Das politische Testament Friedrichs des Großen oder Die zu großen Fußstapfen

 

Es ist ein eigenartiges Phänomen, dass die Nachfolger herausragender Herrscherfiguren deren Format nur selten erreichen. In Preußen bzw. ab 1871 im Deutschen Reich wird dies deutlich erkennbar. Die Nachfolger Friedrichs des Großen waren im Vergleich zu ihm allenfalls Mittelmaß, zum Teil sogar ausgesprochene Flaschen. Dass Kaiser Wilhelm 1. in der historischen Betrachtung so gut wegkommt, hat er Bismarck zu verdanken. Es ist keinesfalls ein Zeichen fehlender Führungsqualität, sich auf die richtigen Leute zu stützen, ihnen zu vertrauen und Entscheidungen zu überlassen. Die Tragik Kaiser Wilhelms II. und mehr noch die seiner Untertanen war, dass er in seiner Selbstüberschätzung glaubte, es besser machen zu können als Bismarck. ( Interessant ist, dass ausgerechnet Churchill, Jahrgang 1874, Bismarck für den fähigsten Politiker Europas hielt. )

Der unselige 1. Weltkrieg war auch die durchaus vermeidbare Folge kaiserlicher Fehlentscheidungen und Überheblichkeit. Die Einschätzung Friedrichs des Großen von Preußens Möglichkeiten und Grenzen entsprang umgekehrt nicht falscher Bescheidenheit, dafür bestand kein Anlaß, sondern war ein Beweis für Weitblick und politisches Augenmaß.

 

Das sogenannte „ Politische Testament “ Friedrichs des Großen von 1768 ist bei weitem nicht so bekannt wie sein „ richtiges " von 1769 und eigentlich gar kein echtes Testament im Sinne einer letztwilligen Verfügung, aber absolut lesenswert. Der Spaziergänger hat nur ganz wenige geschichtliche Dokumente so gern und immer wieder in die Hand genommen.

 

„ Preußen ist eine Kontinentalmacht : es braucht eine gute Armee und keine Flotte. Unsere Ostseehäfen gestatten uns nicht, unsere Schifffahrt auszudehnen, und wenn wir keine Kolonien in Afrika und Amerika haben, beglückwünsche ich meine Nachfolger, weil diese entfernten Besitzungen die Staaten, denen sie gehören, entvölkern; man muss sie durch große Flotten schützen und sie bilden fortwährend neue Anlässe zu Kriegen, als ob wir nicht schon genug davon mit unseren Nachbarn hätten."

 

Geradezu deprimierend ist es, die späteren fatalen Fehler Kaiser Wilhelms II. im Zusammenhang mit dieser Warnung zu sehen. Die Frage ob und aus welchem Grund Friedrich der Große vorausgesehen hat, dass die deutschen Flottenpläne ca. 100 Jahre später zum Problem für Deutschland und die europäischen Großmächte werden würden, dürfte auch für einen Historiker nicht einfach zu beantworten sein. Andererseits ist kaum vorstellbar, dass er mit diesen Zeilen, für die damals kein aktueller Anlaß bestand, nur Papier füllen wollte.

 

Seine Ratschläge im  „ Politischen Testament " beschränken sich nicht nur auf die Rüstungspolitik. Auch was er zur Steuerbelastung der Bürger - der Adel war von dieser Pflicht befreit - aussagt, ist bemerkenswert:

" Muss man in Bezug auf die Steuern das Wohl des Staates oder das Wohl des Einzelnen vorziehen oder welche Partei soll man nehmen ? Ich antworte : dass der Staat aus Einzelnen ,zusammengesetzt ist und es nur ein einziges Wohl gibt für den Souverän und seine Untertanen. Die Hirten scheren ihre Schafe, aber sie ziehen ihnen nicht die Haut ab. Es ist gerecht, dass jeder Einzelne dazu beiträgt, die Ausgaben des Staates tragen zu helfen, aber es ist gar nicht gerecht, dass er die Hälfte seines jährlichen Einkommen mit dem Souverän teilt."

 

Und er wäre nicht Friedrich der Große, hätte er die religiöse Toleranz, die er in Preußen ohne Nachsicht und mit größter Strenge durchsetzte, unerwähnt gelassen. ( Als nach der Eroberung von Schlesien die dortigen Protestanten, die unter den katholischen Habsburgern schwer gelitten hatten, bei ihm nachfragten, ob sie sich jetzt an den Katholiken rächen dürften, hat er dies zu ihrer Enttäuschung bei Strafe verboten. )

„ Die lutherische und die reformierte Religion, die in unserem Lande die herrschenden sind, können niemals dem Staat schaden, vorausgesetzt, man hält die Pfarrer in den Schranken, in denen sie sich zur Zeit befinden. Sie können Gutes tun, soviel sie wollen; aber man weise sie zurecht, wenn sie sich in das einmischen, was sie nichts angeht. Die Hälfte der Klevischen Länder und ein Drittel von Schlesien sind Katholiken. Die Regierung soll sie nicht nur tolerieren, sondern sie auch schützen vor allen Verfolgungen und Ungerechtigkeiten, die man ihnen antun will, weil es einen Staat nichts angeht, welche metaphysische Meinung im Hirn des Menschen regiert; es genügt, dass jeder sich als guter Bürger und als ein dem Vaterland verpflichtetes Mitglied fühlt.

Diese drei Religionen können in Frieden leben, vorausgesetzt, dass man allen Streitigkeiten streng entgegen tritt, die alten widersinnigen Dispute offen lächerlich macht, scholastische wie absurde, und dass man alle, die die verschiedenen Kulte befolgen, mit absoluter Gleichheit behandelt. "

(Dass die drei Konfessionen als drei Religionen bezeichnet werden, beruht vermutlich auf einem Übertragungsfehler bei der Übersetzung aus dem Französischen, ebenso wie die wiederholte Verwechslung von Fuß und Zoll.)

 

Friedrich war 1768 56 Jahre alt, zum legendären „ alten Fritz " war er für Europa schon viel früher geworden. Er hatte bis auf den Bayrischen Erbfolgekrieg ( " Kartoffelkrieg" ) seine Kriege hinter sich, seinen Körper durch Überanstrengung geschwächt und seine Gesundheit ruiniert. Auch wenn er fast am Schluß seines" Politischen Testaments" schreibt  „ Am Ende, nachdem ich die Bürde der Regierung mein ganzes Leben lang getragen habe, bin ich nicht so wahnsinnig, auch noch nach meinem Tode regieren zu wollen. " ,ist die Sorge um den Bestand Preußens über seinen Tod hinaus deutlich herauszulesen. Vermutlich hat keiner seiner Nachfolger, denen er zurecht nicht viel zugetraut hat, diese Gedanken gelesen und verstanden.

Aus dem Französischen wurde das " Politische Testament" erst 1912 anläßlich seines 200.

Geburtstags übersetzt, zusammen mit seinen Hauptwerken " Denkwürdigkeiten der Geschichte des Hauses Hohenzollern ", " Geschichte meiner Zeit" und " Geschichte des siebenjährigen Krieges". Die letzten Zeilen erinnern an den kategorischen Imperativ von Kant: " Behandelt die anderen, wie wir wünschen, behandelt zu werden, das versteht jeder ; man braucht nur dieser Maxime zu folgen."

 

R.K., Mai 2008

 


   eingestellt am 14. September  2008