende, Hunderte baumeln an Fallschirmen und segeln
sanft auf die Nordumer Hälfte des Marktplatzes nieder. „Die sind für euch!“,
ruft er. „Das Geld wird von eurem Konto abgezogen!“
Die Nordumer reißen
sich die Arme aus nach ihnen und stecken, wenn sie einen gefasst haben, wie der
Meister ihre Köpfe in die Monitore hinein. Sie wollen alle einen tiefen Blick in
die Welt gewinnen. Die Südstädter gehen leer aus.
eingestellt am 22. März 2009
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