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Und keiner weint
mir nach
…in memoriam Sigi
Sommer
Sigi Sommer wurde im Kriegsjahr 1914 als Sohn
eines Restaurators in München geboren, wo er, vom Kriegsdienst 1939 bis 1945
abgesehen, sein ganzes Leben verbrachte und 1991 auch beendete. Er war gelernter
Elektrotechniker und populärster Münchner Nachkriegsjournalist.
1946 begann er als Lokalredakteur bei der
„Süddeutschen Zeitung“ und dem „Münchner Stadtanzeiger“ (über 500 Glossen, an
die der Spaziergänger keine eigenen Erinnerungen hat, da er erst seit 1951 in
München lebte).
1949 begannen in der Münchner „Abendzeitung“
seine Kolumnen unter dem Titel „Blasius geht durch die Stadt“, von einer treuen
Leserschaft – den Ausdruck Fangemeinde gab es damals noch nicht – ungeduldig
erwartet bis heiß ersehnt. Die Fantasie – und spätere Kultfigur des „Blasius“
war benannt nach einem seiner Onkel, einem stadtbekannten Grantler (=Nörgler)
und leibhaftigen Postoberinspektor.
Sigi Sommer ging täglich ca. 10 Kilometer zu
Fuß durch München, der Spaziergänger ist ihm mehrmals begegnet, hat sich aber
nie getraut, ihn anzusprechen. Vielleicht weil er spürte, dass der sich bei
seinen Beobachtungen für seine nächste Glosse nicht stören lassen und sich von
wildfremden Verehrern – ein solcher war der Spaziergänger schon damals – auf die
Schulter klopfen lassen wollte. Wenn er ihm begegnete, dann meist zwischen
Marienplatz und Sendlinger Tor, in der Sendlinger Straße waren sowohl sein Büro
als auch sein Verlag.
Ansonsten war er am „Tivoli“ im Englischen
Garten anzutreffen, wo er Tennis spielte, angeblich mit Bällen, die so kahl wie
Billardkugeln waren – Hinweis auf Sparsamkeit oder Geiz -, oder im
Augustiner-Bierkeller, wo er einem exklusiven Stammtisch vorsaß. Adabeis
(=Gesellschaftsschnorrer), Hochstapler, Vertreter der halbseidenen Schwabinger
Bussigesellschaft, notorische Langweiler, deren letzte Lektüre Micky-Maus war
und die mit ihrem Geschwätz sogar die Fliegen vom Leberkäs verscheuchten,
Frauen, die ihren Schmuck dem schlechten Gewissen ihrer fremd gegangenen
Ehemänner verdankten. Leute wie Boris Becker und seine jeweils letzte oder
übernächste Verlobte oder wie die Effenbergs, kurzum die so genannte Münchner
Schickeria – eine druckreife Bezeichnung fällt dem Spaziergänger nicht ein –
hatten keinen Zugang zu dieser erlesenen Runde. Da war Sigi Sommer unerbittlich,
wer ihm nicht passte, der passte auch nicht in seine Runde und den wollte er
auch seinen alten Freunden und Freundinnen, die zum Teil gar nicht so alt waren,
nicht zumuten. Zu dieser Runde gehörte beispielsweise die früh verstorbene
Mildred Scheel, die ihren späteren Ehemann dorthin mitnahm. Die Anerkennung, die
diesem dort zuteil wurde, verdankte er weniger seinem hohen Amt als
Bundespräsident als seiner Trinkfestigkeit und stets guten Laune.
Sigi Sommer hat ca. 40 Bücher verfasst,
darunter auch Autobiographien wie „Das gabs nur einmal“ und „Das kommt nie
wieder“, der Spaziergänger nimmt sie heute noch gern zur Hand. Etwas
Autobiographisches haben aber fast alle seine Romane.
Zweimal verfilmt wurde sein Roman „Meine 99
Bräute“. Sein größter Bucherfolg aber war „Und keiner weint mir nach“, die
Vorstadtballade vom Lehrling Leonhard Knie. Vermutlich war die darin enthaltene
Sozialkritik der Grund dafür, dass dieses Buch, das Bertold Brecht als besten
deutschsprachigen Roman der Nachkriegszeit einschätzte, in der DDR hohe Auflagen
erzielte und ihm den Schillerpreis der Stadt Weimar einbrachte. Es gab sogar
eine honorarfreie Übersetzung ins Russische. Sigi Sommers bayrisch - humorvolle
Seite dagegen war, da zu lokal bezogen, hier weitgehend unbekannt.
Der Spaziergänger hatte Sigi Sommer bisher
immer als ausschließlich Münchner Lokalgröße eingeschätzt. Die diesbezüglichen
Ehrungen hatten es freilich in sich:
„Goldene Ehrenmünze Münchens“,
„Bayrischer Verdienstorden“,
„Kar1 Valentin Orden “,
„Schwabinger Literaturpreis “,
„Ernst Hoferichter – Preis“,
„München leuchtet“. Mit dem letztgenannten
Preis war er in allerbester Gesellschaft. Es war nach der Erinnerung des
Spaziergängers eine der wenigen Auszeichnungen, wo es keinen Streit oder nur
Diskussion um die Würdigkeit des oder der Auszuzeichnenden gab.
Sigi Sommer hat München aber nicht nur
liebevoll und nachsichtig betrachtet und beschrieben, er hat z. B. mit seiner
Glosse" Neon, Nylon, Nepp und Nutten" das Abgleiten Schwabings mit geradem
giftiger Feder kommentiert, schon zu einem Zeitpunkt, als andere Schwabing noch
gläubig-naiv für die Welt hielten, zu der man unbedingt „dazugehören musste“.
Seit ein paar Jahren gibt es in München ein
Denkmal für Sigi Sommer, nur einige Meter vom Marienplatz und von seiner
langjährigen Wirkungsstätte in der Sendlinger Straße entfernt. Ein früherer
Schulkamerad hat es fotografiert und das Bild dem Spaziergänger zukommen lassen,
der es sorgfältig archiviert. Selbst gesehen hat er das Denkmal noch nicht, so
lange war er schon nicht mehr in München. Vermutlich sind die meisten seiner
Erinnerungen an diese Stadt, die er, obwohl nicht dort geboren, immer noch als
seine Heimatstadt empfindet, längst überholt.
Die Bücher von Sigi Sommer, allesamt im
Starnberger R.S. Schulz-Verlag erschienen, waren durchweg auch
„verlagskaufmännisch“ (sprich: finanziell) erfolgreich. Sein einziges
Theaterstück „Marile Kosemund“ , in den Münchner Kammerspielen aufgeführt, war
dagegen ein glatter und voraussehbarer Reinfall, der einzige Misserfolg, den er
in seiner schriftstellerischen Laufbahn verkraften musste. Er hat lange dazu
gebraucht. Schuld an diesem Volltreffer in den Ofen war damals der Intendant
August Everding, schlecht beraten und schlecht beratend. Mit diesem klassischen
Durchfall begann aber eine Karriere als Volksschauspieler, die von Gustl
Bayrhammer in der Rolle des Kriminalers. Auch die spätere Verfilmung, diese aber
unter dem Originaltitel „Und keiner weint mir nach“, war der Beginn der
beachtlichen Film – und Bühnenkarriere einer damals noch blutjungen
Schauspielerin, der von Nina Hoss. Die Fertigstellung des Films hat er nicht
mehr erlebt.
Sigi Sommer, ein echter Autodidakt, schrieb
weder für das Feuilleton noch für Intellektuelle, er war im Wortsinne ein
Volksdichter, volksnah, gelegentlich derb, aber nie verletzend. Seine deftigen
Vergleiche passten einfach, seine Lebensweisheiten ebenso („Das sicherste Mittel
gegen Grippe: aufpassen dass man`s nicht kriegt.“).
Er beherrschte beides, die Menschen zum Lachen
zu bringen, aber auch zum Weinen. Besonders, wenn er die Not der kleinen Leute,
die er selbst in den nur für eine Minderheit „Goldenen Zwanziger Jahren“ und in
den Jahren nach dem 2. Weltkrieg erfahren hatte, beschrieb. Es gab damals noch
genügend Menschen, die sich an beide Zeiten gut erinnern konnten, ohne sie „in
guter Erinnerung" zu haben.
Ein paar Gedanken und Anmerkungen von
Zeitgenossen:
Karl Valentin, gestorben 1948
„ Nur ein Schriftsteller mit einem guten Herzen
kann so etwas schreiben."
Helmut Zöpfl ( Prof. Dr. ) .
" Mit seiner plastischen, bildreichen Sprache
läßt er uns förmlich hören, sehen oder riechen, was schon ein bißchen im
Einweckglas der Erinnerung lag und erweckt es zu neuem Leben".
Laie Andersen „Ich würde Blasius mal gern
begegnen und ihn für ein paar Minuten fest umarmen.“ ( Sigi Sommer, lebenslang
ein Frauentyp, hätte vermutlich nichts dagegen gehabt).
Robert Gilbert (Dichter des" Weißen Rössl" ) "
Wenn es nach mir ginge, würde längst an jeder Ecke Münchens und mitten auf dem
Stachus ein Denkmal von ihm stehen" allerdings gemäß seinem leutseligen Wesen
ohne Hutabnahmezwang beim Vorübergehen." ( Das nach seinem Tod errichtete
Denkmal steht genau richtig und der Spaziergänger würde, käme er noch einmal
nach München, ein stilles und freundliches Gedenken einlegen, aber vermutlich
hat das sein Schulfreund schon für ihn getan.)
Anneliese Friedmann, Herausgeberin der Münchner
„Abendzeitung"
„ Ein Zeitaufschreiber, ein Chronist. Und ein
Poet dazu.“
Frederick R. Gardner, New York
„Hie und da versuche ich, deutsche Bücher zu
lesen, und ich muss gestehen, dass ich mich nur mit Schwierigkeiten durch die
oft langatmige deutsche Syntax durcharbeite. Sigi Sommer, Carl Zuckmayr und
Ludwig Thoma hingegen beheben automatisch jegliche Sprachhemmungen.“
Ein Ausländer spricht dem Spaziergänger aus dem
Herzen, auch besonders bei der Auswahl der Schriftsteller, vielleicht hat der,
eben weil er kein professioneller Literaturkritiker war, rein gefühlsmäßig
erkannt, was der derzeitigen deutschen Literatur oft fehlt: die Beziehung zur
tatsächlich gesprochenen und täglich benutzten Sprache. Auch aus diesem Grund
gebraucht der Spaziergänger die Bezeichnung „Autodidakt“ und „Dilettant“ nie im
negativen Sinne.
Gestorben ist Sigi Sommer in der Münchner
Rienecker-Klinik. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in einem betreuten
Altenwohnheim in Obergiesing, unvergessen von den wenigen noch lebenden
Stammtischfreunden und – freundinnen des Augustiner. Spaziergänge konnte er nur
noch selten und nur in Begleitung unternehmen.
Der Spaziergänger hat früher öfters mal selbst
etwas zu Papier gebracht, sozusagen „privatissime et gratissime ", z: B.
Beiträge für Bierzeitungen, Geburtstage, Betriebsausflüge, Goldene Hochzeiten,
Faschingsveranstaltungen , gelegentlich auch Klein- und Kleinstkunst,
überwiegend in Gedichtform in dem Versmaß von Eugen Roth, hat diese Versuche
aber fast gänzlich eingestellt.
Zur Prosa kam er erst Anfang der. 90er Jahre,
er kann sich noch gut an die Entstehung der ersten seiner" Potsdamer
Geschichten" erinnern, der Titel der zu diesem Zeitpunkt noch nicht geplanten
Serie fiel ihm erst später ein. Die erste Folge hieß" Die Reise nach Cottbus".
Zusammen mit seinem damaligen Vorgesetzten und
Behördenleiter kam er bei einer Dienstfahrt nach Cottbus, damals fast die Regel,
in einen mehrstündigen Stau auf der Autobahn und er nutzte die Zeit, aktuelle
Verkehrsprobleme ins späte Mittelalter zu verlegen.
Er las dann, in Cottbus endlich angekommen, die
Geschichte seinen dortigen Kollegen vor.
Sein Chef, der einen ausgezeichneten und
sicheren Schreibstil hatte und dazu noch eine sehr ansehnliche Handschrift,
ermunterte ihn, weiter zu schreiben. Er gehört - und darauf ist der
Spaziergänger ein wenig stolz - samt Familie immer noch zu seinen Lesern.
Wie viele „Potsdamer Geschichten" es
schließlich geworden sind, kann er heute nicht mehr exakt feststellen. Er
bedauert, dass er nicht alle aufgehoben hat, der Verteiler war damals klein und
unregelmäßig. Heute würde ihm die Lektüre die Zeit, die für ihn insgesamt eine
gute war, vielleicht noch einmal zurückbringen. Nach Eintritt in den Ruhestand
benannte er seine Geschichten um in " Szenen aus der Provinz", die Figur des
Spaziergängers hat er beibehalten. Diesmal hat er aber alle Folgen gesammelt und
aufgehoben, es sind über 100 geworden, diese ist die 120.
Einmal hat er versucht, einen Spaziergang durch
die Potsdamer Fußgängerzone, die " Brandenburger ", im Stil von Sigi Sommer, der
tatsächlich nie aus München herausgekommen ist, zu beschreiben. Warum er so
nicht weitergemacht hat, kann er sich nicht mehr erinnern, vermutlich waren ihm
die Fußstapfen zu groß. Im übrigen hatte er nie das Gefühl, die Figur des
Spaziergängers irgend jemandem entwendet zu haben, so etwas tut er nicht, er
hat, wie ein Lateiner sagen würde, allenfalls einen" furtum usus", begangen,
d.h. er hat die Idee und Figur lediglich ausgeliehen und wird sie in nicht allzu
ferner Zukunft ganz korrekt und unbeschädigt dem Urheber und Eigentümer Sigi
Sommer zurück bringen.
Große und bleibende Literatur oder wichtige
Gedanken waren nicht seine Absicht, wenn sich die Mehrzahl seiner Leser gut
unterhalten und irgendwen wiedererkannt hat, dann war das Ergebnis seiner
Bemühungen schon zufriedenstellend, zumindest ausreichend und nicht nur in den
Wind gesprochen.
Der Spaziergänger
wünscht seinen Lesern eine gesegnete und besinnliche Vorweihnachtszeit.
November 2008
eingestellt am 24. November 2008
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