Abschied

Das Leben war ihr schon seit langem hauptsächlich eine Last. Auf die Frage, wie es ihr gehe, antwortete sie regelmäßig „als so weiter“ und häufig äußerte sie „ich wäre froh, wenn es bald vorbei wäre“. Ein Leben endet häufig bereits lange vor dem Tod. Ihres vermutlich mit dem Auszug aus der kleinen Wohnung, in der sie zuerst mit meinem Opa und zwei Kindern, danach zu zweit und später allein insgesamt fast 50 Jahre lebte und dem Umzug in eine seniorengerechte Wohnung  in einer anderen Stadt. Richtig eingelebt hat sie sich dort nicht mehr, die Wohnung mochte sie nicht, die Umgebung blieb ihr fremd. Aber sie war kein Mensch, der aufgab, der sich hängen ließ und so lebte sie auch im neuen Zuhause ihren disziplinierten Rhythmus fort, solange es irgendwie ging. Und es ging immer weniger, zuletzt fast gar nichts mehr. Nicht mehr laufen, nicht mehr hören, nicht mehr lesen oder fernsehen, nicht mehr selbständig essen, nicht mehr zur Toilette gehen können. Nicht mehr verstehen, was um einen herum passiert. Ständige Schmerzen. Der Tod war späte Erlösung.

Sie gehörte einer Generation kleiner Leute an, die es in dieser Art heute nicht mehr gibt. Leute, die wenig Aufhebens um die eigene Person machten, fleißig und arbeitsam waren, bescheiden und anspruchslos lebten und die eigenen Bedürfnisse weit nach hinten stellten. Einer Generation, der man auch früh beigebracht hatte zu verzichten, das gesellschaftliche Oben und Unten zu akzeptieren und staatlicher Autorität widerspruchslos zu gehorchen. Einer Generation, die tief geprägt war von den Schrecken des Krieges und der Not und den Wirren der Nachkriegszeit, die existenziellen Mangel noch selbst gespürt hat. Als recht typische Vertreterin ihres Standes leistete sie sich für ihre Wege auch dann kein Taxi, als ihr das Gehen immer schwerer fiel und Essen auf Rädern ließ sie sich nur jeden zweiten Tag kommen, weil sie immer die eine Hälfte für den nächsten Tag aufsparte. Dabei hätte sie sich durchaus mehr leisten können, trotz schmaler Rente, denn mein Großvater und sie hatten sich über die Jahre ein hübsches Sümmchen zusammengespart. Eigentlich für sich selbst, um später einmal niemanden nötig zu haben. Doch später verbrauchte sie davon kaum etwas. Es war nicht nur Sparsamkeit oder gar Geiz, der sie motivierte. Denn so genügsam sie gegen sich selbst war, so großzügig war sie gegenüber ihren Enkeln. Nie entließ sie einen von uns nach einem Besuch ohne einen größeren Geldschein. „Mit der warmen Hand geben“, aber das war nur ein Motiv, genauso wichtig war ihr, den Nachkommen etwas zu hinterlassen. Sie dachte in Familie, in Generationen.

Ihren ersten Mann lernte sie mit 16 kennen und seitdem sind sie zusammen „gelaufen“, wie sie es ausdrückte. Natürlich spielte sich das damals in einem sittenstrengen Rahmen ab, also kein Übernachten beim anderen, kein Sex vor der Ehe und wenn er sie besuchte, blieb ihre Mutter immer mit im Zimmer. Heirat 1934, danach ein paar Jahre zufriedenes Zusammenleben in bescheidenem Wohlstand. Dann begann der große Krieg und ihr Mann war von Anfang an dabei. Es gibt ein Photo von ihm in Prachtuniform wie er stolz und herrisch in die Kamera blickt. Eine Pose, aufgenommen im Studio, aber er soll auch ein ziemlich Überzeugter gewesen sein. Ende 1944 ist er in Ungarn gefallen. Sie hätten sich kurz vorher fast noch einmal  getroffen, in Wien, er sollte zwei Tage Urlaub bekommen. Sie reiste dorthin, doch er war nicht da, es hieß dann, seine Einheit liege in Bruck an der Leitha – sie sprach diesen Namen immer mit besonderer Betonung aus. Obwohl nicht weit entfernt von Wien, war seine Einheit doch bereits wieder verlegt als sie dort eintraf. Ein paar Wochen später erhielt sie die Todesnachricht bzw. genauer eine Vermisstenmeldung. Doch sie ahnte, dass er tot war, denn sie hatte seinen Tod einige Tage vorher geträumt. Sie sah ihn mit einigen Kameraden an einem Fahrzeug stehen, dann setzte Beschuss ein und dann war er verschwunden. Nach dem Krieg erzählte ihr ein Kamerad von ihrem Mann, dass es sich so ähnlich abgespielt hat.

Nach dem Krieg folgten entbehrungsreiche Jahre, die sie in der ländlichen Kleinstadt, aus der sie stammte, überstand. Irgendwann lernte sie durch Vermittlung von Verwandten meinen Opa kennen, der sich als Witwer mit zwei kleinen Kindern durchs Leben schlug. Und beide fanden tatsächlich ein zweites Glück miteinander, sie passten gut zusammen.

In meiner Erinnerung werden Bilder bleiben, wie sie als hilfloses Bündel Mensch, fast nur noch Haut und Knochen, in ihrem Bett liegt, sich nicht mehr mit Worten mitteilen kann. Doch ihr Händedruck war fest, so konnten wir uns spüren. Aber es wird auch das Bild einer schmucken jungen Frau bleiben, die mir von einem alten Photo entgegenblickt, klein, aber selbstbewusst.

Rainer Roth 


   eingestellt am 4. August  2008